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Europa

Kampf dem Wässerchen

Russland soll einmal mehr trocken gelegt werden: Zum Jahreswechsel wurden die Wodka-Preise drastisch erhöht. Die Maßnahme ist umstritten – nicht nur bei Trinkern.

Wodkaflaschen (Foto: ap)

Wodka streichelt dem Russen das Herz, heißt ein Sprichwort. Der Schnaps bringt den Russen aber auch früh ins Grab: Nach einer von der Europäischen Kommission in Auftrag gegebenen Studie sind die Hälfte aller vorzeitigen Tode in Russland Folge von Alkohol. Auch die niedrige Lebenserwartung russischer Männer erklärt sich mit dem Suff: Sie liegt gegenwärtig bei 59 Jahren – deutsche Männer leben im Schnitt 15 Jahre länger.

Mehr als das Doppelte

Ein russischer Kriegsverteran mit einem Glas Wodka (Foto: ap)

Darauf ein Glas: 18 Liter reinen Alkohol trinken die Russen pro Kopf und Jahr

Nun will die Regierung mit drastischen Preiserhöhungen für Wodka den um sich greifenden Alkoholmissbrauch im Land bekämpfen. Seit Jahresbeginn gilt ein Mindestpreis von 89 Rubel (2,08 Euro) für den halben Liter - damit verteuert sich der billigste Wodka um mehr als das Doppelte. Auf den Mindestpreis hatte sich unlängst eine Regierungskommission geeinigt.

"Der Alkoholverbrauch bei uns ist kolossal", entrüstete sich Präsident Dmitri Medwedew im Sommer 2009 - er gilt als Nichttrinker. "Ich habe mit Erstaunen herausgefunden, dass wir heute mehr trinken als in den 1990er Jahren, obwohl das sehr schwierige Zeiten waren." Im Schnitt trinken die Russen im Jahr 18 Liter reinen Alkohol.

Die Gescheiterten

Gorbatschow kratzt sich auf dem Parteitag der KPdSU 1990 am Kopf (Foto: ap)

Wodka bereitet auch Gorbatschow Kopfzerbrechen (1990)

Medwedew reiht sich damit in eine lange Reihe der Gescheiterten ein, die den Russen das Trinken abgewöhnen wollten. Zar Nikolaus II. probierte es vor dem Ersten Weltkrieg mit Prohibition, die Bolschewisten taten es danach – vergeblich. Der sowjetische Ex-Regierungschef Michail Gorbatschow erlangte in den 80er Jahren mit seinem gescheiterten Vorhaben, das Volk zum Sprudel zu bekehren, zu traurigem Ruhm. Noch heute wird er als "Mineralsekretär" verspottet.

Ärzte fürchten aber, dass bei höheren Preisen noch Gefährlicheres als Wodka konsumiert wird. Russische Trinker greifen zur Not eben auch zu illegal Gebranntem, Industrie-Alkohol, Frostschutzmitteln oder anderem Ersatz wie Rasierwasser – mit fatalen Folgen. Schon jetzt sterben in Russland jedes Jahr Tausende Menschen durch gepanschten Alkohol. Laut Interfax ist die Hälfte des in Russland verkauften Wodkas schwarz gebrannt.

Autor: Oliver Samson (ap, afp)
Redaktion: Ursula Kissel