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Europa

Kampf um die Wahrheit in der Türkei

Der Konflikt zwischen kurdischen Rebellen und der türkischen Armee wird in den türkischen Medien verzerrt dargestellt. Eine Journalisten-Gruppe versucht, ein Gegengewicht zu den regierungsfreundlichen Medien zu bilden.

Seit Monaten liefern sich kurdische Rebellen und Sicherheitskräfte heftige Kämpfe in der Südosttürkei. Ganze Stadtviertel sind zerstört, die Szenen erinnern an den Krieg im benachbarten Syrien.

In den türkischen Medien jedoch kommt die Realität des Konfliktes kaum an: Sie wird verschleiert von einem Nebel von Falschinformationen oder schlicht durch fehlende Information.

Mitte August hat die Regierung in Ankara im Kampf gegen die Kurdische Arbeiterpartei (PKK) die Städte im Südwesten praktisch abgeriegelt. In regierungsfreundlichen Medien wird jedoch so gut wie nie erwähnt, dass diese Maßnahme 224 Zivilisten das Leben gekostet hat.

Fast keine kritischen Medien mehr

Auch ausreichende und unvoreingenommene Berichterstattung über die humanitäre Tragödie, die mindestens 1,3 Millionen Zivilisten in Städten wie Cizre, Sur oder der Altstadt von Diyarbakir betrifft, gibt es nach Angaben der Turkish Human Rights Foundation nicht.

"Über den zunehmenden Konflikt im Südosten gibt es keine Kontrolle und gar eine Berichterstattung, weil die Regierung eine Ausgangssperre verhängt hat. Dazu kommt: In der Türkei gibt es fast keine kritischen Medien mehr", sagt Emma Sinclair-Webb, Türkei-Experitin bei Human Rights Watch. "Es gibt enorme Schwierigkeiten, objektive und verifizierte Informationen über Cizre, Sur und andere Orte zu bekommen", sagt Sinclair-Webb. In solch einem Klima steige die Gefahr von Menschenrechtsverstößen.

Zerstörung von Diyabakir (Foto: Murat Bayram)

In einigen Gegenden im Südosten der Türkei, wie hier in Diyarbakir, ähnelt die Szenerie dem Krieg in Syrien

Journalisten wehren sich

Die Türkei genießt den zweifelhaften Ruf, eine im weltweiten Vergleich besonders schlechte Bilanz bezüglich der Medienfreiheit zu haben, sowohl was die Zahl an inhaftierten Journalisten als auch das Außmaß an Zensur und Selbstzensur in einer Medienlandschaft, die von regierungsfreundlichen Sprachrohren dominiert wird, angeht.

Auf der einen Seite sind die Mainstream-Medien, die ein verfälschtes Bild des Konflikts liefern. Sie berichten unter Berufung auf Quellen in Regierung und Armee über militärische "Erfolge".

Auf der anderen Seite gibt es die Medien der Opposition, von linken oder kurdischen Gruppen. Sie stehen unter konstantem Druck, während sie versuchen, über den seit fast 30 Jahre andauernden Konflikt mit der Türkei zu berichten.

In diesem Klima werden Journalisten, die in der Region unterwegs sind, bedroht, festgenommen und sogar von Sicherheitskräften beschossen. Allerdings gibt es auch Journalisten, die sich gegen die Macht- und Informationszentren zur Wehr setzen.

Informationen für das ganze Land

Es ist bereits die zweite Woche, in der die Initiative "News Watch" (Haber Nobeti) eine Gruppe von Journalisten aus der Westtürkei in den Südosten schickt. Dort treffen sie sich mit lokalen Kollegen und versuchen, das volle Ausmaß des Konflikts einem landesweiten Publikum zugänglich zu machen. Außerdem zeigen sie Solidarität mit lokalen kurdischen Journalisten, die stets in Gefahr sind, während ihrer Arbeit verhaftet oder erschossen zu werden.

"Der Informationsfluss ist so eingeschränkt", beklagt der Journalist Safak Timur, der die Inititative gemeinsam mit Kollegen und Gewerkschaften gründete. "Ein Großteil der Westtürkei hat außer über die sozialen Medien keinen Zugang zu dem, was passiert. Wir wollen das, was passiert, für das Publikum im Westen der Türkei sichtbar machen."

Die Journalisten wollen weiter von den Orten des Konfikts berichten, sowohl in ihren eigenen Zeitungen, in anderen Medien, aber auch auf dem Blog der Initiative.

Journalismus ist kein Verbrechen

Das Ziel sei es, der Regierung zu zeigen, dass Journalismus kein Verbrechen, sondern eine Pflicht, gerade in schwierigen Zeiten, sagt Timur.

Tunca Ogreten, Journalist des liberalen Netzportals Diken News, war Teil der ersten Gruppe, die die Konfliktregion besucht hat. Er sei dorthin gegangen, um Informationen aus erster Hand zu bekommen über Ereignisse, über die falsch in regierungsfreundlichen Medien berichtet wurde, sagt er. Diese Medien versuchten, die Regierung gut aussehen zu lassen. Als Beispiel nennt er den Fall eines 10-jährigen Junge, der bei einer Militäraktion erschossen wurde. Er sei als "Terrorist" bezeichnet worden, ebenso wie ein preisgekrönter Kameramann, der ebenfalls erschossen wurde.

"Eine Initiative wie News Watch ist extrem wichtig", sagt Sinclair-Webb von Human Rights Watch. "Denn es geht um eine unabhängige Berichterstattung über den Konflikt, über die Geschichten, die die Regierung am liebsten verschweigen würde und über die Folgen der eskalierenden Gewalt."

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