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Kultur

Kampf für die Alten

Das Los der alten Menschen in Brasilien ist wenig beneidenswert. Die katholische Kirche versucht zu helfen - und einen Denkprozess in Gang zu bringen.

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Reichtum ist manchmal nur Fassade

Brasilien ist das größte katholische Land der Erde. Das sollte man annehmen dürfen, dass die katholische Soziallehre in der Politik ihren Niederschlag gefunden hat. Gemeint sind Postulate, die auch Johannes Paul II. in seinen progressiven Soziallehrschreiben erhoben hat: Der Vorrang menschlicher Würde vor dem Kapital, die Verpflichtung der Unternehmer zu sozialer Verantwortung, die Verurteilung jeder Form von Ausbeutung und Unterdrückung. Doch das christliche Menschenbild, das diese Forderungen begründet, ist in der brasilianischen Gesellschaft alles andere als fest verankert. Das macht die diesjährige Brüderlichkeitskampagne der katholischen Bischofskonferenz deutlich. Gewidmet ist sie den alten Menschen und verlangt im Umgang mit ihnen einen tiefgreifenden Mentalitäts- und Wertewandel.

Rente als Strafe

Der deutschstämmige Bischof Odilo Pedro Scherer wirkt in der drittgrößten Stadt der Welt, in Sao Paulo. Es ist die Industrielokomotive des Landes mit weit über tausend deutschen Firmen. Scherer nennt sie die reichste und ärmste Metropole Lateinamerikas, wegen der erschreckenden sozialen Kontraste. Brasilien ist zwar die immerhin zwölftgrößte Wirtschaftsnation der Erde, doch 80 Prozent der Brasilianer über 60 bekommen als einzige staatliche Unterstützung nur eine lächerliche Rente von umgerechnet etwa 60 Euro - bei annähernd europäischem Preisniveau. Und das heißt bitterste Armut, kein Geld für die nötigsten Medikamente. Diese Rente ist eine Strafe, sagen Bischöfe wie Scherer. Deshalb sorge sich eben die Kirche um die alten Menschen. Die diesjährige Brüderlichkeitskampagne ist den Alten gewidmet, "weil das Risiko besteht, dass die ältere Generation wegen der neuen wirtschaftlichen Orientierungen noch weniger beachtet wird", sagt Scherer. "Dass sich diese individualistische, kapitalistische Mentalität weiter verstärkt, wonach nur der etwas wert ist, der produziert und konsumiert - die Schwächeren aber beiseite geschoben werden." Im Grunde sei der alte Mensch in Brasilien völlig von seiner Familie abhängig. "Doch in großen Städten ist die Familienstruktur sehr schwach."

Ziel: Mentalitätsänderung

Bischof Scherer hat täglich vor Augen, wie rücksichtslos man mit den Alten umspringt: 60-, 70-jährige Frauen zerren meterhoch mit Lasten beladene Karren - ihr Lebensunterhalt. In Hospitalwartezimmern besetzen die Jüngeren sämtliche Stühle. Frauen, Männer über 70, 80, manche blind, auf einen Stock gestützt, müssen stehen. In der Riesenschlange vorm Rentenschalter brechen Senioren bei Tropenhitze ohnmächtig oder gar tot zusammen. Bischof Scherer möchte eine Mentalitätsänderung erreichen. "Da der Staat fast nichts tut, muss die Kirche für die Rechte der alten Menschen kämpfen. Sie sind doch eine Energiereserve der Gesellschaft, haben soviel an Lebenserfahrung für die junge Generation. Wenn ich das jetzt in den Kirchengemeinden den Kindern sage, kriegen die immer ganz große Augen. Tatsächlich, sagen sie dann, eines Tages sind wir ja auch alt!"

Die schwarze Olga Benedita Maria wohnt und arbeitet an der Slumperipherie Sao Paulos. Alte sterben hier wegen Mißhandlungen, wegen unterlassener Hilfe. Viele wissen nicht wohin, hausen unter Brücken, in irgendeinem Asyl - weil sich Familienangehörige deren Wohnung und Besitz aneigneten. Olgar Maria leitet eine Altenseelsorge, die "Pastoral dos Idosos" und koordiniert die Brüderlichkeitskampagne der Erzdiözese mit. "Wir sagen hier allen: Wenn alte Menschen gut in die Familie integriert bleiben, werden die Kinder nicht drogenabhängig, prostituieren sich nicht, rutschen nicht ins Verbrechen ab."

Neofeudal organisierte Slums

Das ist schließlich eine der familiären Hauptsorgen in Slums, die durchweg von neofeudalen Banditenmilizen des organisierten Verbrechens beherrscht werden. Gewalt gegen alte Menschen forderte allein letztes Jahr in Brasilien 15.000 Opfer - wenn die Pastoral in solchen Slums Mißhandlungen durch Jüngere bemerkt, entsteht eine bizarre Situation. "Da bleibt uns nichts weiter übrig, als mit dem Gangsterchef zu sprechen, denn der bestimmt absolutistisch - und hilft uns mit Sicherheit und greift sich die Täter."

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