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Europa

Karadzic schon bald vor UN-Tribunal?

Der mutmaßliche Kriegsverbrecher Karadzic könnte schon bald vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag stehen, wie Serbien in Aussicht gestellt hat. International wurde seine Verhaftung begrüßt.

Nach der Verhaftung: Undatiertes Foto von Karadzic mit weißem Haar, Bart und Brille (Quelle: AP)

Pressekonferenz nach Verhaftung: Undatiertes Foto von Karadzic mit weißem Haar, Bart und Brille

Ein Untersuchungsrichter entschied, dass die rechtlichen Bedingungen für eine Überstellung an Den Haag erfüllt seien. Karadzic wurde noch in der Nacht zum Dienstag (22.07.2008) einem Untersuchungsrichter vorgeführt. Dieser hatte nach Angaben von Sonderstaatsanwalt Vladimir Vukcevic keine rechtlichen Einwände gegen eine Überstellung nach Den Haag. Sein Mandant werde gegen eine Auslieferung Einspruch einlegen, sagte Karadzics Anwalt Svetozar Vujacic. Sobald dies offiziell verkündet wird, hat Karadzic nach serbischem Recht drei Tage Zeit, um Einspruch einzulegen.

Der frühere bosnischer Serbenführer war am späten Montagabend in Belgrad festgenommen worden. Er hatte sich zuletzt in einem Vorort der serbischen Hauptstadt aufgehalten und dort in einer Privatklinik als Spezialist für Alternativmedizin gearbeitet. Das teilte der serbische Verantwortliche für die Zusammenarbeit mit dem Den Haager Kriegsverbrechertribunal, Rasim Ljajic mit. Er präsentierte dazu ein Foto, auf dem ein dünner Mann mit langen Haaren, einem weißen Bart und Brille zu sehen ist.

'Glücklich und frei herumgelaufen'

Konnte ihn oder wollte ihn so niemand erkennen? (Quelle: AP)

Konnte ihn oder wollte ihn so niemand erkennen?

Karadzic soll im Stadtteil Neu-Belgrad mit falschen Dokumenten unter dem Namen Dragan Dabic gelebt haben. Der Ankläger des serbischen Kriegsverbrechertribunals, Vladimir Vukcevic, sagte, Karadzic sei "glücklich und frei in der Stadt umhergelaufen". Selbst den Leuten, von denen er eine Wohnung gemietet habe, sei seine wahre Identität nicht bewusst gewesen."

Widersprüchliches zur Festnahme

Über die genauen Umstände der Festnahme gab es widersprüchliche Berichte. Nach Angaben von Vukcevic sei Karadzic am Montagabend "in der Umgebung von Belgrad" verhaftet worden. Die Enttarnung sei im Zuge der Suche nach dem ebenfalls flüchtigen Mladic möglich geworden. Polizei und Geheimdienste hätten die Helfershelfer von Mladic observiert und seien auf Karadzic gestoßen. Die Spezialkräfte der Geheimdienste hätten zugegriffen, als sich Karadzic von einem Unterschlupf zu einem neuen Versteck begeben wollte. Karadzics Anwalt Sveta Vujacic hatte dagegen erklärt, sein Mandant sei bereits am Freitagmorgen in einem Linienbus gefasst und dann drei Tage festgehalten worden.

International wurde die Verhaftung des ehemaligen bosnischen Karadzics begrüßt. Der UN-Chefankläger Serge Brammertz nannte die Festnahme einen "Meilenstein" in der Zusammenarbeit zwischen Serbien und dem UN-Tribunal. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon sprach von einem "historischen Augenblick". Die französische EU-Ratspräsidentschaft sprach von einer "wichtigen Etappe" auf dem Weg zu einer weiteren Annäherung Serbiens an die Europäische Union. Serbien hatte Ende April ein Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommen mit der EU unterzeichnet, das jedoch nur bei einer "vollständigen Zusammenarbeit" Belgrads mit dem Tribunal in Kraft tritt.

Der frühere Bundesaußenminister Joschka Fischer sah in der Festnahme Karadzics ein Signal für "die Ernsthaftigkeit des politischen Kurswechsels in Belgrad", wie er der "Zeit Online" am Dienstag sagte. Amnesty International sprach von einem "wichtigen Sieg".


Der 44. Serbe in Den Haag

In Belgrad protestierten unterdessen rund 100 serbische Ultranationalisten gegen die Festnahme Karadzics. Wie Augenzeugen berichteten, warfen sie Steine und Feuerwerkskörper auf Polizisten. Unter ihnen soll einer der wichtigsten Führer der Ultranationalisten, Aleksandar Vucic gewesen sein, sowie der Bruder des Festgenommenen, Luka Karadzic.

Radovan Karadzic gehörte zu den meistgesuchten Akteuren des Balkankonflikts. Er ist in Den Haag wegen Völkermords, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Bosnienkrieg von 1992-1995 angeklagt und gilt als Hauptverantwortlicher für das Massaker von Srebrenica, bei dem im Juli 1995 rund 8000 Muslime starben. Außerdem muss er sich für die 43-monatige Belagerung von Sarajevo verantworten, bei der 10.000 Zivilisten starben. Wenn er nach Den Haag ausgeliefert wird, ist er der 44. Serbe, der dem Tribunal überstellt wird. Prominentester Verdächtiger war bislang der frühere serbische und jugoslawische Präsident Slobodan Milosevic, der 2000 gestürzt wurde und 2006 in Untersuchungshaft in Den Haag starb. (ina)

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