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Politik

Kandidatur aus dem Gefängnis

Der in Israel inhaftierte, aber unter Palästinensern sehr populäre Marwan Barghouti will bei der Präsidentenwahl am 9. Januar antreten und Nachfolger Jassir Arafats werden. Hat er eine Chance? Peter Philipp kommentiert.

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Barghoutis Frau Fadwa Barghouti reichte kurz vor Schließung der Kandidatenliste die Kandidatur ihres Mannes ein. Marwan Barghouti habe sich zu diesem Schritt doch noch durchgerungen, nachdem er Briefe von hunderten seiner Anhänger bekommen habe, sagte seine Frau. Vor einer Woche hatte er in einem Schreiben erklärt, auf die Kandidatur zu verzichten und Mahmoud Abbas unterstützen zu wollen. Das Rennen um die Nachfolge des verstorbenen Jassir Arafat könnte also spannend werden.

Der ehemalige palästinensische Präsident Jassir Arafat war Gefangener in seinem halb zerstörten Hauptquartier in Ramallah, sein Nachfolger könnte einer werden, der im Gefängnis der israelischen Negev-Stadt Beersheva einsitzt: Zu fünfmal "lebenslänglich" wurde Marwan Barghouti verurteilt. Er war der einstige Hoffnungsträger der jungen Palästinenser. Der 45-Jährige ist von einem israelischen Gericht für schuldig befunden worden für Gewalttaten, die die "Tanzim" - die Jugendorganisation der "Fatah" - und die "Al-Aqsa-Brigaden" im Rahmen der Intifada verübt hatten. Und das, obwohl Barghouti eigentlich immer für einen Ausgleich mit Israel eingetreten war und eine Zwei-Staaten-Lösung gefordert hatte, nach der Israel neben einem palästinensischen Staat existieren würde.

Der junge Mann aus einfachen Verhältnissen hatte lange in der Nähe Arafats gearbeitet und war deswegen schon früh als ein möglicher Nachfolger ins Gespräch gebracht worden. Die Eigenwilligkeit Arafats, die Nachfolgefrage nicht zu regeln, und die Verurteilung Barghoutis schienen solchen Spekulationen aber ein Ende zu setzen.

Als sich nach dem Tod Arafats aber herausstellte, dass die künftige Führung sich aller Wahrscheinlichkeit nach wieder aus Mitgliedern der "alten Garde" des PLO-Exils rekrutieren würde, begann der Druck auf den Häftling von Beersheva, gegen diese wenig populären alten Herren anzutreten. Es sei höchste Zeit, dass ein Vertreter der Jungen drankomme, noch dazu einer, der in den besetzten Gebieten gelebt und durch seine Taten bewiesen hatte, dass er alles in den Dienst der palästinensischen Sache zu stellen bereit sei: Mehrmals von den Israelis verhaftet, einmal deportiert und nun für immer im Gefängnis - eine "klassische" Biographie für einen Aktivisten der besetzten Gebiete.

Barghouti zögerte aber: Nachdem Mahmoud Abbas von der "Fatah" nominiert worden war, hieß es aus dem Gefängnis, Barghouti werde nicht gegen ihn antreten. Seine Anhänger rätselten: Wollte er die Einheit der "Fatah" bewahren, wollte er erst abwarten, bis Abbas scheiterte? Nun hat das Rätseln ein Ende: Barghouti tritt doch an. Als unabhängiger Kandidat - wie "Fatah"-Funktionäre versichern. Denn die Palästinenserorganisation duldet keine interne Konkurrenz.

Wenn Barghouti durchhält, hat er weiterhin gute Chancen, gewählt zu werden. Es gibt zwar auch noch mindestens fünf andere Kandidaten - darunter auch eine palästinensische Journalistin - ihnen werden aber keine Chancen eingeräumt. Nachdem auch noch die islamistische "Hamas" zum Wahlboykott aufgerufen hat, könnte der Zulauf für Barghouti ansteigen: Spitzenkandidat Abbas wird von vielen als zu schwach und zu konziliant betrachtet - Barghouti hingegen eher als kämpferisch und prinzipientreu.

Israel hat mit Barghoutis Kandidatur ein weiteres Problem: Bisher gibt es nicht das geringste Anzeichen dafür, dass man bereit wäre, den Mann aus der Haft zu entlassen. Ministerpräsident Ariel Scharon könnte sich das vor dem Hintergrund seiner innenpolitischen Krise auch nur schwer leisten. Gleichzeitig aber weiß man auch in israelischen Regierungskreisen, dass ein Mann wie Barghouti wegen seiner Anhängerschaft unter den Palästinensern letztlich der bessere Gegenpart wäre. Ein denkbares Einlenken Israels ist aber auch aus einem anderen Grund nicht so rasch zu erwarten: Ließe man Barghouti jetzt frei, dann würde Israel riskieren, ihn politisch zu "verbrennen" - zu leicht könnte aus dem jetzigen Publikumsliebling dann der verdächtigte "Kollaborateur" werden.