1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Global Ideas

Kann 'unterstützte Umsiedlung' helfen, Arten vor dem Klimawandel zu retten?

Wenn der Klimawandel das Überleben bestimmter Arten bedroht, könnte man sie doch in neue Lebensräume umsiedeln, die besser passen? Die Idee gibt es, aber sie spaltet die Wissenschaft in zwei Lager.

So klein die Falsche Spitzkopfschildkröte auch sein mag, auf ihrem Panzer lastet ein gewaltiges Problem. Eigentlich mehrere: Sie ist beinahe ausgestorben, ihre Heimat verschwindet und sie ist ein Lieblingssnack von invasiven Arten, Katzen zum Beispiel. Alle Probleme haben eins gemeinsam: den Klimawandel. Um die letzten dieser Art zu erhalten, wagen Wissenschaftler einen ungewöhnlichen und sehr umstrittenen Schritt: Sie siedeln die Schildkröten um. 

Der Umzug fand im August 2016 unter Aufsicht der University of Western Australia statt. Deren Wissenschaftler haben etwa ein Dutzend der Winzlinge in Gefangenschaft gezüchtet und dann an zwei Orten nördlich und südlich von Perth ausgesetzt. Die neue Heimat der Tiere liegt damit rund 250 Kilometer von der alten entfernt. Dort hat der Klimawandel für ausgetrocknete Sumpflandschaften gesorgt und die Tiere können nicht mehr überleben. Ihre neue Heimat ist vielleicht noch etwas zu kühl, aber in 50 Jahren werden die Bedingungen optimal sein - so die Erwartungen.

Die Schildkröten werden als Teil einer Langzeitstudie dauerhaft überwacht. Schließlich haben es die Wissenschaftler hier mit einer sehr seltenen und äußerst umstrittenen Maßnahme zu tun, einer sogenannten assistierten Kolonisation oder erleichterten Translokation.

Das Konzept ist simpel: Durch den Klimawandel wird für viele Arten ihr angestammter Lebensraum mit der Zeit unbewohnbar, eine Entwicklung, die wahrscheinlich irreversibel ist. Warum also sollten die Arten dann nicht dahin umziehen, wo es ihnen besser geht?

"Der Gedanke, dass wir irgendwie dem Klimawandel widerstehen können, muss diskutiert werden", sagte John Morton, Chefbiologe beim Kenai National Wildlife Refuge in Alaska. "Es passiert so schnell und wir fangen gerade erst an uns zu fragen, was wir tun können. Der Klimawandel kennt keine Grenzen. Eine Option, die wir darum in Betracht ziehen müssen, ist umzuziehen."

Alle Arten, ob groß, ob klein

Die Auswirkungen von solchen Umsiedlungen sind noch nicht vollständig untersucht. Chris Thomas, ein Ökologe an der University of York in Großbritannien, erwartet sich davon aber Hilfe für hunderte von Arten, insbesondere Vögel und Schmetterlinge.

Vor einigen Jahren arbeitete Thomas an einem wissenschaftlichen Experiment mit, bei dem Schmetterlinge in einen etwa 100 Kilometer entfernten neuen Lebensraum umgesiedelt wurden. Wenngleich die Arten nicht wirklich gefährdet waren, haben sie sich in ihrer neuen Heimat doch prächtig entwickelt und dienen nun als Positivbeispiel für die Forschung.

Foto eines Schmetterlings auf einer Blüte

Wie sich herausgestellt hat, sind Schmetterlinge gute Testkandidaten für unterstützte Umsiedlung

Allerdings gibt es schon einen Unterschied, ob man nun eine weit verbreitete Art einmal die Straße runter neu ansiedelt, oder sie hunderte Kilometer, vielleicht sogar über Landesgrenzen hinweg verfrachtet. Dafür müssten erst Regelungen geschaffen werden, auch wenn das Problem drängt und Umsiedlung die beste aller Lösungen zu sein scheint. So ist es beim Almizclero, einer Art Maulwurf.

Der spitznasige, Insekten liebende Nager hat einen sehr kleinen und ausgesuchten Lebensraum an Flüssen in den Bergen Nordspaniens und Portugals. Dieser Lebensraum wird immer unwirtlicher, weil die Temperaturen steigen und Flüsse austrocknen. Computermodellen zufolge könnte der iberische Maulwurf eine neue Heimat in der Fremde finden: in Teilen von Schottland, Wales und Skandinavien.

