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Kultur

Kant fasziniert auch deutsche Schüler noch

Themen wie Würde und Freiheit des Menschen können in China selten offen diskutiert werden. Das macht sie erst recht interessant. Aber auch wer Meinungsfreiheit gewöhnt ist, ist fasziniert von den Idealen der Aufklärung.

Schüler und Lehrer im Unterricht (Foto: DW)

Verlockend strahlt die Sonne ins Klassenzimmer. Die Fenster stehen weit offen. Es ist schon 14 Uhr an einem der ersten warmen Frühlingstage des Jahres. Nicht der ideale Zeitpunkt, um über das Menschenbild des Aufklärers Kant zu diskutieren - könnte man denken.

In seinem eleganten grauen Anzug steht Philosophielehrer Patrick Baum vor dem Grundkurs Philosophie der 10. Klasse des Clara-Schumann-Gymnasiums in Bonn. Er sieht aus wie ein Dozent an einer Elite-Uni. Schon bei der Begrüßung siezt er seine Schüler höflich, obwohl sie erst 15 sind. Sofort wird losdiskutiert.

Die Würde des Menschen: Kein verstaubtes Thema

Philosophielehrer Patrick Baum (Foto: DW)

Philosophielehrer Patrick Baum

Zum Beispiel darüber warum man einen Menschen nicht vor einen Wagen spannen kann? "Weil er denkt", sagt eine Schülerin. "Ja, einmal das Denken. Aber wenn ich Pferde habe, die denken, dann ist das ja auch gut, dann passen sie im Straßenverkehr besonders auf", erklärt Philosophielehrer Patrick Baum schmunzelnd. "Was ist das Argument, warum ich einen Schüler nicht vor mein Auto spannen kann - abgesehen davon, dass er keine Lust dazu hätte?" Dann kommen die Jugendlichen drauf: "Weil der Mensch Rang und Würde hat." Die Würde des Menschen ist ein zentraler Gedanke der Aufklärung. Der Mensch ist "sein eigener letzter Zweck", schreibt Kant. Und weil er eine Vorstellung vom eigenen Ich hat, besitzt er die Fähigkeit, seinen eigenen Verstand zu gebrauchen.

Auch Kant darf kritisiert werden

Die Aufklärung ist laut Kant "der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit" - das wissen die Schüler bereits. Doch jetzt geht es ins Detail. Patrick Baum teilt seine Schüler in zwei Gruppen. Die eine soll sich mit Kants Pädagogikvorlesung beschäftigen, die andere mit Anthropologie, mit philosophischen Theorien zum Wesen des Menschen. "Und dann erklären Sie mir, wie Kant es verantworten kann, dass ich ihnen sage, wo es lang geht: dass ich sie zwinge, hier zu sitzen und sich Notizen zu machen, wo Sie doch sagen könnten: Herr Baum, ich gehe jetzt!"

Porträt des Philosophen Immanuel Kant (Foto: dpa)

Immanuel Kant

Wer vernünftig handelt, statt seinen Trieben zu folgen, ist frei, sagt Kant. Auch mit der zentralen Aufforderung des Aufklärers, man solle sich seines eigenen Verstandes bedienen, haben die Schüler keinerlei Probleme. Sie stellen aber Kants Vorstellungen von Pädagogik in Frage. "Es ärgert mich, dass er alles als 'Rohigkeit' sieht, was nicht irgendwie vernünftig ist", sagt Schülerin Julia. "Wenn man zum Beispiel nicht still sitzt, ist das schon nicht vernünftig. Es ist sehr einschränkend, dass er sagt, jede Handlung muss vernünftig sein."

"Vielleicht ist es schwer zu sehen, ob man manipuliert wird"

Damit hat Julia im Prinzip schon vieles von dem vorweggenommen, was die Psychoanalytiker später an der Aufklärung kritisiert haben, nämlich dass durch die Überbetonung der Vernunft zu viele Gefühle und Triebe verdrängt werden. Die Diskussionsfreude der Schüler zeigt, dass die Theorien der Aufklärung kein verstaubtes Thema sind. Besonders wichtig sei der Kampf gegen den Aberglauben und für die Entwicklung der Wissenschaft - zwei zentrale Elemente der Aufklärung, sagt Schülerin Hanane: "Deswegen denke ich auch, dass für die Zukunft der Menschen diese Anreicherung von Wissen sehr wichtig ist."

Porträt der 15-jährigen Schülerin Selma (Foto: DW)

Die 15-jährige Schülerin Selma

Zur Zeit der Aufklärung seien die Menschen mehr manipuliert worden als heute, sagen die Schüler. Aber es gebe immer noch das Risiko, dass Menschen unmündig würden - zum Beispiel, wenn sie dem Fundamentalismus verfallen, unterstreicht die 15-jährige Selma. Und die Sache mit der Manipulation sei auch komplizierter, als man denke: "Vielleicht ist es schwer zu sehen, ob man manipuliert wird oder nicht, und deswegen ist es vielleicht auch schwer, im Sinne Kants vernünftig zu handeln."

Ein dominantes Thema in den Philosophie - Lehrplänen

Mit so aufgeweckten Schülern zu diskutieren, ist für Lehrer Patrick Baum eine Freude. Er findet es gut, dass die Aufklärung ein sehr dominantes Thema in den Philosophie-Lehrplänen ist. Auch im Deutschunterricht werde häufig Lessings "Nathan der Weise" gelesen - ein Drama, das die zentralen Werte der Aufklärung aufgreift.

Auch die Schule, so wie wir sie heute verstehen, sei ein Produkt der Aufklärung, sagt Patrick Baum. "Und das ist im Sinne Kants schon Erziehung zu Mündigkeit, aber es wird viel Zwang dabei ausgeübt - da stößt Aufklärung an ihre Grenzen." Es sei immer eine Gratwanderung. Einerseits müssten sich Schüler an Regeln halten, andererseits wolle man ihre Gedankenfreiheit fördern: "Da ist man als Lehrer immer hin und her gerissen, weil wir ja immer beides zusammen machen müssen." Doch in seinem Philosophiekurs scheint das zu funktionieren, die Schüler haben Freude an der eigenen Gedankenfreiheit.

Autorin: Alexandra Scherle

Redaktion: Conny Paul/Marlis Schaum