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Deutschland

Kan: Fukushima-Unfall nicht beendet

Japans Ex-Premier berichtet im Umweltausschuss des Bundestages über die kritische Lage um Fukushima. Japans Atomlobby erobere verlorenes Terrain zurück. Ein deutscher Ex-Minister sorgt am Rande für Verwirrung.

"Ich war in einer Ausschusssitzung meines Parlaments, als die Kronleuchter zu wackeln begannen," schildert Naoto Kan den Moment des Erdbebens in Japan am 11. März 2011. Kan, damals Vorsitzender der Demokratischen Partei Japans (DPJ) und Premierminister seines Landes, sitzt an diesem Mittwoch (19.3.2014) im Umweltausschuss des Deutschen Bundestages in Berlin. Mit leiser Stimme erinnert er sich an die Tage, die seine Einstellung zur Kernenergie für immer verändert haben: "Ich habe mich da um 180 Grad gedreht", so Kan. "Mir lief es kalt den Rücken herunter, als die Meldung kam, der Strom und damit die Kühlung im Atomkraftwerk Fukushima seien ausgefallen." Nach politischen Querelen trat Kan zwar noch im Herbst 2011 als Ministerpräsident zurück, aber er stellte dafür Bedingungen. Zwei davon waren: Entschädigungen für die Opfer des Erdbebens und der Nuklearkatastrophe – und die Verabschiedung eines Gesetzes zur Förderung von erneuerbaren Energien nach deutschem Vorbild.

Japans Atomlobby macht wieder Druck

Dieses Gesetz zur Förderung von Wind-und Sonnenstrom zumindest hat bis heute Bestand. "Wir hoffen, in 15 bis 20 Jahren einen Anteil der Erneuerbaren an der Stromerzeugung von 30 Prozent zu schaffen", so Kan. Zum Vergleich: Deutschland hat schon jetzt einen Anteil von 25 Prozent Wind- und Sonnenstrom.

Die Lage rund um die havarierten Reaktoren in Fukushima beschreibt Kan weiterhin als kritisch. "Es bleibt ein Faktum: Der Unfall ist nicht beendet." Mit vielen Tonnen Kühlwasser pro Tag werden die Unglücksreaktoren gekühlt, das Wasser ist danach kontaminiert. Die Spezialtanks, in denen es gelagert wird, sind bald voll. Und im besonders betroffenen Reaktorblock 3 ist der geschmolzene Kernbrennstoff immer noch nicht lokalisierbar. Auch wegen dieser unbewältigten Folgen des Unglücks geht Kan mit der heutigen Regierung in Tokio hart ins Gericht. Denn Ministerpräsident Abe, Chef eines konservativen Kabinetts, will demnächst die ersten der 48 Kernkraftwerke, die nach dem Erdbeben abgeschaltet wurden, wieder ans Netz lassen. "Die Atomlobby in Japan ist dabei, ihr verloren gegangenes Terrain zurück zu erobern", so Kan fast resigniert.

Pressekonferenz Naoto Kan und Cem Özdemir am 18.03.2014 Berlin

Naoto Kan (li.): "Drehung um 180 Grad"

Bayerische Zwischenrufe zum deutschen Atomausstieg

In Deutschland, das nach Fukushima aus der Kernenergie ausstieg, ist das anders. Der Beschluss, die Kernenergie zu beenden - 2022 soll das letzte Kraftwerk vom Netz genommen werden - wird von einer breiten Mehrheit im Parlament getragen. Umso größer ist die Aufregung, wenn ein Politiker aus dieser Phalanx ausbricht: Der frühere Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU), heute Vorsitzender des Wirtschaftsauschusses des Bundestages, sagte in einem Interview, wenn die Strompreise in Deutschland weiter anstiegen, müsse über längere Laufzeiten für die Atomkraftwerke nachgedacht werden. Dafür erntete er einen Proteststurm vor allem der Opposition - Ramsauers Haltung wird aber auch in der Regierung nicht geteilt. Und Ramsauers Parteichef Horst Seehofer, Ministerpräsident für die CSU in Bayern, teilte kurz und knapp mit: "Am Atomausstieg wird nicht gerüttelt."

Elf Reaktoren vom Tschernobyl-Typ laufen noch

Längere Laufzeiten – dazu kann auch Vladimir Kuznetsov Einiges sagen: Der Professor an der Universität Archangelsk war 1986 nach dem Gau in Tschernobyl – in der heutigen Ukraine - einer der Liquidatoren des Unglückreaktors. Später arbeitete er für die Umweltgruppe Green Cross Russland. Jetzt gibt der Atomexperte im Umweltausschuss Auskunft über die Situation der Kernenergie in Russland. Ein trüber Zustandsbericht.

"In Russland laufen noch elf Reaktoren des Tschernobyl-Typs, Kraftwerke, älter als 40 Jahre, längst nicht mehr auf dem neusten Stand, was die Sicherheit angeht - und die Regierung will ihre Laufzeit auch noch verlängern," empört sich Kuznetsov lautstark. Unabhängige Kontroll-und Genehmigungsinstitutionen wie in Deutschland gibt es nicht, auch kein besonderes Interesse der Öffentlichkeit an der Kernenergie.

Der Sarkophag und die Ukraine-Krise

Über ein atomares Endlager - in Deutschland eine heiße Diskussion - ist noch gar nicht nachgedacht worden, berichtet der Experte. Dabei sind die Zwischenlager an den Atomkraftwerken voll mit Atommüll - eine Wiederaufarbeitung wird nicht betrieben.

Und ganz aktuell hat der Professor noch ein kleine Hiobsbotschaft mitgebracht: Eigentlich soll bis 2015 am Unglücksstandort in Tschernobyl eine neue Stahlummantelung des Reaktors angebracht sein, finanziert in Milliardenhöhe von den G8-Staaten. Wenn aber Russland wegen der Ukraine-Krise die G8 verlassen muss, müssen sich die übrigen Staaten die Kosten teilen, das Projekt könnte sich weiter verzögern. Derweil rostet die notdürftige Schutzhülle rund um den Unglücksreaktor – Sarkophag genannt – weiter vor sich hin.

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