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Kultur

Kardinäle gehen in offenes Rennen

"Extra Omnes! Alle raus!" Mit dieser Aufforderung durch den Zeremonienmeister wurde die Sixtinische Kapelle verschlossen: Das Konklave zur Wahl des Papstes hat begonnen. Es gibt keinen klaren Favoriten.

Ein Kardinal verschließt die Türen xder Sixtinischen Kapelle in Rom.

In Rom hat die Papstwahl begonnen; mit dem Spruch "Extra Omnes! Alle raus!" wurde die Sixtinische Kapelle dafür nun geschlossen.

Die 115 wahlberechtigten Kardinäle legen einen Eid ab, der sie zur absoluten Geheimhaltung verpflichtet. Außerdem schwören die Purpurträger, dem nächsten Papst zu dienen und treu zu sein. Seit 1274 werden die Kardinäle eingeschlossen, früher auch außerhalb Roms. So sollten Einflüsse von weltlichen Fürsten unterbunden werden und die Wahl beschleunigt werden. Manchmal konnten sich die Kardinäle jahrelang nicht auf einen neuen Papst einigen.

Diesmal, bei der Wahl des 266. Nachfolgers auf dem Stuhl Petri, werden wohl einige Tage gebraucht, bis einer der Kandidaten die notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit, 77 von 115 Stimmen, erreichen kann. Am Dienstag gibt es nur eine Abstimmung, eine Art Vorwahl, um das Feld der Kandidaten zu sichten, so Vatikan-Sprecher Federico Lombardi. Von Mittwoch an sind täglich vier Wahlgänge vorgesehen. Auf dem Petersplatz sind Hunderte von Kameras der internationalen Presse auf das provisorische Ofenrohr auf dem Dach der Sixtinischen Kapelle gerichtet. Dort steigt weißer Rauch auf, wenn ein neuer Papst gewählt ist.

In der Sixtinischen Kapelle sind langezogene Tische entlang der Längswände mit Schreibmaterial für die Papstwahl eingedeckt. (Foto: REUTERS)

Luxuriöse Wahlkabine: Sixtinische Kapelle im Apostolischen Palast

Reformer gegen Römer

Die "Vaticanisti", also die professionellen Kirchen-Korrespondenten der italienischen Zeitungen, sind sich diesmal nur in einem einig: Es gibt keinen klaren Favoriten. Nach intensivem Wahlkampf während der letzten Woche unter den Kardinälen, die sich ja täglich zur Vollversammlung getroffen haben, schälen sich zwei Lager heraus. Auf der einen Seite stehen die Reformer aus Europa und den USA, die die Kirche modernisieren und das kirchliche Hauptquartier in Rom neu organisieren wollen. Ihr Kandidat ist offenbar der 71-jährige Erzbischof Angelo Scola aus Mailand. Die italienische Zeitung "La Stampa" erklärte Scola zum aussichtsreichen Kandidaten. Er werde im ersten Wahlgang um die 35 Stimmen erhalten, so die Zeitung. Das zweite Lager sind nach Einschätzung vieler Vatikan-Experten die "Römer". Das sind vor allem die Kardinäle, die in der Kurie, der kirchlichen Hierarchie in Rom, hohe Posten bekleiden. Sie unterstützen offenbar den 63-jährigen Erzbischof von Sao Paulo, Odilo Pedro Scherer. Der eher konservative Vertraute des abgedankten Papstes Benedikt XVI. wäre der erste nicht-europäische Oberhirte.

Gold-silberne Wahlurnen für die Papstwahl in der Sixtinischen Kapelle in Rom. (c) REUTERS/Osservatore Romano

Warten auf die Stimmen der Kardinäle: Papst-Wahlurnen in der Sixtinischen Kapelle

Der Wiener Kardinal Christoph Schönborn sagte vor dem Konklave, es habe eine gute Grundsatzdebatte über die Lage der Kirche gegeben. "Es ist in dieser Woche in seltener Weise offen, frei, in großer Wahrhaftigkeit miteinander gesprochen worden über die Licht- und auch über die Schattenseiten der jetzigen kirchlichen Situation." Schönborn warnte aber davor, die Papstwahl mit einer normalen Wahl zu vergleichen, schließlich habe Gott die Hand im Spiel. "Es geht darum, wirklich zu fragen, wer ist jetzt der von Gott Erwählte? Natürlich müssen wir daran mitarbeiten und mitwirken, aber es geht nicht um irgendwelche Parteien und Gruppierungen, sondern wer soll das geistliche Oberhaupt der Kirche sein?"

