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Kultur

Kampf für mehr Freiheit von Lesben in Russland

Von verbaler Diskriminierung bis zu körperlicher Gewalt: Homosexuelle müssen in Russland mit vielen Schwierigkeiten leben. Elena Inozemceva, die offen zu ihrer Homosexualität steht, versucht, das zu ändern.

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Das russische Pop-Duo TATU sorgte mit lesbischen Szenen im Video-Clip für Aufsehen

Der Klub "Drei L" in St. Petersburg am Samstagabend. Auf der Tanzfläche toben sich junge Frauen aus, andere lehnen mit einem Getränk in der Hand an Stehtischen oder an der Bar. Die drei "L" stehen für Liberty, Lesbian und Love. Bis früh morgens hat der Klub geöffnet. Draußen erwartet die Besucherinnen bisweilen eine böse Überraschung, erzählt Elena Inozemceva, die den Klub mitgegründet hat. "Männer kommen hierher vor den Klub, um die Mädchen zu verprügeln. Neulich erst haben zwei Typen eine Bekannte von mir angepöbelt, 'Scheißlesben' und so etwas", sagt sie. Ihre Bekannte sei eine selbstbewusste Frau, eine gestandene Managerin. Sie habe zurückgefragt: "Und was seid ihr?" Da hätten sie angefangen, auf sie einzuschlagen. Das seien Betrunkene gewesen. Für die sei es ein Freizeitspaß, Lesben zu verprügeln.

Sorgentelefon für Homosexuelle

Elena Inozemceva rückt die Sonnenbrille auf ihren halblangen Haaren zurecht. Um Homosexuellen in Not zu helfen, hat die 34-Jährige ein Sorgentelefon eingerichtet. Sie zeigt auf einen Zettel neben der Theke. "Hilfsdienst für Schwule und Lesben" steht darauf, darunter eine Telefonnummer. "Jungs rufen vor allem an, wenn sie Opfer von Verbrechen geworden sind. Sie werden verprügelt, auf der Straße beschimpft oder von ihren Angehörigen aus der Wohnung geworfen", sagt Elena Inozemceva. Außerdem meldeten sich schwule Wehrpflichtige, die nicht zur Armee wollten. Frauen wendeten sich vor allem mit psychologischen Problemen an die Hotline. Ihnen gehe es eher darum, den Alltag zu organisieren. Sie wollten wissen, wie sie ihren Anteil an einer Wohnung sichern könnten, oder sie bräuchten Hilfe, wenn sie sich aus Liebe zu einer Frau scheiden lassen wollten.

Überfälle auf Schwule und Lesben

Seit einem halben Jahr existiert die Hotline - die erste dieser Art in ganz Russland. Fünf Psychologinnen und zwei Anwälte stehen zum Teil ehrenamtlich zur Verfügung. Finanziert wird der Service von einer US-amerikanischen Stiftung. In der Sowjetunion war Homosexualität strafbar. Schwule und Lesben wurden nach Sibirien verbannt oder in die Psychiatrie gesperrt. Russlands Verfassung schützt zwar sexuelle Minderheiten, doch die Realität sieht anders aus.

Besonders in der Provinz gibt es immer wieder Überfälle auf Homosexuelle. 2002 versuchten einige Abgeordnete der Duma sogar, Homosexualität wieder unter Strafe zu stellen. Mit ihrem Gesetzesentwurf scheiterten sie zwar; solche Vorstöße reichen aber, um Schwule und Lesben einzuschüchtern, sagt die Aktivistin Elena Inozemceva. Alle trieben ein falsches Spiel. Die Frauen dächten sich eine Legende aus, damit ihre Kollegen bei der Arbeit nicht erfahren, dass sie Lesben sind. "Vielleicht ist das eine Folge unserer totalitären Vergangenheit. Alle wollen anonym bleiben. Es gibt nur wenige mutige Lesben in Russland, leider", sagt die Aktivistin.

Keine Lobby

Schwule Hochzeit in Kalifornien

Schwulen-Hochzeiten wie hier in Kalifornien sind in Russland undenkbar

Auch deshalb haben Lesben und Schwule in Russland keine Lobby. In vielen europäischen Ländern wird die homosexuelle Szene als zahlungskräftige Konsumentengruppe oder als politische Klientel umworben. Nicht so in Russland. Ein Bürgermeister oder ein Abgeordneter, der sich offen zu seiner Homosexualität bekenne - das sei in Russland undenkbar, sagt Elena Inozemceva. Sie begnügt sich deshalb vorerst mit kleinen Zielen. Sie möchte die Hotline für Schwule und Lesben bekannt machen, verteilt Flyer, schaltet Anzeigen. Doch schon das ist schwierig.

Angebliche Verstöße gegen Ethik und Moral

Vier Zeitungen hätten ihr verboten, die Wörter "Lesben und Schwule" in den Anzeigen zu verwenden, weil die Wörter angeblich nicht der allgemeinen Ethik und Moral entsprächen. Dabei ginge es nun mal um Lesben und Schwule. "Aber ich soll statt dessen 'Personen nicht traditioneller Orientierung' schreiben. Das ist doch Unsinn. Im Übrigen verstoßen die Zeitungsmacher damit gegen die russische Verfassung, denn sie verwehren mir den Zugang zur Information. Ich denke, ich werde gerichtlich dagegen vorgehen", sagt Elena Inozemceva.

In Wirklichkeit stecke hinter solchem Verhalten reine Homophobie, erklärt sie. "Die Leute sagen: 'Das russische Volk stirbt aus, weil auf einmal alle homosexuell sind.' Vor allem unsere konservativen patriarchalischen Kommunisten verbreiten so etwas. Ich sage dann immer: Eine lesbische Familie kann doppelt so viele Kinder kriegen", erklärt Elena Inozemceva und lacht.

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