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Fokus Osteuropa

Kampf gegen Frauenhandel im deutsch-polnischen Grenzgebiet

Im deutsch-polnischen Grenzgebiet arbeiten Menschenrechtler aus unterschiedlichen Ländern zusammen. Ihre Methoden unterscheiden sich, ihr Ziel ist klar: Den Opfern von Zwangsprostitution Auswege zeigen.

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30.000 Frauen werden jährlich allein nach Deutschland eingeschleust

Die Ukrainerin Olga ist 22, als sie vor wenigen Wochen nach Polen kommt. Bekannte haben ihr eine gut bezahlte Arbeit in Deutschland versprochen und ihre Reise organisiert. Doch die Reise endet an der polnisch-deutschen Grenze, in der polnischen Stadt Slubice an der Oder. Olgas ukrainischer Begleiter verkauft sie an einen polnischen Zuhälter, der sie vergewaltigt und schlägt und sie zur Prostitution zwingt. Er droht damit, Olgas dreijährige Tochter, die in der Ukraine bei den Großeltern lebt, zu töten, falls sie sich widersetze.

Trotzdem will Olga aus dem Bordell fliehen. Sie findet Hilfe bei den Mitarbeiterinnen von „Bella Donna“, einer Beratungsstelle für Prostituierte mit Sitz in Frankfurt an der Oder. Wie vielen Frauen fällt es auch Olga schwer, alleine den Absprung zu schaffen.

Lange Leidensgeschichten

„Das Problem dabei ist, dass sich Frauen völlig neu orientieren müssen. Das ist sehr schwierig“, sagt Uta Ludwig, die die Arbeit von "Bella Donna" koordiniert. „Und da fällt die Frau erst mal zusammen. Unsere ersten Sachen sind meistens, dass wir sie zum Arzt begleiten. Und dann kommt schon die Rechtsberatung. Was steht mir bevor, was erwartet mich?" Manche Frauen sind schon jahrelang im Bordell gewesen, bevor sie den Absprung schaffen. Sie haben lange unter Gewalt gelitten und oft Drogen genommen.

Olga braucht zunächst einen Platz, wo sie bleiben kann. Die Streetworkerinnen von "Bella Donna" in Slubice vermitteln ihr ein Zimmer bei der polnische Partnerorganisation "Nadzeja". Olga will ihren Peiniger nicht anzeigen, sie will kein Gerichtsverfahren. Sie hat Angst vor ihrem Zuhälter und seinem kriminellen Umfeld, sie hat Angst um ihre Tochter in der Ukraine.

Kaum Anzeigen gegen Täter

Menschenhändler und Zuhälter vor Gericht zu bringen, ist nicht einfach. Das bestätigt Dr. Eduardo Rautenberg, Generalstaatsanwalt im deutschen Bundesland Brandenburg: „Die Frauen, die Opfer, befinden sich in einem Milieu, das auf vielfältige Weise Druck auf sie ausübt. Daher ist es sehr schwer, Opfer zu finden, die auch bereit sind, vor Gericht auszusagen, diese Aussagen durchzuhalten, so dass die Täter verurteilt werden können."

Hinzu kommt die meist lange Prozessdauer. So kommen die Täter - nicht nur in Deutschland - in der Regel ungeschoren davon. Nur etwa 10 Prozent der an solchen Straftaten Beteiligten müssen sich nach Auskunft des deutschen Bundeskriminalamtes vor Gericht verantworten und werden dann zu Haftstrafen verurteilt. In den Nachbarländern gibt es nicht einmal Zahlen.

Befreiung auf eigene Faust?

Eine Anzeige - so der Ukrainer Igor Gnat - kann den Frauen deshalb nicht helfen. Er ist Direktor des "Zentrums für Regionale Entwicklung" in Lwiw, das den Opfern von Zwangsprostitution ebenfalls Hilfe anbietet. Gnat glaubt, es sei wichtiger, den Frauen zur Flucht zu verhelfen und vermeidet, wenn möglich, den Kontakt zu den Behörden: „Zuerst bekomme ich die Information, dass in einem Land ein Mädchen zum Opfer wurde. Dann suchen wir sie in dieser Stadt. Wir versuchen sie aus ihrer Umgebung wegzubringen. Entweder aus dem Bordell oder aus den Händen des Zuhälters, der sie auf der Straße verkauft."

Entführung im Auftrag - wenn es sein muss auch in einer Nacht-und-Nebel-Aktion. Seit sieben Jahren befreit seine Organisation ukrainische Mädchen auf eigene Faust aus Bordellen in ganz Europa. Auch in der polnischen Grenzstadt Slubice hat er Erfahrung. Ein gefährliches Unternehmen, denn die Zuhälter sind dort sehr gewalttätig.

Existenzsicherung und Perspektiven

Frauen auf eigene Faust aus dem Bordell zu holen, davon hält Uta Ludwig von „Bella Donna“ wenig. Die Prostituierten müssten selber die Erfahrung gemacht haben, dass sie sich befreien können, sagt sie. Nur dann seien die Frauen psychisch stark genug, um wirklich ein neues Leben zu beginnen.

Olga hat diesen Schritt getan. Sie ist aus dem polnischen Bordell an der deutschen Grenze geflohen und hat erst einmal eine schützende Bleibe gefunden. In der Ukraine hat sie aber ohne Ausbildung nach wie vor keine Perspektive. Deshalb versucht „Bella Donna" sie jetzt bei einer Ausbildung zu unterstützen. Existenzsicherung und Perspektive - darin sehen die ukrainische Organisation von Igor Gnat und „Bella Donna“ einen dauerhaften Weg für die Opfer des Menschenhandels.

Martin Schoen

DW-RADIO, 1.2.2006, Fokus Ost-Südost