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Globale Zusammenarbeit

Kann die Wirtschaft ewig wachsen?

Stetiges Wirtschaftswachstum ist Ziel der deutschen Wirtschaftspolitik - denn es sichert Arbeitsplätze und Wohlstand. Doch ist Wachstum auf Dauer möglich und sinnvoll oder leben wir über unsere Verhältnisse?

Piles de monnaie en croissance © Frog 974 #34870028

Symbolbild Geld und Wachstum

Volle Regale im Supermarkt, die neuesten Medikamente und noch eine Urlaubsreise mehr als im Vorjahr: All das sorgt für ein hohes Bruttoinlandsprodukt (BIP). Das BIP gibt den Wert aller Waren und Dienstleistungen an, die innerhalb eines Jahres in einem Land produziert werden. In den meisten Staaten gilt es als Indikator für Wohlstand und Entwicklung. Wurde mehr hergestellt und verkauft als im Vorjahr, steigt auch das Bruttoinlandsprodukt und man spricht von Wirtschaftswachstum.

Wachstum ist nicht gleich Wohlstand

Allerdings werden bei der Berechnung des BIP mögliche Schäden, wie Flächenbrände oder Umweltverschmutzung, die beim Abbau von Rohstoffen oder der Herstellung und dem Transport von Gütern entstehen, nicht berücksichtigt. Und die Produktion von Lebensmitteln wird ebenso eingerechnet, wie die Herstellung von Waffen. Wirtschaftswachstum kann auch mit einem Anstieg an sozialer Ungleichheit einhergehen: Dann verteilt sich der Reichtum eines Landes auf einige wenige. All das sind Gründe, das bisherige Wachstumsmodell kritisch zu hinterfragen, meint der ecuadorianische Wirtschaftswissenschaftler und ehemalige Energieminister Alberto Acosta. Wirtschaftswachstum sei nicht gleich Entwicklung: "Jede Form von Wachstum hat eine soziale und eine ökologische Geschichte. Es gibt gute Formen von Wachstum und schlechte Formen von Wachstum", sagt er.

Baustelle auf einem Wolkenkratzer in Jakarta, Indonesien - Wirtschafrtsmachstum gilt als Maß des Erfolgs eines Landes (Foto: AP)

Immer höher hinaus: Wirtschaftswachstum gilt als Beweis für erfolgreiche Entwicklung

Die Industrieländer würden einer Logik des Wachstums um des Wachstums Willen folgen, die sich nicht an den tatsächlichen Bedürfnissen der eigenen Bevölkerung orientiert und auf Kosten der Entwicklungsländer geht. Er fordert daher, das Wachstum zu entschleunigen.

Ein Leben über die Verhältnisse

Die Forderung nach weniger Wachstum ist in traditionellen Wirtschaftskreisen und in der Wirtschaftspolitik immer noch eine Tabu, meint Petra Pinzler, die Autorin des Buches "Immer mehr ist nicht genug. Vom Wachstumswahn zum Bruttosozialglück". Sie teilt die Ansicht vieler Kritiker: "Traditionelle Wirtschaftswissenschaftler gehen von einem quasi ewigen Wachstum aus, das unbegrenzt weitergeht." Doch natürliche Rohstoffe, so macht die Autorin klar, seien begrenzt.  

Wirtschaftswachstum lässt sich auch durch eine Ausweitung der Dienstleistungsbranche erreichen. Zu diesem Sektor zählen allerdings auch hochspekulative Finanzgeschäfte, gibt die Autorin zu bedenken. Sie fordert, Wohlstand nicht länger mit materiellem Reichtum gleichzusetzen, und verweist auf Ergebnisse aus der Glücksforschung. Demnach besteht nur in sehr armen Ländern ein Zusammenhang zwischen Wohlbefinden und Wirtschaftswachstum, während sich ab einem bestimmten Reichtumsniveau das Wohlbefinden nicht unbegrenzt weiter steigern lässt: Drei Autos machten nun mal nicht dreimal so glücklich wie ein Auto.

Wachstum schafft nicht unbedingt Zufriedenheit (DW-Grafik: Per Sander)

Wachstum schafft nicht unbedingt Zufriedenheit

Bevölkerungswachstum und höhere Einkommen

Ob die Industrieländer tatsächlich gesättigt sind und Spielraum für eine Entschleunigung des Wachstums besteht, fragt sich dagegen Günter Schmidt. Er ist als Experte für natürliche Ressourcen unter anderem für die Weltbank tätig und weist darauf hin, dass in Griechenland ein Mangel an Wachstum gerade zu einem drastischen Rückgang von Wohlstand und Wohlbefinden geführt hat. Schmidt geht davon aus, dass Wachstum eine unabwendbare  Tatsache ist: "In einigen Jahren werden wir neun Milliarden Menschen auf der Erde sein. Außerdem steigen die Einkommen in allen Ländern, vor allem in Schwellenländern wie Indien und China." Damit werde zwangsläufig eine größere Nachfrage nach verschiedenen Gütern und Produkten einhergehen, nicht nur nach Lebensmitteln.

Video ansehen 05:15

Interview mit dem ecuadorianischen Ökonomen Alberto Acosta: "Wenn wir die Natur zerstören, gefährden wir die Existenz der Menschheit."

Außerdem sei der Mensch von Natur aus kreativ, entwickele neue Technologien oder spare Geld, das über Bankkredite in Forschung und Entwicklung fließe - das alles erzeuge Wachstum, so der Experte. Pragmatisch stelle sich im weltweiten Wettbewerb auch die Frage, welche Instanz Ländern vorschreiben sollte, weniger zu wachsen, gibt Schmitz zu bedenken.

Forderung nach Regulierung der Märkte

Passanten mit Einkaufstüten auf einer Kreuzung im Zentrum von Sao Paulo (Foto: AP)

In Schwellenländern wie Brasilien ist eine konusmfreudige Mittelschicht entstanden

Zumindest fordern Vertreter der Entwicklungsländer die Politik dazu auf, der Weltwirtschaft Grenzen zu setzen. Ein Vorschlag: Das Bruttosozialprodukt sollte durch andere Maßstäbe ersetzt oder seine Berechunung durch Faktoren wie Umweltzerstörung ergänzt werden. Damit würde der Druck auf Regierungen genommen werden, Wachstum um seiner selbst Willen zu fördern. Außerdem müsste der Raubbau an der Natur stärker bestraft werden. Mit Skepsis sehen sie den Ansatz, der auf der Agenda der Rio-plus-20 Konferenz ganz oben steht: Die sogenannte "grüne Wirtschaft", die für ein sozial und ökologisch nachhaltiges Wachstum sorgen soll. Damit wird dann  - so die Befürchtung - die Umwelt selbst zur Ware, die man an der Börse handelt.

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