Kompromiss könnte ein Nordamerikaner sein

Falls sich eines der Lager nicht durchsetzen kann, haben Kompromiss-Kandidaten oder auch krasse Außenseiter eine Chance. Der lachende Dritte könnte der ehemalige Erzbischof von Quebec (Kanada), der 68-jährige Kardinal Marc Ouellet sein. Er arbeitet als Präfekt der Kongregation für die Bischöfe auf einem hohen Leitungsposten der Kurie in Rom. Genannt werden von verschiedenen Kirchen-Beobachtern auch der Erzbischof von Boston, Sean Patrick O'Malley (68) und der Erzbischof von New York, Michael Timothy Dolan (63). Dolan glänzte in Rom in der vergangenen Woche durch sein joviales Auftreten in der Öffentlichkeit. Er hielt regelmäßig Pressekonferenzen ab, bis der Vatikan dies untersagte. Dolan sagte in einem Interview, seine Chancen seien eher klein. Italienische Zeitungen billigen dem Erzbischof von Manila (Phillippinen) Luis Antonio Tagle die Qualitäten zu, die ein Kompromiss-Kandidat bräuchte. Mit 55 Jahren ist Tagle einer der jüngsten Kardinäle überhaupt und will vor allem die Jugend für die Kirche begeistern. Genannt wird auch der Erzbischof von Esztergom-Budapest, der 60-jährige Ungar Peter Erdö.

Kein deutscher Kandidat

Kardinal Angelo Scola bei der Messfeier (Foto: Fabio Frustaci / EIDON/MAXPPP)

Kandidat der Reformer: Kardinal Scola

Ein deutscher Geistlicher, der nicht genannt werden will, sagte in Rom, man sollte sich nicht zu sehr auf die geographische Herkunft der Kandidaten versteifen. "Das spielt in der Weltkirche keine so große Rolle mehr." Viel wichtiger sei, wie der Kandidat die Missstände in der katholischen Kirche anpacken wolle. "Aber eines ist klar: Ein Deutscher wird es mit Sicherheit nicht", sagte der Geistliche. Schließlich kam Joseph Ratzinger, der mit seiner spektakulären Abdankung diese Papstwahl nötig gemacht hat, aus Deutschland. Der Vatikan-Analyst Sandro Magister schrieb in der Zeitschrift "L'Espresso": "Die meisten der Kandidaten mit den größten Aussichten haben verstanden, dass die frohe Botschaft der Kirche durch die Realität der krassen Missstände in der römischen Kurie verdunkelt wird." Vom nächsten Papst erwartet man Antworten auf die Skandale um sexuellen Missbrauch durch Geistliche, Durchgreifen bei der Reform der Vatikanbank und Aufklärung der Vati-Leaks-Affäre. In italienischen Medien ist von 20 Verschwörern die Rede, die neben dem verurteilten Kammerdiener am Verrat von päpstlichen Geheimnissen beteiligt gewesen sein sollen.

Nicht Manager, sondern Hirte

Der Erzbischof Wiens, Kardinal Christoph Schönborn (Foto:EPA/GUIDO MONTANI)

Auf Qualität achten: Kardinal Schönborn

Der Wiener Erzbischof Christoph Schönborn (68) warnte vor Journalisten, das Papstamt nicht auf seine weltliche Dimension zu reduzieren. Der Stellvertreter Christi auf Erden sei nicht in erster Linie ein Manager oder Geschäftsführer. "Aber die entscheidende Voraussetzung ist sicher, ich würde sagen, ist er ein Mann des Evangeliums?", so Kardinal Schönborn. "Eine weltweite Gemeinschaft wie die katholische Kirche braucht Managerqualitäten. Aber das ist nicht das Erste, was man vom Papst erwartet. Er soll gute Mitarbeiter haben. Natürlich schaut man unter den Kardinälen auch auf Qualitäten, wie zum Beispiel er eine Diözese leitet. Man wird sicher niemanden zum Papst wählen, der in seiner Diözese ein Desaster hinterlassen hat. Da gibt es auch ganz einfache Regeln der Klugheit."

Schönborn, der als hervorragender Diplomat innerhalb des Kardinalskollegiums gilt, hat nach Meinung einiger Vaticanisti selbst Chancen, als Kandidat des Kompromisses gewählt zu werden. Die Kardinäle übernachten im Gästehaus "Heilige Martha" neben dem Petersdom. Kontakt zur Außenwelt ist ihnen nicht gestattet. Fernseher, Telefone, Computer und Tageszeitungen sind verboten. Rund 5000 Journalisten übertragen die Papstwahl in alle Welt.

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