"Der Almizclero ist die einzige Spezies von Säugetieren in seiner ganzen Gattung. Es ist eine wirklich andere Art, und wenn wir sie verlieren, kann man von einem sehr bedeutenden Verlust sprechen", sagt Thomas. "Er kann aber nicht von selbst nach Frankreich herunterkommen und dann über den Ärmelkanal schwimmen. Das wird nicht passieren."

Zurück in Alaska - auch hier, findet Morton, gibt es einen Kandidaten für eine sorgsame Umsiedlung. Auch wenn Alaska kalt scheint, der Staat erwärmt sich doppelt so schnell wie der Rest der USA. Waldbrände im Kenai Schutzgebiet haben zugenommen. Und eine bösartige Fichtenkäfer-Epidemie, die 15 Jahre dauerte und bis in die 1990er Jahre hineinreichte, hat ebenfalls eine riesige Zahl von Bäumen vernichtet.

Viele wurden natürlich aufgeforstet, aber große Schneisen sind Grasland geblieben. Das macht die Region zu einem möglichen Lebensraum für ein Tier, das hier seit 40.000 Jahren keinen Huf mehr auf die Erde gesetzt hat: das Bison.

"Ein großer Bereich im Süden ... scheint ein Fall von Entwaldung zu sein, wo ein Fichtenwald zu einer Wiese umgewandelt worden ist. Hier grast niemand, der das Gebiet im Gleichgewicht hält", sagt er. Morton bezieht sich dabei auf die Bedeutung von Herden für ein intaktes Ökosystem. Sie pflügen den Boden um und verteilen Samen.

Riskantes Spiel

Manche halten die Einführung einer neuen Art in ein Ökosystem für zu riskant. Amanda Rodewald zum Beispiel. Die Professorin für Vogelkunde an der Cornell University überwacht den Einfluss des Klimawandels auf die Vogelpopulationen weltweit. Zwar sagt auch sie, dass steigende Temperaturen sehr wohl Auswirkungen auf Nahrungsquellen und Lebensräume haben, aber sie sieht den Schutz bestehender Ökosysteme als oberste Priorität des Umweltschutzes.

Foto von brennender Tundra

In Alaska verändern klimawandelbedingte Flächenbrände die Landschaft

"Neue Populationen einzuführen, mag verlockend erscheinen, aber Arten leben nicht in einem Vakuum", sagt sie. "Wenn wir einen Organismus in ein neues Ökosystem oder eine neue Region bringen, könnte er dort den Zugang zu notwendigen Ressourcen verlieren, von Mutualisten isoliert werden, also Arten, die zum gegenseitigen Nutzen existieren, oder neuen Raubtieren, Konkurrenten, Parasiten oder Pathogenen ausgesetzt sein. "

Wenn Arten in der Vergangenheit entweder versehentlich oder absichtlich in neue Lebensräume eingeführt wurden, war das Ergebnis oft katastrophal. Der Hunger der birmanischen Pythons etwa bedroht die ursprünglichen Arten in den Everglades in Florida, seitdem die Schlangen wohl aus Gefangenschaft entkommen sind. In Großbritannien wurde in den 1890er Jahren das Grauhörnchen eingeführt und hat seitdem seine rötlich gefärbten Verwandten im Kampf um Ressourcen dezimiert.

Es ist schwer einzuschätzen, wie eine neue Art mit der Flora und Fauna, die sie in einer fremden Umgebung vorfindet, umgehen wird, sagt Professor Daniel Simberloff, ein renommierter Experte für invasive Arten an der University of Tennessee.

"Wir wissen nicht einmal, wonach wir suchen", sagt er. "Es ist einfach eine sehr riskante Angelegenheit. Abgesehen davon ist nicht mal sicher, dass eine Art, die irgendwo eingeführt wird, auch überleben wird ... Ich halte das für keine tolle Idee."

Foto eines Eichhörnchens

Das im 19. Jahrhundert in England eingeführte Grauhörnchen hat seine roten Cousins fast vertrieben.

Die Risiken sind auch Umsiedlungsbefürwortern nicht fremd. Trotzdem, sagt John Morton, erfordern beispiellose klimatische Bedingungen beispiellose Ansätze zur Arterhaltung.

"Viele meiner Kollegen - ich würde sagen die Mehrheit von ihnen - stehen der unterstützten Umsiedlung noch immer sehr kritisch gegenüber. In der Vergangenheit sind sehr oft die falschen Arten am falschen Ort eingeführt worden", sagt er.

"Um das schlau anzustellen, bedarf es der Hilfe der schlausten Ökologen, die wir kriegen können."