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Europa

Kampf gegen Anti-Roma-Hetze

Vor vier Jahren kam es im rumänischen Dorf Sâncrăieni zu rassistischen Ausschreitungen gegen Roma. Langsam hat sich die Situation entspannt - durch das Engagement einer Sozialarbeiterin, die selbst Romni ist.

Die Märztage sind eisig in dieser Gegend, minus zwölf Grad zeigt das Thermometer noch an manchem Morgen. Erst in einigen Wochen schmilzt der Schnee und der Boden taut - dann können sich Tagelöhner bei den Bauern für die Ackerarbeiten des Frühjahrs verdingen.

Und so warten die Roma im Dorf. In den langen Wintermonaten leben sie nur von der verschwindend geringen Sozialhilfe - eine Familie mit drei Kindern kommt umgerechnet auf knapp 100 Euro, Kindergeld inklusive. Brennholz zu kaufen, kann sich niemand leisten. Die Menschen sammeln trockene Sträucher und Reisig im Wald, um ihre kleinen Hütten zu heizen. Die Kinder gehen vormittags zur Schule. Die Frauen kochen auf den eisernen Öfen Maisbrei oder Kartoffeln, dazu gibt es Quark, Zwiebeln und manchmal ein kleines Stück Speck. Die Männer wärmen sich hin und wieder in der Dorfbar bei einem Kaffee auf.

János Gráncsa mit seinem Sohn stehen im Wohnzimmer ihres bescheidenen Hauses (Foto: Andreea Tanase)

János Gráncsa - hier mit seinem Enkel - würde gerne im Ausland arbeiten

"Bitte", fleht János Gráncsa, der Bulibascha, eine Art oberster Vertreter der Roma im Ort, "können Sie dafür sorgen, dass wir Brennholz bekommen?" Dann fragt er nach Arbeitsplätzen in Deutschland. "Wir machen alles, auf dem Bau, in der Landwirtschaft, alles!"

Gewalt gegen Roma

Sâncrăieni, ein Dorf im ostsiebenbürgischen Szeklerland in Rumänien. In dem 2500-Seelen-Ort leben überwiegend Angehörige der ungarischen Minderheit, aber auch etwa zehn Prozent Roma. Die Gemeinde ist nicht reich, aber besser situiert als viele andere Dörfer der Gegend, denn sie hat einen guten Arbeitgeber: den Mineralwasserabfüller "Perla Harghitei", bei dem etwa 250 Angestellte arbeiten. Außerdem gibt es einige kleine Sägewerke im Ort.

Doch die Roma spüren nichts von dem bescheidenen Wohlstand im Dorf. Sie leben in tiefstem Elend, so wie man es in einem Land der Dritten Welt, nicht aber in einem EU-Staat vermuten würde. Ein Teil der Roma wohnt auf einem slumartigen Areal direkt an der Hauptstraße des Dorfes, in halbverfallenen Holzhütten, durch die der Wind pfeift, zusammen mit Ziegen, Hühnern und Hunden. Knapp 100 Personen teilen sich einen einzigen Wasserhahn, der aus der Erde ragt, Kanalisation gibt es keine, am Rand des Grundstücks stehen zwei Bretterverschläge - die Toiletten. Bis zu zehn Personen hausen in jeweils einem einzigen Zimmer, in den meisten Räumen stehen nur Betten, ein Ofen und ein Tisch.

Zur dramatischen Armut kamen im Juli 2009 auch rassistische Ausschreitungen: Nach einer Messerstecherei zwischen einem Rom und einem Ungarn setzten ungarische Dorfbewohner eine Scheune in Brand, verwüsteten Hütten der Roma und vertrieben die Roma selbst zeitweise aus dem Dorf. Nur die massive Polizeipräsenz verhinderte eine Lynchjustiz. Es war - zusammen mit einem ähnlichen Fall in einem Nachbardorf - das erste Mal seit der pogromartigen Gewaltwelle gegen Roma Anfang der 1990er Jahre, dass es in Rumänien wieder zu antiziganistischen Ausschreitungen kam.

Keine Ermittlungen gegen die Brandstifter

Sozialarbeiterin Emese Joni in der Mitte hinter einem kleinen Roma-Mädchen im Dorf Sancraieni (Foto: Andreea Tanase)

Sozialarbeiterin Emese Joni (Mitte) hat sich dafür eingesetzt, dass die Kinder geimpft werden

Der messerstechende Rom wurde später zu neun Jahren Gefängnis verurteilt, gegen die ungarischen Brandstifter und Randalierer wurde nicht einmal ermittelt. Mehr noch: Der Bürgermeister Ernö Székely zwang die Vertreter der Roma im Dorf, einen so genannten "Pakt für ein friedliches Zusammenleben" zu unterzeichnen. Die Roma mussten darin zeitweise auf Rechte wie Tierhaltung verzichten und sich zu "zivilisiertem Verhalten" verpflichten.

