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Wissen & Umwelt

Kann eine App vor Verbrechen warnen oder zieht sie Gaffer an?

Die App "Citizen" soll Bewohner von New York frühzeitig warnen, wenn in ihrer Nachbarschaft ein Verbrechen passiert. Doch was als Mittel der Zivilcourage gedacht ist, könnte der Polizei die Arbeit schwer machen.

Eigentlich klingt es ganz vernünftig: Geschieht irgendwo in der Nachbarschaft ein Verbrechen, werden all diejenigen, die die App namens "Citizen" (Bürger) auf ihrem Mobiltelefon aufgespielt haben, per Pushmeldung gewarnt - zumindest dann, wenn sie sich dem Ort des laufenden Verbrechens zu stark nähern.

Ein Video der Firma zeigt eine Frau mit Kleinkind, die auf einen Stadtpark zuläuft. Dort - so das Szenario - war auf dem Spielplatz ein Mann mit einer Waffe gesichtet worden. Die Frau erhält eine Push-Warn-Meldung, dreht um und bringt sich in Sicherheit.

Die Firma citizen.com schreibt in ihrem Blog: "Die Citizen App benachrichtigt Sie, wenn ein Verbrechen oder ein schwerwiegender Vorfall an [die gemeinsame Notrufnummer von Polizei und Feuerwehr] 911 gemeldet wird."

Privates Hauptquartier verfolgt den Polizeifunk

Im "Citizen Hauptquartier" hören Mitarbeiter den Polizeifunk ab. Sobald die Meldung von der behördlichen Notrufzentrale an die Streifenwagen bzw. Rettungsdienste herausgeht, schreibt sie die Art des Vorfalles auf und markiert ihn auf einer elektronischen Landkarte.

Gleichzeitig erscheint die Meldung in der App, was bedeutet, dass die Nutzer die Meldung genauso schnell haben wie die Polizei.

Die Betreiber der App beteuern, dass sie damit ausschließlich Bürger frühzeitig vor Gefahren warnen und zur Zivilcourage ermuntern wollen - etwa Ersthelfer im Falle eines medizinischen Notfalles.

Silvester 2016 in Köln Bundespolizei (picture-alliance/Geisler-Fotopress)

Polizisten wünschen sich Bürger mit Zivilcourage aber keine selbsternannten Helden.

Verbrechen als Geschäftsmodell

Kritiker fragen sich allerdings, ob die App nicht eher eine ganz andere Zielgruppe anspricht. In einer früheren Auflage, die am 26. Oktober 2016 ausgeliefert wurde, nannte sich die Software noch "Vigilante". Dieser Begriff bezeichnet den Angehörigen einer Bürgerwehr, oder zumindest einer Nachbarschaftswache. Apple hatte die App nach einer öffentlichen Kontroverse wieder aus dem App-Store herausgenommen. 

Ist die App also auch für Leute attraktiv, die gerne den Helden spielen und Täter auf eigene Faust jagen und verhaften wollen? Oder für Gaffer, die es spannend finden, einem Polizei- oder Feuerwehreinsatz zuzuschauen?

Citizen.com ermuntert die Nutzer, Videos und Bilder von Tatorten zu schießen. Sowohl in den USA als auch in Deutschland sehen Polizisten das sehr kritisch. So brachte das Land Niedersachsen im Dezember 2016 einen Gesetzentwurf in den Bundesrat ein, der es bei Strafe verbietet, Unfall- oder Verbrechensopfer zu fotografieren, zu filmen oder Rettungskräfte durch ihre Anwesenheit zu behindern.

Der Betreiber der App Citizen.com hat jedoch Interesse daran, möglichst viele Warnsendungen zu verschicken, schließlich ist das sein Geschäftsmodell. Die Firma wirbt sogar damit, dass es in New York täglich fast 10.000 Notrufe gibt. Bei vielen handele es sich um "lebensbedrohliche Notfälle oder Verbrechen, bei denen Tausende von Menschen in der Nähe sind."

Handy mit Katwarn-Meldung (Arnd Riekmann)

KATWARN informiert Nutzer über Gefahrenlagen, aber nicht über jede Schlägerei.

In Deutschland gibt es vergleichbare Warn-Apps. Allerdings entscheiden hier ausschließlich die Behörden, welche Meldungen sie zu welchem Zweck verbreitet wollen, dabei sind sie sehr zurückhaltend. Beispiele dafür sind die Notfall-Informations- und Nachrichten-AppNINA und das Katastrophen WarnsystemKATWARN, die nur in extremen Ausnahmesituationen warnen. Solche Fälle sind etwa schwere Gewalttaten, Terrorismus oder Industrie- und Naturkatastrophen.

Diese Apps geben die Inhalte des Polizeifunks auch nicht ungefiltert an die Nutzer weiter. Die Leitstellen wählen sehr genau aus, was die Öffentlichkeit wissen darf - etwa den Hinweis, zuhause zu bleiben und Fenster und Türen geschlossen zu halten.

Eine privat betriebene App wie citizen.com, die den Polizeifunk mithört, wäre in Deutschland übrigens schon deshalb nicht möglich, weil der Behördenfunk seit der Digitalisierung verschlüsselt übertragen wird.

Video ansehen 04:44

Erste Hilfe für Ersthelfer – wenn das Herz stillsteht

Eine Notruf-App zum mitmachen

Doch auch in Deutschland gibt es eine App, die die Nutzer dazu animiert, selbst einzugreifen und zu helfen. Allerdings geht es hierbei nicht um Verbrecherjagd, sondern ausschließlich um medizinische Notfälle.

Der Arzt Ralf Stroop aus dem ländlichen Halle in Westfalen hatte die Idee 2015, da Notarztwagen auf dem Lande oft sehr lange brauchen, um ihre Patienten zu erreichen. Ausgebildete ehrenamtliche Ersthelfer gibt es aber fast überall - in Betrieben, Sportvereinen oder bei der freiwilligen Feuerwehr. Und die können meist sehr schnell vor Ort sein - vorausgesetzt, sie erfahren von dem Notfall.

Also stieß Stroop die Entwicklung einer App an, die sich ausgebildete Ersthelfer auf ihr Smartphone laden können. Über die erhalten sie eine Meldung von der Rettungsstelle, falls sie in der Nähe eines Verunglückten sind. Seit Oktober 2016 ist die App in einem Pilotprojekt im Kreis Gütersloh aktiv.

Dort gab es allein bis zum Jahresende 211 Alarmierungen. In 132 Fällen kamen ehrenamtliche Ersthelfer zu den Verletzten, 60 Prozent waren innerhalb von weniger als fünf Minuten am Einsatzort. Das Projekt mit dem Namen "Mobile Retter" soll nun auf weitere Städte und Gemeinden ausgeweitet werden.

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