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Wirtschaft

Kapriolen am Anleihemarkt

Weltweit sind die Kurse für Staatsanleihen zusammengebrochen. Im Gegenzug steigen die Renditen. Anleger sind also nicht mehr bereit, Staaten umsonst Geld zu leihen. Deutet sich eine Zinswende an?

Solche Kursabstürze am Anleihemarkt hat die Finanzwelt lange nicht mehr erlebt. Anleger haben vor allem Deutschland den Rücken gekehrt. Die Rendite auf Bundesanleihen ist innerhalb weniger Tage von fünf Basispunkten auf 68 gestiegen. Mit anderen Worten: Der Zinssatz auf zehnjährige deutsche Staatsanleihen ist von 0,05 auf knapp 0,7 Prozent geklettert. Das ist prozentual ein riesiger Sprung nach oben, auch wenn der Zins immer noch auf einem niedrigen Niveau verharrt. Man könnte das Ganze als eine Revolution im Kellerbereich bezeichnen.

Es habe ein Stimmungsumschwung stattgefunden, sagt Birgit Figge, Analystin bei der DZ Bank: "Es wurde darauf spekuliert, dass die Europäische Zentralbank ihr Anleihekaufprogramm zurückfährt."

Seit März gibt die EZB monatlich 60 Milliarden Euro aus, um Anleihen in der Eurozone aufzukaufen. Davon fallen 40 Milliarden auf Staatsanleihen. Bis September 2016 soll das Programm laufen. Die Notenbank will dadurch die Konjunktur sowie die Inflation in der Eurozone anschieben. Zuvor sorgten der Verfall der Rohölpreise und Wirtschaftsflaute in einigen Euro-Ländern bereits für fallende Preise. Es galt, eine Deflation, den Teufelskreis aus fallenden Preisen, Wirtschaftsrückgang und hoher Arbeitslosigkeit, mit allen Mitteln zu verhindern.

EZB sorgt für Kursfeuerwerk

Von der Geldschwemme der Notenbank ist bisher wenig in der Realwirtschaft angekommen. Der Großteil landete auf dem Aktien- und Anleihemarkt. Ein Kursfeuerwerk wurde entfacht. Das drückte die Rendite der Staatsanleihen. Deutschland und ein paar andere Euro-Staaten konnten sich zum Nulltarif verschulden. Für die Anleger war das schmerzhaft, doch angesichts einer Inflation ebenfalls nahe Null verkraftbar. Das hat sich nun geändert. Die Rohstoffpreise sind gestiegen und damit die Inflationserwartung, die durch verbesserte Wirtschaftsdaten in der Eurozone zusätzlich verstärkt wird. Wenn die Inflation wieder in die Nähe des von der EZB angestrebten Ziels von zwei Prozent kommt, dann sind die mickrigen 0,05 Prozent auf Staatsanleihen schlicht nicht mehr akzeptabel. Das erklärt den Ausverkauf der Staatsanleihen.

Birgit Figge Kreditanalystin der DZ Bank

Birgit Figge, Analystin bei der DZ Bank

"Im Grunde passen die Renditen nicht mehr mit dem fundamentalen Umfeld zusammen", sagt Anleihe-Expertin Figge der Deutschen Welle. Die wirtschaftliche Erholung ziehe an, auch die Abwertung des Euro habe nachgelassen. "Hinzu kamen steigende Renditen in den Vereinigten Staaten, weil die US-Notenbank die Leitzinsen sehr wahrscheinlich anheben wird", sagt Figge weiter.

Von einer Anhebung der Leitzinsen ist die EZB zwar noch weit entfernt, doch allein die Befürchtung, dass die Währungshüter in der Eurozone das Anleihekaufprogramm zurückfahren oder vorzeitig beenden könnten, reichte für die Investoren aus, um sich scharenweise von den Staatsanleihen zu trennen.

EZB beruhigt Anleger

Die Befürchtung ist allerdings unbegründet. Es gelte, Tempo und Umfang der geplanten Anleihekäufe beizubehalten, sagte Yves Mersch, Direktoriumsmitglied der EZB am Montag (18.05.2015). Die Zentralbank hat kein Interesse daran, dass die überschuldeten Länder mit steigenden Zinsen belastet werden. Solange sie als ein großer Käufer im Markt mitmischt, geht Birgit Figge davon aus, dass die Renditen noch mal sinken. Was wir am Anleihemarkt erlebt haben, war also keine Zinswende, sondern die Korrektur einer Übertreibung.

Sparer, die durch die Kapriolen am Anleihemarkt bereits auf bessere Zeiten für ihre Ersparnisse gehofft haben, haben sich zu früh gefreut. Im Gegenteil, die anziehende Inflation wird den Minizins auffressen und den Frust der Sparer noch weiter steigern.