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Globale Zusammenarbeit

Kampf gegen eine grausame Tradition

Rund 140 Millionen Frauen sind von Genitalverstümmelung betroffen - die meisten von ihnen in Afrika. Doch auch in Deutschland müssen sich Ärzte und Lehrer mit dieser grausamen Tradition auseinandersetzen.

Missio-Mitarbeiterin Elisabeth schaut im kenianischen Ort Gilgil auf Instrumente, mit denen bis heute Mädchen beschnitten werden (aufg. 10/2004). Die Beschneidung wird bei Mädchen zwischen vier und zwölf Jahren durchgeführt, obwohl sie unterdessen gesetzlich verboten ist. Die Gesamtzahl der beschnittenen Mädchen liegt nach Schätzungen der WHO derzeit weltweit bei 130 Millionen. ZDF- heute journal- Nachrichtensprecherin Gause engagiert sich seit 2003 für missio und möchte ihre Bekanntheit nutzen, um die Arbeit des Internationalen katholischen Missionswerkes zu unterstützen. Um sich über die Arbeit der Organisation zu informieren, besuchte sie mehrere missio-Objekte in Kenia. Foto: Ursula Düren dpa +++(c) dpa - Report+++

Afrika Beschneidung Genitalien Mädchen Instrumente

Jawahir Cumar stammt aus Somalia, als kleines Mädchen kam sie mit ihrer Familie nach Deutschland. Als sie mit zwanzig zu Besuch in ihre Heimat reiste, wurde sie Zeugin einer Beerdigung im Dorf ihrer Großeltern: Ein kleines Mädchen war bei der Beschneidung verblutet. "Und ich habe noch einen weiteren Fall mitbekommen", erinnert sich die heute 36jährige. "Eine Schwangere lag in den Wehen. Sie war noch nie bei einem Arzt gewesen, es gab keine Ultraschalluntersuchung in der Gegend. Das nächstgelegene Krankenhaus war 900 Kilometer entfernt, in Mogadischu. Nach der Geburt des Kindes hat man die Frau wieder zugenäht." Dass die Frau Zwillinge erwartete übersah die Hebamme, so Jawahir Cumar weiter: "Die Frau hatte immer noch Schmerzen. Dann hat man sie zwei Tage lang im Auto nach Mogadischu gebracht. Sie hat es überlebt - aber das zweite Kind starb."

Schwerste gesundheitliche Schäden

In 29 afrikanischen Ländern wird weibliche Genitalbeschneidung bis heute praktiziert - obwohl es in manchen gesetzlich verboten ist. Häufig findet die Beschneidung im Alter zwischen vier und acht Jahren statt. Verwendet werden dafür Rasierklingen, aber auch Küchemesser, Glasscherben oder Deckel von Konservendosen. Der mehrfache Gebrauch dieser "Instrumente" fördert die Verbreitung von Krankheiten wie HIV/AIDS und Hepatitis.

Die Weltgesundheitsorganisation versteht unter FGM (female genital mutilation) "alle Verfahren, die die teilweise oder vollständige Entfernung der weiblichen äußeren Genitalien oder deren Verletzung zum Ziel haben". Dabei wird zwischen vier Arten von FGM unterschieden: von der teilweisen oder vollständigen Entfernung der Klitoris über die Beschneidung der inneren und äußeren Schamlippen bis hin zur vollständigen Verschließung des Scheidenzugangs, so dass nur eine winzige Öffnung von zwei bis vier Millimetern bleibt.

Etwa fünfzehn Prozent der beschnittenen Frauen sind von dieser sogenannten Infibulation betroffen. Praktiziert wird sie vor allem in Somalia und dem Sudan - mit dramatischen Folgen für die Gesundheit: "Wenn der Scheideneingang nahezu komplett verschlossen ist, können sich Urin und Menstrualsekret nur sehr mühsam entleeren und werden dann zurück gestaut", erläutert der Gynäkologe Christoph Zerm, der sich in Deutschland auf die Beratung und Behandlung von beschnittenen Frauen spezialisiert hat. "Das bildet einen idealen Nährboden für Infektionen. In der Folge kann es zu schwersten Erkrankung der Harnwege bis zu den Nieren kommen. Auch Gebärmutter, Eierstöcke und Eileiter können sich entzünden." Allein das Wasserlassen dauert unter Schmerzen oft bis zu dreißig Minuten.

Aufklärung in Deutschland

Jawahir Cumar war als Kleinkind beschnitten worden. Sie hat sich in Deutschland mehreren Operationen unterzogen, um die Infibulation rückgängig zu machen.

