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Afrika

Kampf um Religion und Ressourcen in Nigeria

Das jüngste Blutvergießen in Nigeria offenbart die Zerrissenheit des Landes: Scheinbar unversöhnlich stehen sich Christen und Muslime gegenüber – und die Gewalt hat offenbar auch wirtschaftliche Motive.

Frauen betrauern Tote von Jos (Foto: AP)

Trauer um die Toten des Massakers von Jos

Die Täter kamen in der Nacht. Eine Gruppe mit Macheten und Gewehren bewaffneter Männer griff an. Ihr Ziel waren die überwiegend christlichen Bewohner dreier Dörfer im Bundesstaat Plateau. Die Angreifer gingen mit äußerster Gewalt vor, töteten nach offiziellen Angaben Hunderte Dorfbewohner, darunter vor allem Frauen und Kinder. Denen half weder die nächtliche Ausgangssperre, noch Polizei und Militär, die diese eigentlich hätten kontrollieren sollen. Es war ein Massaker.

Ein Arzt versorgt einen Verwundeten in Jos (Foto: AP)

Notversorgung der Verletzten

Wie viele Opfer es forderte, ist unklar. Während ein Gouverneurssprecher im Bundesstaat Plateau von 500 Toten berichtete, sprach die Polizei zunächst von 55 Leichen. Ausländische Journalisten zählten dagegen allein in einem Dorf mehr als 100 Tote. Opferzahlen werden in Nigeria regelmäßig zum Politikum und wurden bisher oft je nach Interessenslage erhöht oder heruntergespielt.

Ein Kampf um Macht und Ressourcen

Hinter der grausamen Tat steckt ein seit langem schwelender Konflikt zwischen muslimischen und christlichen Bewohnern, der jedoch nicht nur religiöse Dimensionen hat: "Es handelt sich im engeren Sinne nicht um einen religiösen Konflikt, also es geht nicht um Zwangsbekehrungen von Muslimen oder Christen", sagt Matthias Basedau, der sich am GIGA-Institut für Globale und Regionale Studien in Hamburg mit Studien über afrikanische Staaten befasst. Vielmehr gehe es um Macht und Ressourcen, um die die verschiedenen ethnischen Gruppen in der Region konkurrieren. Religion sei lediglich ein Unterscheidungsmerkmal der rivalisierenden Gruppen. Basedau sieht die aktuelle Gewalt zwischen beiden Bevölkerungsgruppen in einem größeren Kontext. "Von einem Flächenbrand, der das Land jetzt auseinanderreißt, würde ich nicht unbedingt ausgehen. Das wäre eine Art worst-case-Szenario. Denn diese blutigen Auseinandersetzungen sind schon seit einiger Zeit häufiger zu beobachten und der Gegensatz zwischen muslimischen Norden und christlichen Süden ist eine Konstante in der Geschichte Nigerias, die immer wieder Probleme verursacht hat."

Ein Farmer vor einem Ölfeld in Nigeria (Foto: AP)

Es geht nicht nur um Religion: Auch Rohstoffe spielen eine wichtige Rolle im Konflikt

Der Angriff muslimischer Kämpfer auf die christlichen Dorfbewohner hat in der Tat eine Vorgeschichte. Erst im Januar hatten Christen mehr als 300 Muslime in der Region getötet. Die Spirale der Gewalt könnte weiter gehen, glaubt Haruna Wakili. Der Konfliktforscher von der Bayero University im nordnigerianischen Kano fordert Konsequenzen aus den jüngsten Gewalttaten: "Es gab eine wahre Serie von Gewalttaten in der Vergangenheit, aber es wurde einfach nichts Konkretes durch die Regierung unternommen. Weder hat man versucht, die wahren Gründe der Gewalt aufzudecken noch sind die Täter von der Justiz zur Rechenschaft gezogen worden." Wakili kritisiert die Behörden einerseits für ihre Zurückhaltung bei der Aufklärung der Verbrechen im Norden des Landes. Andererseits widerspricht er Spekulationen, wonach das jüngste Massaker von Muslimen an Christen eine Reaktion auf die Machtübergabe an den neuen christlichen Präsidenten Goodluck Jonathan sei. "Nein, ich sehe da keine direkte Verbindung zwischen dem jüngsten Gewaltausbruch und der neuen Regierung."

Zweifel am Rückhalt des neuen Präsidenten

Erst vor einem Monat hatte die nigerianische Nationalversammlung dem bisherigen Vize-Präsidenten Jonathan die Macht übertragen. Er soll den erkrankten Präsidenten Umaru Yar'Adua vertreten, über dessen Zustand seit Monaten Unklarheit herrscht. Ein Sprecher des Senates hatte betont, dass man nicht langfristig mit Jonathan plane und auch Afrika-Experte Matthias Basedau zweifelt an dessen Rückhalt. "So wie es jetzt aussieht, ist er eine Übergangserscheinung, weil die Regierungspartei PDP ihn eigentlich loswerden will. Aber in Nigeria wäre es nicht das erste Mal, dass eine Übergangslösung sich als überraschend hartnäckig erweist", glaubt Basedau, der zuletzt jedoch eine positive Entwicklung in der Besetzung der höchsten Staatsämter beobachtet hat. "Man hat aber in letzter Zeit versucht, eine Balance zu schaffen. Das zeigt sich etwa dadurch, dass auf einen muslimischen Präsidenten immer ein christlicher Präsident folgen sollte oder umgekehrt und das der jeweilige Vizepräsident auch jeweils der anderen Region, beziehungsweise Religion angehört."

Goodluck Jonathan (Foto: AP)

Jonathan: Ist er der neue starke Mann Nigerias?

Doch selbst dieses Turnus-Prinzip gibt dem Land derzeit kaum Stabilität. Die jüngste Krise belastet die Autorität des frisch ernannten Präsidenten Jonathan erheblich: Jener will nun Handlungsstärke demonstrieren, ließ 100 mutmaßliche Täter festnehmen und entließ seinen Sicherheitsberater. Ob er die Stabilität des zweitgrößten Erdölproduzenten Afrikas wieder herstellen kann, bezweifelt Matthias Basedau: "Die Staatsschwäche in Nigeria ist ein gewaltiges Problem, das angegangen werden muss und es muss natürlich auch diese Kultur der Straflosigkeit für Politiker, aber auch für diejenigen, die diese Gewalttaten ausüben, ein Ende haben."

Autor: Joscha Weber

Redaktion: Katrin Ogunsade/Dirk Bathe

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