1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Deutschland

Kanzlerin bei den Katholiken 

Auftritte der Bundeskanzlerin in Bayern haben Seltenheitswert. Auf Einladung des Bistums sprach sie nun beim Neujahrsempfang in Würzburg. "Keine Predigt", meinte Kardinal Marx.

Diözesanempfang des Bistums Würzburg (Foto: picture alliance/dpa/N. Armer)

Merkel - inmitten von Katholiken

Man muss sich kirchliche Neujahrsempfänge als gediegene Veranstaltungen vorstellen. Eigentlich. An diesem Montagabend in Würzburg ist das anders. Da spielt "Blechschaden", ein exzellentes Ensemble von Musikern der Münchner Philharmoniker. Und als Rednerin spricht Angela Merkel, die Bundeskanzlerin. 

Das Dutzend Musiker von "Blechschaden" bereitet die Stimmung. Und spielt "Time to Say Goodbye" und "One Moment in Time" vor Merkels Eintreffen. Als der Gast aus Berlin dann da ist, begrüßen sie die 2000 Gäste - darunter auch die bayerische Weißwurstkönigin - bei ihrem Einmarsch im Stehen. Und statt der Shanties gibt das Blech alsbald Bach in C-Moll. 

Für Würzburgs Bischof Friedhelm Hofmann (im Artikelbild neben der Kanzlerin) ist Merkels Auftritt ein Scoop. Im Mai wird er 75 Jahre alt, bald steht dann seine Pensionierung an. Und nach sorgfältigen Vorarbeiten wusste er seit dem Sommer um den Auftritt der Kanzlerin. So saßen diverse katholische Bischöfe im Publikum. 

Merkels Rede und keine Predigt

Und Merkel äußert bei verschiedenen Themen ihren Dank an die Kirchen. Für ihr Engagement in der Flüchtlingsarbeit, für ihren Beitrag zur sozialen Prägung der Gesellschaft. Und sie streichelt die kirchliche Seele. So sei "Religionsunterricht in unserer heutigen Zeit eher wichtiger als weniger wichtig" (da erntet sie mit den stärksten Beifall) und "außerordentlich wichtig", weil es um Gewissens- und Herzensbildung gehe und "den großen Zusammenhang unseres Lebens als Geschöpfe Gottes". Merkel, meint Kardinal Reinhard Marx, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, später, habe "keine Predigt"gehalten, "das ist nicht die Aufgabe der Kanzlerin", aber die habe den Respekt für die Leistung der Kirchen für die Gesellschaft betont. 

Würzburg ist Franken und Franken ist Bayern. Eher selten kommt Merkel nach Bayern. Das Verhältnis der beiden C-Parteien mag da eine Rolle spielen. Und wie 2009 in der Katholischen Akademie in München wählt sie als Bühne im beginnenden Wahljahr eine kirchliche Veranstaltung. Lobt Flüchtlingsarbeit und Ehrenamt; aber jede Bemerkung zur CSU bleibt aus.  

Angela Merkel in Würzburg (Foto: picture alliance/dpa/N. Armer)

Angela Merkel ist selbst Protestantin

Terror und Abschiebungen

Das Lob für das in diesem Teil Bayerns ausgeprägte Engagement vieler ehrenamtlicher Kräfte in der Flüchtlingsarbeit - "ein herzliches Dankeschön" - bleibt der einzige sanfte Hinweis. Dabei bekommt Merkel auch Beifall für die Rückführung jener, "die kein Aufenthaltsrecht bei uns haben". "Um so schneller, desto besser." Stunden zuvor, sagt da ein kundiger Journalist, wurden einige Afghanen von Würzburg zum Frankfurter Flughafen gebracht. 

Und Merkel spricht auch den islamistischen Terror an - "Sie haben das erlebt im letzten Jahr." Da hatte in einem Regionalzug ein junger Flüchtling mehrere Menschen schwer verletzt. Sie nennt weitere Anschlagsorte, auch den Berliner Breitscheidplatz. Die Bürger erwarteten zu Recht, dass die Politik Sicherheit und Freiheit garantiere, sagt sie und wirbt für mehr Überwachung sozialer Netzwerke. 

Wohl ein halbes Dutzend Auftritte bei Neujahrsempfängen hat Merkel 2017 schon absolviert. In Saarlouis, Köln, dem Südwesten. Ein Warmlaufen für den Wahlkampf. Immer gut 30-minütige Reden, immer geht es um Globalisierung und Digitalisierung und sozialen Zusammenhalt. Dass Regierende für all das nur "politische Leitplanken" schaffen könnten. Aber immer gilt: Die richtige Emotion für den Wahlkampf fehlt noch. 

Xi und Trump

Der Neue in Washington kommt in ihrer Würzburger Rede übrigens nicht vor. Oder fast nicht. Beim Thema Globalisierung kommt sie auf nationale Offenheit zu sprechen und knüpft auffallend deutlich an Äußerungen des chinesischen Präsidenten Xi Jinping an. Wer Innovationen wolle, müsse offen für weltweiten Wettbewerb sein. Da brächten Abschottung und Protektionismus nichts. Den Chinesen zitiert Merkel zustimmend, und vielleicht meint sie doch Donald Trump. 

Einen zitiert die Kanzlerin zum Ende der Rede ausdrücklich und spürbar gerne: Papst Franziskus. Der habe in seinen Worten am Neujahrstag für gemeinschaftliche Orte des Miteinanders in Städten und gesellschaftliche Offenheit geworben. Darum, so Merkel, gehe es heute: offen auf andere zuzugehen. Beifall. Abgang, setzen. Abhaltender Beifall. Sie steht auf und winkt. Einmal, zweimal. Und dann "Blechschaden" für alle, "A Taste of Honey".