Jawahir Cumar, Gründerin und Geschäftsführerin des Düsseldorfer Vereins Stop Mutilation e.V., der sich gegen die weibliche Genitalverstümmelung (FGM) engagiert (Foto: DW/M. Gehrke)

Jawahir Cumar setzt sich gegen FGM in Deutschland und in Somalia ein

Dass diese Tradition in Somalia weiterhin praktiziert wird, schockierte sie. Nach dem Besuch in ihrer Heimat gründete sie in Düsseldorf den Verein Stop Mutilation. "Die Migranten die hierher kommen, bringen das Problem mit. Das war mein Ansporn, den Verein 1996 zu gründen", erklärt die inzwischen dreifache Mutter im DW-Interview. Nach Schätzungen der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes leben in Deutschland etwa 30.000 beschnittene Frauen, 6000 Mädchen gelten als gefährdet. Der Druck der Familie aus der Heimat spielt dabei eine große Rolle. "Vor allem Schwiegermütter und Großmütter rufen aus Afrika immer wieder an, schreiben Briefe und schicken Nachrichten", weiß Jawahir Cumar. Die Botschaft sei immer dieselbe: "Ihr sollt Eure Töchter beschneiden! Oder bringt sie uns, wir machen das."

Sie geht in Schulen und Kindergärten und berät Pädagogen, wie man am besten über das Thema aufklären kann. Und sie leistet Überzeugungsarbeit bei afrikanischen Migranten. "Viele Familien, die neu nach Deutschland kommen, wenden sich an uns, weil sie Hilfe bei Behördengängen brauchen. Wir gehen mit ihnen da hin und gewinnen so ihr Vertrauen. Und dann klären wir sie auch über Genitalverstümmelung auf. Viele wissen nicht, dass das in Deutschland verboten ist. Sie sind schockiert, wenn sie erfahren, dass sie das Sorgerecht verlieren könnten." Siebzehn Mädchen hat sie im vergangenen Jahr vor dem Verlust ihrer Weiblichkeit bewahren können.

Überzeugungsarbeit in Afrika

Auch Fadumo Korn redet Klartext mit Einwanderer-Familien aus Somalia oder anderen afrikanischen Ländern, erzählt sie im Gespräch mit der DW: Beschneidung werde in Deutschland mit Gefängnisstrafe und anschließender Abschiebung geahndet, warnt sie ihre Landsleute. Auch Fadumo Korn stammt aus Somalia, auch sie wurde als kleines Mädchen beschnitten, auch sie hat eine medizinische Odyssee hinter sich. Und auch sie will der grausamen Tradition der weiblichen Genitalverstümmelung ein Ende machen. "In Afrika muss man viel Überzeugungsarbeit leisten.

Sensibilisierung für Genitalverstümmelung im Dorf mit einem Theaterstück

Mit Theaterstücken wird die Dorfbevölkerung über die Folgen weiblicher Beschneidung informiert

Deswegen geht es nur mit Afrikanern für Afrikaner." Europäer würden als Aufklärer nicht akzeptiert, so ihre Erfahrung. "Für mich ist das leicht, weil ich selber betroffen bin. Mir kann keiner erzählen, die Beschneidung sei nicht schlimm", sagt Fadumo Korn.

In Burkina Faso hat sie es gemeinsam mit dem Verein Nala aus Frankfurt geschafft, dass 18.000 Personen in einer Gemeinde im Nordosten des Landes öffentlich der Beschneidung abgeschworen haben: "Wir haben den Imam und den obersten Priester der christlichen Gemeinde für unsere Aktion gewonnen. Und auch den König dieser Region des Landes. Diese drei Männer haben sich hingestellt und haben gesagt, die Beschneidung ist verboten."

Die Tradition der Beschneidung ist durch keine der großen Weltreligionen begründet - dennoch hält sich dieser Irrglaube hartnäckig, weiß Fadumo Korn. Daher habe das Wort von Geistlichen, die sich gegen die Beschneidung aussprechen, auch besonderes Gewicht: "Ob Islam, Christentum oder Naturreligionen: wir nutzen alle Religionen, um den Menschen zu sagen: 'Dein Gott wird auf Dich böse sein, wenn Du seine Kinder beschneidest.'"

Gesellschaftlicher Wandel auch in Deutschland

Die größten Herausforderungen im Kampf gegen die weibliche Genitalverstümmelung müssen die beiden Somalierinnen und ihre Mitstreiter in Afrika bestehen: Beschneiderinnen müssen umgeschult werden; Familien davon überzeugt werden, ihre Töchter unbeschnitten groß werden zu lassen. "Die Männer müssen lernen, dass ein unbeschnittenes Mädchen auch Kinder bekommen und ihren Mann glücklich machen kann", ergänzt Jawahir Cumar. Und nicht zuletzt brauchen Mädchen Zugang zu Bildung und Beruf: "Die Eltern müssen erkennen, dass die Tochter für sich selbst sorgen kann. Denn immer noch werden Mädchen verheiratet, damit sie ihre Familie mit versorgen können."

Doch auch in Deutschland sei noch viel zu tun, sagt Jawahir Cumar und erinnert daran, wie lange es gedauert hat, Zwangsheirat und sogenannte "Ehrenmorde" nicht als überlieferten Brauch von Einwanderern zu rechtfertigen, sondern als Straftat juristisch zu ahnden. Christoph Zerm fordert darüber hinaus, sowohl "in der Ausbildung von Medizinstudenten aber auch in der Fachweiterbildung vertiefende Kenntnisse über die weibliche Genitalverstümmelung zu vermitteln", damit Mediziner mit den betroffenen Frauen richtig umgehen können.