Unmittelbar nach den Ausschreitungen kam eine Sozialarbeiterin und Mediatorin regelmäßig ins Dorf; die heute 40-jährige Emese Jóni. Sie ist studierte Soziologin und selbst Romni, wohnt in der nahegelegenen Stadt Miercurea Ciuc und kennt das Dorf schon länger: Seit 2006 hielt sie als ehrenamtliche Sozialarbeiterin regelmäßigen Kontakt zu den örtlichen Roma.

Nach den Ausschreitungen von 2009 kam sie täglich für einige Stunden ins Dorf, zunächst wieder ehrenamtlich, bald darauf mit einem Arbeitsvertrag des Gemeinderates. Sie beriet die Roma in Fragen des Alltags, klärte Roma-Frauen über Sexualität, Verhütung und Familienplanung auf, organisierte Arztbesuche, Behördengänge, die Einschulung von Kindern und einen Alphabetisierungskurs für Erwachsene. Vor allem aber war sie zur Stelle, wenn es darum ging, Konflikte zwischen Nachbarn zu schlichten.

Schwere Bedingungen für Sozialarbeiterin Jóni

Kleine Ergebnisse ihrer Arbeit zeigten sich bald: Emese Jóni hat beispielsweise dafür gesorgt, dass zum ersten Mal überhaupt alle Kinder der Roma vollständig geimpft wurden. Einige erwachsene Roma lernten Lesen und Schreiben. Außerdem gingen bald alle Roma-Kinder regelmäßig in die Grundschule des Dorfes. Im letzten Herbst nahmen - mit zwei Ausnahmen - erstmals auch alle Roma-Kinder, die in diesem Jahr eingeschult werden, am Vorschuljahr teil.

Doch dann kam im Januar dieses Jahres das Aus für die Arbeit von Emese Jóni: Der Gemeinderat verlängerte ihren jeweils auf ein Jahr befristeten Arbeitsvertrag nicht mehr. Die offizielle Begründung lautete: Sie habe eine andere Arbeit angenommen. Tatsächlich arbeitet Emese Jóni seit Jahresanfang als Roma-Beauftragte der Kreisstadt Miercurea Ciuc. Ihre feste Arbeit in Sâncrăieni hätte sie dennoch gerne weitergemacht. Jetzt, so hat sie den Roma im Dorf versprochen, bleibt sie einfach deren ehrenamtliche Ansprechpartnerin.

Doch es scheint, dass einige Personen sie lieber loswerden wollten: Bürgermeister Ernö Székely sagt in säuerlichem Ton: "Ich kann nicht behaupten, dass Frau Jóni hier fehlt". Den Sinn von Sozialarbeit kann er nicht erkennen. Und die Roma? "Alles in bester Ordnung", sagt Székely. "Die meisten Zigeuner haben sich angepasst und ihre Verhaltensweisen geändert. Aber in bestimmter Hinsicht bleiben sie, wie sie sind, irgendwann kommt immer der Zigeuner durch."

Gemeinsame Ferienlager sollen Toleranz fördern

Die Lehrerin Kinga Tompos beim Unterricht mit Roma-Schülern (Foto: Andreea Tanase)

Mit Bildung gegen Ausgrenzung: Roma-Kinder im Unterricht

Emese Jóni kommentiert solche Sätze nicht, aber ihr ist anzumerken, dass sie sie traurig machen. Sie ist stolz auf ihre Arbeit, ihre kleinen Fortschritte, aber sie kennt auch ihre Grenzen: "Was ich gemacht habe, war nur der Anfang, damit die Roma von ganz unten wegkommen. Es bedarf noch vieler Jahre, bis so eine Arbeit Früchte trägt."

Ein Projekt in Sâncrăieni wird Emese Jóni allerdings weiterführen - auch ohne Bezahlung: Im Herbst 2012 durften die jeweils zehn besten Schülerinnen unter den Ungarn und den Roma der Klassen sechs bis acht an einem einwöchigen Musik- und Tanzferienlager teilnehmen. Das Projekt wurde von einer Stiftung finanziert und war ein großer Erfolg. In diesem Frühjahr sind die Jungen an der Reihe. "Langfristig möchte ich erreichen, dass eine Freundschaft zwischen Ungarn und Roma entsteht, dass sie nicht im Konflikt miteinander aufwachsen", sagt Emese Jóni. "Wenn diese neue Generation das Niveau erreicht, miteinander zu spielen und zu lernen, dann wird es eines Tages keinen Abgrund mehr zwischen Roma und Nicht-Roma geben."

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