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Aktuell Europa

Kapitän Schettino sagt erstmals in Italien vor Gericht aus

Der Kapitän des Kreuzfahrtschiffes Costa Concordia war nie um Worte verlegen. Knapp drei Jahre nach dem Unglück vor Giglio äußert er sich nun vor Gericht. Und auch jetzt hat er eine bemerkenswerte Sicht der Dinge.

Kapitän Schettino bei seiner Ankunft vor Gericht (Foto: AP)

Kapitän Schettino bei seiner Ankunft vor Gericht

Der angeklagte Kapitän Francesco Schettino gilt in Italien schlechthin als das Gesicht der Katastrophe vom 13. Januar 2012. Außer ihm steht niemand vor Gericht. Seit eineinhalb Jahren läuft der Prozess um die Havarie der Costa Concordia mit mehr als 4200 Menschen an Bord. Jetzt sagte der 54-Jährige erstmals aus.

Das Kreuzfahrtschiff hatte seinerzeit bei einem riskanten Manöver vor der Küste der Toskana einen Felsen gerammt und war vor der italienischen Mittelmeerinsel Giglio gekentert. 32 Menschen kamen ums Leben, darunter 12 Deutsche. Hunderte Passagiere wurden verletzt.

"Drei Fliegen mit einer Klappe schlagen"

Im Gerichtssaal im Teatro Moderno im toskanischen Grosseto, der eigens für das Verfahren hergerichtet worden ist, äußerte sich Schettino zunächst zu der eigenmächtigen Kursänderung.

Schettino im Gerichtssaal (Foto: AP)

Schettino, nie um eine Ausrede verlegen

Dass die Costa in jener kalten Januarnacht so gefährlich nahe an die italienische Insel Giglio fuhr, habe mehrere Gründe gehabt: "Ich wollte drei Fliegen mit einer Klappe schlagen." Erstens habe das Manöver, bei dem das Schiff die Insel "grüßt" und die Passagiere Land sehen können, kommerzielle Gründe gehabt. Zweitens habe er einem Schiffskellner, der von Giglio stammt, einen Gefallen tun wollen, und drittens habe er einem befreundeten Kapitän von Giglio die Ehre erweisen können.

Bei der Live-Übertragung im Fernsehen ist nur Schettinos Stimme zu hören. Gefilmt werden wollte der stets braun gebrannte Kapitän nicht.

Die Reederei Costa Crociere habe nichts von dem Manöver gewusst, als Kapitän habe er die Reederei nicht informieren müssen, sagte Schettino weiter. Auch wies er zurück, dass die Costa technische Probleme gehabt habe - obwohl seine Anwälte dies zuvor nahegelegt hatten.

Das Wrack der Costa Concordia wird nach Genua geschleppt (Foto: AFP)

Das Wrack der Costa Concordia wird nach Genua geschleppt

"Eine Dummheit" führte zur Katastrophe

Er räumte ein, dass jemand die Verantwortung von dem indonesischen Rudergänger übernehmen hätte sollen. Er habe das Problem nicht realisiert, weil ihm nicht klar gewesen sei, wie nahe die Costa an der Insel sei, zitierte die Nachrichtenagentur ANSA Schettino. Im Allgemeinen habe ihn das Schweigen an Deck in die Irre geführt.

Eine weitere Frage bezog sich auf die Rolle der Moldauerin Domnica Cemortan, die mit Schettino seinerzeit ein Verhältnis hatte und mit ihm in der Unglücksnacht beim Essen war. Sie sei nicht der Grund für das Manöver vor Giglio gewesen, so Schettino. Alles in allem habe "eine Dummheit" zu der Katastrophe geführt. Man solle nicht glauben, dass ihn das Unglück nicht quäle, meinte Schettino weiter.

"Kapitän Feigling"

Nach der Havarie hatte der Kapitän laut Zeugenaussagen als einer der Ersten die Costa Concordia verlassen. Aus dem Funkgespräch mit dem wütenden Leiter der Küstenwache geht hervor, dass Schettino sich später weigerte, an Bord des sinkenden Kreuzfahrtschiffes zurückzukehren und sich seiner Verantwortung als Kapitän zu stellen. Er gab damals an, aufgrund der Neigung des Schiffes in das Rettungsboot gefallen und dann an Land geblieben zu sein, um von dort aus die Rettungsarbeiten zu koordinieren. Nach Veröffentlichung des Gesprächs hieß Schettino im Land nur noch "Kapitän Feigling" und "Italiens meistgehasster Mann".

Schettino muss sich wegen fahrlässiger Tötung in mehreren Fällen, Verlassen eines Schiffs in Seenot und Verursachung von Umweltschäden verantworten. Ihm drohen bis zu 25 Jahre Gefängnis. Ein Urteil könnte nach Medienberichten schon im Januar fallen.

Das Wrack der Costa Concordia erinnerte lange vor Giglio an die Tragödie, bis es im Juli mit einer technischen Meisterleistung geborgen und zum Verschrotten nach Genua geschleppt worden war. Dort wurde dann vor einem Monat die Leiche des letzten noch vermissten Todesopfers geborgen.

se/pg (afp, dpa)