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Politik & Gesellschaft

Kampf dem Glücksspiel

Rund vier Millionen Menschen in Deutschland gelten als süchtig nach Glücksspielen. Die Ministerpräsidenten der Bundesländer wollen jetzt den Glückspielstaatsvertrag ändern - und ihr Monopol aufbrechen.

Bunt erleuchteter Geldspielautomat (Foto: Fotolia)

Geldspielautomaten sind verführerisch

Glücksspiele aller Art sind in Deutschland Angelegenheit des Staates. Glücksspiele, ob in Casinos oder in Automatenhallen, dürfen deshalb nur mit Genehmigung staatlicher Behörden betrieben werden. Betreiber von Glücksspielen, auch die Lottogesellschaften, führen ihre Gewinne an den Staat ab, der dieses Geld meist sozialen Zwecken zuführt. Was und wie gespielt werden darf, regelt sogar ein eigener bundesweit geltender Staatsvertrag. Dieser scheint zwar viele Gewinne zu garantieren, er lässt aber eine steigende Anzahl von Spielsüchtigen immer noch zu viele Schulden machen. Immer mehr Existenzen sind wegen extensiven Spielens bedroht.

Wie viel Schutz der Spieler ist nötig?

Jetons - Spielmarken - auf dem Zahlenfeld eines Roulettetisches (Foto: dpa)

Roulette-Spielmarken

Der Europäische Gerichtshof hat in einem Urteil festgelegt, dass ein staatliches Monopol beim Glücksspiel in Deutschland nur erhalten werden kann, wenn gleichzeitig die Glücksspielsucht massiver als bisher bekämpft wird. Dass es Spielsucht gibt, ist durch viele Untersuchungen belegt und unbestritten. Es geht nicht nur um die Frage, inwieweit man das Glücksspiel umfassender kontrollieren, sondern auch den Markt der Milliardengewinne weiter liberalisieren kann.

Die Ministerpräsidenten der Bundesländer wollen nun zumindest den milliardenschweren Sportwettenmarkt in Deutschland für private Anbieter öffnen. Die 16 Regierungschefs verständigten sich am Mittwoch (06.04.2011) in Berlin darauf, zeitlich befristet sieben bundesweite Lizenzen an Privatanbieter von Sportwetten zu vergeben. Den geänderten Glücksspielstaatsvertrag wollen die Länderchefs auf ihrer nächsten Konferenz Anfang Juni unterzeichnen.

Milliardenmarkt mit Suchtpotential

Rund 8000 Spielhallen gibt es in Deutschland. In vielen herrscht schon vormittags reger Betrieb. Das freut vor allem die Automatenaufsteller wie die Firma Gauselmann, den größten Hersteller und Betreiber von Spielhallen in Deutschland. Allein im vergangenen Jahr machte das Unternehmen einen Umsatz von rund 1,5 Milliarden Euro. So erzählen auch die bunten Bildchen, die auf dem Schirm des Spielautomaten in schneller Reihenfolge vorbeiflitzen, von unermeßlichen Reichtümern, Pharaonengräbern voll goldenem Geschmeide, von Schlössern und Säcken randvoll mit Geld.

Doch die wahren Geschichten, die sich in dieser Spielhölle abspielen, sind alles andere als beglückend, weiß eine Betreiberin, die ihren Namen nicht genannt haben möchte. Glücksspiel hat eben immer noch ein Schmuddelimage. Die Betreiberin gibt denn auch zu, dass man für einen Gewinn schon sehr hoch spielen müsse. "Das beginnt nicht mit ein paar Cents, da müssen sie schon mindestens zwei Euro investieren," erzählt sie und ergänzt: "Richtige Spieler hören nicht auf. Die wollen immer mehr."

"Alles war mir egal"

Routierende Symbole an einem Geldspielautomaten (Foto: Fotolia/Alterfalter)

Sieht verspielt aus, kann aber eine ernste Angelegenheit werden

Spielautomaten haben ein hohes Suchtpotential. Sie würden unter Spielsüchtigen als Suchtfaktor Nr. 1 gelten, warnen Suchtexperten. Rund vier Millionen Menschen in Deutschland haben bereits Probleme mit Glücksspielen und können keine Grenze mehr ziehen zwischen Spaß und Unterhaltung einerseits und Sucht andererseits. Süchtig zu werden sei "spielend einfach", davon wieder loszukommen aber fast nur mit professioneller Hilfe möglich, meint ein Betroffener, der aus Scham auch nur anonym frei redet. "Wenn es das Einkommen gab, habe ich es auf einen Schlag abgehoben. Es war mir egal, ob ich noch irgendwas hatte oder noch etwas zahlen sollte. Alles war mir egal, ich habe das Geld dann auch innerhalb von einem oder zwei Tagen verspielt", sagt er.

Unlängst hatte auch die Bundesdrogenbeauftragte Mechthild Dyckmans gefordert, zumindest Automaten, die in Bäckerein, Imbissbuden oder Tankstellen hängen, ganz zu verbieten. Denn im Gegensatz zu Automaten in Spielhallen, zu denen nur über 18-Jährige Zutritt haben, spielen an den freien Automaten nicht selten auch Kinder, und werden damit anfällig für Spielsucht. Zudem übersehen viele Ärzte Symptome einer Glücksspielsucht häufig noch. Die Zahl der Betroffenen wächst deshalb stetig. Der Glücksspielsuchtexperte und Psychologe Hans-Jürgen Rumpf von der Universität Lübeck bestätigt, dass Ärzte nur zum Teil bereit sind, auf solche Patienten zuzugehen: "Ihre Ausbildung hat das nicht vorgesehen, so bleiben nur sehr wenige, engagierte Ärzte, die das sehr gut machen."

Weniger Gewinn, kürzere Spielzeiten

Bundesweit gibt es über 230.000 Geldspiel-Geräte. In rund 60.000 Gaststätten hängen alleine 70.000 Geräte. Der Fachverband Glückssspielsucht wünscht sich am liebsten die Schweizer Variante. Verbands-Geschäftsführerin Ilona Füchtenschnieder sagt: "Meine Lieblingslösung wäre, dass man die Spielhallen schließt, so wie man das in der Schweiz gemacht hat." Der Verband bietet Hilfe für Betroffene, deren Angehörige und auch Informationen für Fachleute an. Er organisiert Selbsthilfegruppen und vermittelt Kontakt zu Ärzten, Psychologen und Schuldnerberatern.

In der Schweiz sind seit 2005 Spielhallen und Automaten in Restaurants, Bars und Geschäften durch eine Gesetzesänderung verboten. Nur in staatlich überwachten Casinos darf noch an Automaten gespielt werden. Zutritt zu solchen Casinos erhält man nur mit Personalausweis. Somit kann niemand unter 18 Jahren Casinos betreten. In Deutschland tut sich die Politik noch schwer, dem Schweizer Modell mit erheblich schärferen Gesetzen zu folgen. Denn Jahr für Jahr spülen die Glücksspieler dem Staat viel Geld in die Kasse. Im vergangenen Jahr immerhin 3,3 Milliarden Euro.

Autoren: Wolfgang Dick / Peter Kolakowski
Redaktion: Klaudia Prevezanos

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