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Politik

Kampf um Mauretanien

In der Hauptstadt Nouakchott wurde die israelische Botschaft beschossen. Das bettelarme Wüstenland ist das neue Schlachtfeld im Kampf Terrorismus gegen den Rest der Welt.

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Karte Mauretanien

Bei dem Anschlag auf Israels Botschaft in der Hauptstadt Nouakchott wurden drei Menschen verletzt, teilte die Polizei des nordwestafrikanischen Landes am Freitag (1.2.2008) mit. Sechs Bewaffnete hätten in der Nacht das Feuer auf die Botschaft eröffnet. Dabei seien zwei Gäste sowie der französische Besitzer einer nahe liegenden Bar durch Schüsse verletzt worden.

Chronik einer angekündigten Offensive

Wirklich überraschend kam der Angriff nicht: Seit gut einem Monat haben Terroristen den Wüstenstaat ins Visier genommen. Im November hatte der stellvertretende Kaida-Chef Aiman az-Zawahri zum heiligen Krieg im Maghreb aufgerufen. Kurz vor Weihnachten hatte Abu Laith al-Libi, die Nummer Drei von El Kaida, von Afghanistan aus dazu aufgerufen, alle ungläubigen Ausländer im Maghreb anzugreifen. "Die Ziele der darauf folgenden Anschläge kann man ja fast schon als klassisch für El Kaida bezeichnen", sagt Guido Steinberg, Terror-Experte von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin.

Der Sieg: Die Rallye Dakar musste abgesagt werden

Der Sieg: Die Rallye Dakar musste abgesagt werden

An Weihnachten floss Blut: Fünf französische Touristen wurden überfallen, als diese auf der Fahrt nach Mali bei Aleg am Rand der Wüstenstraße eine Picknick-Pause einlegten. Die Bewaffneten eröffneten das Feuer und töteten vier der Reisenden, einer überlebte.

"Kreuzritter, Abtrüninge, Ungläubige"

El Kaida veröffentlichte zudem eine Drohung im Internet gegen die Regierung in der Hauptstadt Nouakchott: Darin wird ihr vorgeworfen, mit den "Kreuzrittern, Abtrünnigen und Ungläubigen" zusammenzuarbeiten. Neue Attentate wurden angekündigt. Drei Tage später wurden beim Überfall auf eine Kaserne der mauretanischen Armee mit drei Toten reichlich Waffen erbeutet.

Wenig später gelang den Terroristen ein spektakulärer PR-Coup: Mit Boden-Boden-Raketen und Granatwerfern wollten islamistische Terroristen angeblich in Mauretanien die Rallye Dakar angreifen, wie abgehörte Funksprüche besagten. Das protzige Wüstenrennen mit seinem Millionenbudget musste abgesagt werden – ein Triumph der Terroristen über die prowestliche Regierung von Präsident Sidi Mohamed Ould Cheikh Abdallahi.

153 von 177

Das bettelarme Land hätte die durch das Rennen ins Land gespülten Gelder gut gebrauchen könne. Mauretanien steht auf dem Entwicklungsindex der UN auf Platz 153 von 177. In der islamischen Präsidialrepublik gilt die Scharia. Trotzdem wird das Land zunehmend hofiert: Mauretanien ist eines der wenigen arabischen Länder, die diplomatische Beziehungen zu Israel haben. Das sorgt für mächtige Verbündete in Paris und Washington. Mauretanien dient als Alliierter im "War against Terror" in Afrika, dafür werden amerikanische Hilfsgelder eingestrichen.

Mauretanien

Ein Problem: Die Flucht über`s Meer

Noch vor wenigen Jahren galt das Land als unterentwickeltes Schmuddelkind im Nirgendwo, gefangen in einem mittelalterlichen Gesellschaftssystem inklusive Sklaverei. 1989 forderten Pogrome zwischen der schwarzen und arabischen Bevölkerung hunderte Tote und zehntausende Vertriebene. Mauretanien war das letzte Land der Welt, das Sklaverei unter Strafe setzte – im Dezember 2007. Die Zahl der Sklaven wird bei einer Bevölkerung von drei Millionen auf 100.000 geschätzt.

Das Afghanistan Nordafrikas?

Spätestens seit sich die schlagkräftigste algerische Bürgerkriegsgruppe, die "Salafistische Gruppe für Predigt und Kampf (GSPC)" 2007 in "El Kaida im Maghreb" umbenannte, interessieren sich die USA und Frankreich sehr genau für die riesige Sahara-Region, die als neues Aufmarsch- und Trainingsrevier von bewaffneten Fundamentalisten gilt. Unübersichtliche Geographie, ein schwacher Staat, Grenzen, die keiner kontrollieren kann, eine verarmte Gesellschaft mit internen Konflikten – Mauretanien könnte sich zum Afghanistan Nordafrikas entwickeln. "Einige Analogien kann man auf jeden Fall ziehen", sagt Terrorismus-Experte Steinberg.

Mauretanien Präsident Sidi Mohamed Ould Cheikh Abdellahi

Keine Sklaven mehr: Präsident Sidi Mohamed Ould Cheikh Abdellahi

Zum außenpolitischen kommt das wirtschaftliche Interesse: Mauretanien ist reich an Roherzen. Zudem hat das Land im Sommer 2007 mit den Europäern einen Vertrag über den Fischfang abgeschlossen. 80 Millionen Euro zahlt die EU - und darf dafür Fisch im doppelten Wert fangen. Spanien hat die Zusammenarbeit mit Mauretanien ausgebaut, um den Flüchtlingsstrom an Europas Küsten schon in den Herkunftsländern zu bremsen. Die Investitionen sollen verzehnfacht werden.

Ihren Mentor haben die Terroristen im Magrebh unterdessen verloren. Am Tag des Anschlags auf die Botschaft gab das US-Militär den Tod von Abu Laith al-Libi bekannt. Die libysche El Kaida-Größe war einige Tage zuvor von einer US-Rakete in Afghanistan getötet worden - im globalisierten Krieg bedeutet dies auch ein Erfolg in der mauretanischen Wüste.

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