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Reise

Kanzleramt statt Ostseestrand

Kein Grund für Berliner, im Sommer über Hitze in der Stadt zu jammern. Denn es gibt mehrere Strände zum Gammeln und Cocktails schlürfen. Einer bietet sogar Blick auf den Reichstag.

Menschen am so genannten Bundespressestrand in Liegestühlen (Quelle: walks + talks)

Abkühlung am "Bundespressestrand"

Die Wellen schlagen sanft ans Ufer. Die Sonne steht hoch am Himmel, fast weiß leuchtet der Sand im Mittagslicht. Urlaubsgefühl. Auch wenn am Horizont keine Ozeandampfer vorbeituckern, sondern Ausflugsdampfer, aus deren Lautsprechern die Geschichte des Berliner Regierungsviertels plärrt. Dort, wo eigentlich das Meer hingehört, residiert Angela Merkel in ihrem Bundeskanzleramt, der Strand ist künstlich aufgeschüttet. Das macht man seit einigen Jahren so in deutschen Städten. Und weil man direkt im Regierungsviertel ist, heißt der Strand hier "Bundespressestrand".

Cocktails im Regierungsbezirk

Direkt nebenan ist das Gebäude der Bundespressekonferenz, wo sich zwei Mal in der Woche die Regierungssprecher von den Journalisten "grillen" lassen, wie es im Hauptstadtjargon heißt. Am Strand dagegen rösten momentan vor allem Touristen vor sich hin. "Nach Feierabend kommen viele Gäste aus dem Regierungsviertel und den umliegenden Bürobezirken", sagt Florian, der sich als Bar-Leiter vorstellt. "Vorher sind es hauptsächlich Touristen."

Nach dem Besuchsprogramm in den Liegestuhl

Gerade ist früher Nachmittag, die Beamten arbeiten noch fleißig – die Strandbesucher haben ihr Programm bereits hinter sich: von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit zu hetzen. Sich bei 35 Grad in der Glaskuppel des Reichstags köcheln zu lassen. "Das ist ja Pflicht", erklärt eine Touristin, die an ihrer Apfelschorle nippt. Und ihre zehnjährige Tochter ist ganz zufrieden mit ihrem derzeitigen Urlaubsprogramm. Sie erholt sich gerade bei einem Eis vom Sandburgenbauen. "Nur bei dem Bagger war ein Rad kaputt", fügt sie kritisch an. "Und hier ist nicht so ein großes Wasser wie am richtigen Strand."

Auf Kissen räkeln

Der so genannte Bundespressestrand bei Nacht (Quelle: axentis)

Der "Bundespressestrand" bei Nacht

Die Bar vom "Bundespressestrand" ist in einem zweistöckigen Gebäude untergebracht, halb Haus, halb Zelt. Aus Lautsprechern dudelt leise Musik. In einem anderen Zelt stehen zwei Kickertische. Sonnenschirme und Liegestühle stehen im Sand verteilt, dazu zwei Springbrunnen und ein paar Holzverschläge in denen man sich auf Kissen fläzen kann. Die meisten Gäste haben sich unter die Sonnenschirme zurückgezogen.

Bar-Mann Florian lehnt an der Theke. Er trägt einen Dreitagebart, eine große Sonnenbrille und – natürlich – Strandkleidung. Weiße Leinenhose, weißes Polohemd. Er arbeitet jetzt das zweite Jahr hier. Von Mai bis September kümmert er sich um die Lieferung von Essen und Getränken, macht die Einsatzpläne für die Kellner, entscheidet je nach Wetter, wie viele Mitarbeiter eingesetzt werden müssen. Daneben studiert er Jura und BWL. Anwesenheitspflicht gebe es an der Uni nicht, sagt er. "Und wo man dann das Wissen herbekommt, ob man in der Bahn oder hier im Sommer am Strand liest, kommt auf das Gleiche raus."

"Zwei drei Bierchen noch"

Etwas abseits vom Barbetrieb gibt es noch einen Beach-Volleyball-Platz. Der weiße Sand glitzert in der Sonne, das Netz ist gespannt. Man könnte direkt loslegen. Könnte. Aber bei diesen Temperaturen vermeiden die Gäste überflüssige Bewegungen. Niemand wagt sich auch nur in die Nähe des Platzes. Genaugenommen liegen die meisten wie erschlagene Fliegen in ihren Liegestühlen und bewegen höchstens mal die Hand zu ihren kühlen Getränkegläsern. Nur drei von ihnen haben große Sporttaschen dabei. Aber als sie gefragt werden, ob sie zum Volleyballspielen hergekommen sind, brechen sie in schallendes Gelächter aus. "Ganz knapp vorbei", sagt einer von ihnen. "Wir wollten eine Moschee in Kreuzberg besuchen, aber dann war da eine Bombendrohung und dann hatte sich das erledigt." Eine alte Fliegerbombe sei in der Nähe gefunden worden und die ganze Gegend abgesperrt.

Stadt und Strand - Perfekt für den Urlaub

Marco, Kai und Jürgen sind auf der Durchreise nach Frankfurt an der Oder. Die drei wirken ganz und gar nicht so, als ob sie über das geplatzte Besuchsprogramm enttäuscht wären. Ein großes Glas Hefeweizen hilft ihnen, sich mit ihrem Schicksal zu arrangieren. Marco formuliert es ganz knapp: "Erster Urlaubstag. Passt!" Den einen oder anderen Zug in Richtung Frankfurt wollen sie noch durchlassen, bevor sie sich auf den Weg machen. "Also ich denke mal, zwei drei Bierchen werden das noch."