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Aktuell Amerika

Kanada entschädigt Ureinwohner wegen Zwangsadoption

Mindestens 20.000 kanadische Indianer wurden zwischen 1960 und 1980 ihren Eltern entrissen. Sie wuchsen ohne kulturelle Wurzeln in weißen Mittelklasse-Familien auf. Nun bemüht sich der Staat um Buße.

 Kanada will ihren Familien entrissene Ureinwohner entschädigen (picture alliance/dpa/empics/A. Wyld)

Die zuständige Ministerin Carolyn Bennett (l.) umgeben von Opfern der damaligen kanadischen Politik

Die kanadische Regierung will tausende Ureinwohner finanziell entschädigen, die als Kinder ihren Eltern weggenommen und in fremde Familien gegeben oder von diesen zwangsadoptiert wurden. Betroffen sind mindestens 20.000 Menschen, die auf diesem Weg zu einem Leben in vorwiegend nicht-indigenen Mittelklasse-Familien in Kanada, den USA oder Übersee gezwungen wurden. Die für die Beziehungen zu den Ureinwohnern zuständige Ministerin Carolyn Bennett erklärte vor Journalisten in Ottawa, maximal 800 Millionen kanadische Dollar (550 Millionen Euro) stünden als Entschädigungssumme zur Verfügung. Davon sind 50 Millionen Dollar für die Gründung einer "Versöhnungsstiftung" vorgesehen.

Die Einigung im Zusammenhang mit landesweit 18 Klagen Betroffener sei ein wichtiger Schritt, um ein "dunkles und schmerzhaftes Kapitel in der Geschichte Kanadas" aufzuarbeiten, sagte sie. Die Regierung in Ottawa hatte über Monate mit den Klägern verhandelt. Die nun verkündete Grundsatzeinigung soll bis zum Ende des Jahres ausgehandelt und im Frühjahr 2018 auch gerichtlich untermauert sein.

Achtjähriger Rechtsstreit

Vorausgegangen war ein achtjähriger Rechtsstreit. Kanada wurde darin für schuldig befunden, den psychologischen Schaden der Betroffenen und ihren Verlust kultureller Identität mit verursacht zu haben. Eine an den Verhandlungen mit der Regierung beteiligte Betroffene, Marcia Brown Martel vom Ureinwohnerverband First Nations, sagte, die jetzt erzielte Einigung wecke "große Hoffnung". Zu wünschen sei, dass so etwas nie wieder in Kanada geschehen werde.

Zwangsweise Einschulung in christlichen Einrichtungen

Ein anderes Kapitel betrifft die zwangsweise Einschulung von Kindern kanadischer Ureinwohner in Einrichtungen, die auf Geheiß der Regierung von christlichen Kirchen betrieben wurden. Seit dem späten 19. Jahrhundert bis in die 1970er Jahre waren davon mehr als 150.000 Kinder von Indianern, Inuit und Mestizen betroffen. Sie mussten zum Christentum konvertieren und durften nicht ihre Muttersprache sprechen. Etwa 80.000 von ihnen leben noch. Viele erlitten Misshandlungen und sexuellen Missbrauch.

Ottawa entschuldigte sich 2008 offiziell für die Umerziehung der Ureinwohner, die völlig isoliert von ihren Familien, ihren Gemeinden und ihrer Kultur aufwuchsen. Der seit Ende 2015 amtierende Premierminister Justin Trudeau lud Papst Franziskus im Mai ein, nach Kanada zu kommen und sich im Namen der katholischen Kirche bei den Ureinwohnern zu entschuldigen.

se/cw (afp, dpa, ap)