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Musik

Kari Kahl-Wolfsjäger: Kissinger Sommer sollte eigentlich ein "kleines Festival" werden

30 Jahre lang hat Kari Kahl-Wolfsjäger das internationale Klassikfestival "Kissinger Sommer" geleitet. Sie holte Stars wie Lang Lang auf die Bühne. Jetzt hört sie auf, im DW-Interview blickt sie zurück auf die Anfänge.

Bad Kissingen - Kurhaus, Regentenbau und Brunnen (Foto: Jürgen Fischer/Fotolia)

Das Bad Kissinger Kurhaus mit Regentenbau und Brunnen

Es ist der Hut, an dem man Kari Kahl-Wolfsjäger erkennt. Jeden Tag trägt sie einen - mal schlicht, mal ein auffälliges Modell.

Kari Kahl-Wolfsjäger (Foto: Kissinger Sommer)

Eine prägende Instanz in Bad Kissingen: Kari Kahl-Wolfsjäger

Kahl-Wolfsjäger (73) hat die Stars der Klassik zu ihrem Festival in den Kurort Bad Kissingen gebracht - und besitzt ein außergewöhnliches Gespür für junge Talente. Die Sopranistinnen Diana Damrau und Mojca Erdmann, die Pianisten Igor Levit und Lang Lang: Sie alle standen in Bad Kissingen zum ersten Mal auf einer großen deutschen Bühne. Der Kissinger Sommer bot mit seiner LiederWerkstatt auch eine Plattform für Komponisten der Neuen Musik wie der damals junge Moritz Eggert. Diese Künstler hielten dem Festival danach die Treue.

DW: Sie haben den Kissinger Sommer gegründet, man könnte sogar sagen: In den vergangenen 30 Jahren waren Sie der Kissinger Sommer. Die Musiker standen auf der Bühne, aber Sie haben das Programm gestaltet.

Kari Kahl-Wolfsjäger: Ich habe alles gemacht! Es gibt nichts, das ich nicht gemacht habe...!

Also sind Sie vermutlich diejenige, die am besten sagen kann: Was macht den Kissinger Sommer aus?

Nein, gerade weil ich es gegründet habe, ist es so schwer, den richtigen Abstand zur eigenen Arbeit zu bekommen. Ich bin Journalistin und keine Künstlerin. Ich habe ein bisschen Musikwissenschaften studiert, aber hauptsächlich Englische Literatur, Kunst und Theaterwissenschaften. Ich habe auch an Theatern und Opernhäusern gearbeitet, bin aber in erster Linie Journalistin.

Aber Sie hatten sicher eine Idee im Kopf.

Natürlich! Jedes Jahr! Es war aber damals ein Mitglied des Bundestages, Eduard Lintner, der mich hier hingeholt hat. Er hatte die Idee zu diesem Festival. Zwei Jahre vorher hatte ich angefangen, für die Wirtschaftszeitschrift Capital zu arbeiten und habe von den Festivals in Europa berichtet, konnte auch jeden Monat nach London, Paris, Wien, Berlin oder New York reisen. Ich dachte, "Was soll ich da in der bayrischen Provinz?" und war zunächst überhaupt nicht interessiert.

Wie hat er Sie überredet?

Ich habe diese Säle in Bad Kissingen gesehen - den großen Saal, den Max-Littmann-Saal und die anderen vier Säle - und war natürlich begeistert. Der Dirigent Thomas Sanderling war dabei, und als er diese Räume sah, sagte er: "Bist du verrückt!? Nicht mal Salzburg hat solche Säle!" Ich habe dann zugestimmt. Zunächst hatte ich vor, ein kleines Festival zu veranstalten, es sollte nur eine Woche dauern. Der erste Kissinger Sommer dauerte aber schon drei Wochen. Das war viel mehr, als ich dachte, neben meiner normalen Arbeit schaffen zu können. Aber als Journalistin kannte ich viele bekannte Künstler: Die großen Sänger René Kollo und Peter Schreier kamen, die Sängerin Katia Ricciarelli, aber auch der Schauspieler Peter Ustinov und der Geiger Frank Peter Zimmermann. Als Journalistin hatte ich ihn kennengelernt als er 13 oder 14 Jahre alt war. 1986 muss er ungefähr 18 gewesen sein. Ich muss also zugeben: Ich hatte es einfacher als andere, so ein Festival anzufangen.

Festival Kissinger Sommer - Halle des Regentenbaus von Bad Kissingen

Die Halle des Regentenbaus von Bad Kissingen

Ich vermute, dass es zahlreiche Momente in den letzten 30 Jahren gibt, an die Sie sich lebendig erinnern. Erzählen Sie bitte von einem!

Ein Moment ist außergewöhnlich wenn auch nicht wirklich schön. Der große russische Pianist Swjatoslaw Richter war dreimal hier. Beim dritten Mal haben wir im Steigenberger Hof zu Mittag gegessen, zusammen mit seiner Frau Nina. Ich bin danach ins Büro gegangen, und er hat sich ausgeruht, weil er am Abend spielen sollte. Dann kam der Klavierstimmer zu mir - Nina hat ihn geschickt, es gab ja damals keine Handys! Er sagte mir, dass Nina mich sprechen möchte. "Kari", sagte sie, "Slava kann nicht spielen! Er zittert nur noch." Es hatte ein Gewitter gegeben, und Richter stand unter Schock; er hatte Herzprobleme. Der Saal war aber ausverkauft. Ich musste also erst einmal nachdenken: Niemand kommt innerhalb von zwei Stunden nach Bad Kissingen! Und dann fiel es mir ein: Lars Vogt, ein junger, talentierter Pianist, war noch da. Er wollte sich das Konzert anhören.

Der deutsche Pianist Lars Vogt Copyright: Hermann Wöstmann dpa

Der deutsche Pianist Lars Vogt. Er stand früh beim Kissinger Sommer auf der Bühne und ist mittlerweile ein weltweit gefragter Solist

Also habe ich nach seiner Zimmernummer gefragt und gegen seine Tür geschlagen. Er kam raus, trug nur Unterhose und T-Shirt, und ich sagte: "Lars, zieh dich an, du musst heute auftreten. Herr Richter ist krank." Ich glaube, er hat das anfangs gar nicht verstanden. Also musste ich es wiederholen: "Zieh dich an, denk drüber nach, was du spielen kannst!" Ich wartete vor der Tür damit er mir ja nicht entwischen konnte. Er war damals 22 oder so, ein kräftiger deutscher Junge, sehr talentiert! Das Konzert war großartig!

Der nächste Kissinger Sommer wird der erste ohne Sie. Was werden Sie nächstes Jahr im Sommer machen?

Zusammen mit meinem Nachfolger Tilman Schlömp kuratiere ich die LiederWerkstatt in Bad Kissingen. Und ich organisiere ein neues Musikfestival im Mai in München. Große Stars und junge Künstler!

Also keine Pause?

Nein! Warum sollte ich?

Der Pianist Lang Lang © Harald Hoffmann Sony Classical

Lang Lang wird das Abschiedskonzert für Kari Kahl-Wolfsjäger spielen. Er kam vor zwölf Jahren zum ersten Mal nach Bad Kissingen

Der Kissinger Sommer endete am 24. Juli. Als Nachklapp zum diesjährigen Festival wird Lang Lang am 25. Oktober in Bad Kissingen spielen. Mit seinem Konzert wird Kari Kahl-Wolfsjäger, deren Vertrag jetzt auslief, nach drei Jahrzehnten Intendanz verabschiedet.

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