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Kultur

Kaminer: "Man lebt, als gäbe es Putin nicht"

Der in Berlin lebende Wladimir Kaminer kritisiert seine russische Heimat wegen des Ukraine-Konflikts hart. Nur Merkel könne Putin nun helfen, sagte der Autor, dessen Bücher in Deutschland Bestseller sind, der DW.

DW: Sie haben auf

Facebook einen Beitrag gepostet

, in dem Sie unter anderem schreiben, dass Sie sich für Ihre russische Heimat schämen, die, ihrem Präsidenten folgend, im Konflikt mit der Ukraine die Welt an den Rand eines Krieges bringt. Warum haben Sie das gemacht?

Wladimir Kaminer: Gute Frage, eigentlich habe ich mich bisher politisch sehr selten geäußert. Aber wenn russische Panzer über die Grenzen des Landes rollen, muss jeder Mensch, der sich verantwortlich fühlt, für das, was um ihn herum passiert, seine Meinung laut sagen. Und ich fühle mich nach wie vor verantwortlich, für das, was in Russland geschieht.

Sie sind - nicht nur als

Schriftsteller

- für Ihren Witz und Humor bekannt: Wann ist Ihnen im Konflikt zwischen Putin und der Regierung im ukrainischen Kiew der Spaß vergangen?

Man kann nur schwer darüber lachen. Vor allem die Kommentare, die ich seit der Veröffentlichung meines Beitrages bekomme, zeigen mir, wie verwirrend und unvollständig das Bild der Öffentlichkeit von dem ist, was in Russland geschieht. Mir geht es gar nicht so sehr um die

Situation in der Ukraine

. Ich glaube, damit werden die Ukrainer selbst fertig werden - müssen. Es geht mir darum, dass ein russischer Staat eine aggressive Politik und Kriegshetze betreibt, und versucht, Profite herauszuschlagen auf nicht ehrliche Art. Es geht mir darum, Russland zu retten.

Sie gehen mit Ihren russischen Freunden und Landsleuten hart ins Gericht: Sie würden die Tyrannei und Korruption im Land sehen, aber nichts sagen. Sie würden auf die Freiheit verzichten, solange sie günstige Kredite und Wohnungen bekommen. Ist den Russen noch zu helfen mit ihrem Putin?

Ja, natürlich. Ich glaube, dass gerade durch diese Zuspitzung in der Ukraine das russische Regime den letzten Anschein einer Legitimation abgelegt hat. Die Russen haben ab den 1990er Jahren - eigentlich sogar schon davor - auf ihren eigenen Staat gepfiffen. Das ist auch unter den russischen Intellektuellen eine sehr weit verbreitete Meinung: "Wenn wir schon nichts bewirken können, was die Ausrichtung dieser Staatlichkeit betrifft, dann leben wir eben unabhängig davon und betreiben unsere Privatangelegenheiten weiter." Man lebt, als würde es diesen Präsidenten Putin überhaupt nicht geben. Aber das funktioniert nicht. Spätestens in dem Moment nicht mehr, wenn russische Panzer außerhalb der Russischen Föderation herumfahren.

Wie wirkt sich das aus?

Es ist schon erstaunlich, wie so ein kleiner Mann es geschafft hat, Millionen von Menschen auseinander zu bringen. Zurzeit toben wirklich Schlachten auf allen Internet-Portalen. Freunde schwören einander ewige Feindschaft. In jeder Familie, in jedem Haushalt werden Barrikaden gebaut. Meine Tante beispielsweise freut sich sehr, dass Russland die Krim erobert. Meine Mutter hat mich heute Morgen angerufen und gebeten, nichts mehr zu politischen Themen zu sagen. Wahrscheinlich weil sie sich Sorgen macht, dass die Panzer auch zu uns nach Hause kommen. Meine Landsleute schreiben mir: "Was für ein Quatsch, dass die Meinungsfreiheit in Russland beschränkt ist." Gleichzeitig schreiben sie, ich würde bei meinem nächsten Russland-Besuch ganz sicher sofort verhaftet und hinter den Ural geschickt. Dass das eine dem anderen widerspricht, sehen sie nicht ein.

Sie wollen in der mittlerweile international bekannten

"Russendisko"

im Berliner "Kaffee Burger" am Samstag (08.03.2014) nur ukrainische Musik spielen: Was soll das bringen?

Das soll illustrieren, was ich

auf Facebook geschrieben

habe: Dass Russen und Ukrainer Brüdervölker sind, die einander nahestehen und sich nicht im Stich lassen werden. Und sie werden einander ganz sicher helfen, aber nicht mit Panzern. Mein

Freund und Kollege Yuriy Gurzhy

, mit dem ich die Russendisko zusammen mache, ist Russe, aber mit einer Ukrainerin verheiratet. Wir werden uns am Samstag für die Werte einsetzen, die wir schon immer proklamiert haben: Für Solidarität, für internationale Hilfe, für ein Zusammenleben und eine Welt ohne Waffen.

Szene aus dem Film Russendisko von 2012 (Foto: Stephan Rabold)

Kaminers Bestseller "Russendisko" kam 2012 als Film in die Kinos. Die echte Russendisko findet weiterhin samstags im Berliner "Kaffee Burger" statt.

Finden Sie, dass sich andere Kulturschaffende in Deutschland viel mehr zum Konflikt zwischen Russland und der Ukraine äußern sollten?

Das tun bereits sehr viele. Soweit ich mitbekommen habe, existieren von vielen Kulturschaffenden unterschriebene Aufrufe an die russische Regierung.

Das Neue Theater Riga aus Lettland hat gerade alle Auftritte in Russland wegen des Ukraine-Konflikts abgesagt. Sollten Theater oder Tanzgruppen aus Deutschland sich ähnlich verhalten und stattdessen in die Ukraine fahren - oder wäre das ein bisschen viel verlangt?

Ich denke, solch eine kulturelle Blockade wäre eine falsche Entscheidung. Sie würde gerade die Menschen treffen, die es nicht verdient haben. Ich denke nicht, dass die Menschen, die Russland in den Abgrund steuern, ins Theater gehen. Umgekehrt muss man auf allen Ebenen versuchen, mit den Menschen zu reden und ihnen einen Spiegel vorzuhalten. Damit sie sehen, wie sie in der Weltöffentlichkeit nun wahrgenommen werden.

Auch wenn Sie nun unverhofft zum Ukraine-Russland-Experten werden: Was denken Sie, wie es in dem Konflikt weitergehen wird?

Ich glaube, dass Putin meinen Beitrag gelesen hat und jetzt überlegt, wie er seine Panzer schnellstens wieder in die Kasernen zurückfahren lassen kann. Bloß steckt er natürlich in der Klemme. Er kann nicht nach vorne, weil die Welt das nicht versteht und nicht hinnehmen will. Aber zurückrudern kann er auch nicht, weil er ja mit 24 Fernsehkanälen diese Kriegshetze im eigenen Land angestachelt hat. Dann werden seine Anhänger sagen: "Du bist kein richtiger Mann. Man macht keine halben Kriege." Ich glaube, nur Angela Merkel kann ihm helfen, aus dieser Situation mehr oder weniger herauszukommen, ohne das Gesicht ganz zu verlieren. Ich weiß nicht, wie sie das anstellt, aber sie ist eine vernünftige Entscheidungsträgerin, die ihm gute Ratschläge geben kann.

Wladimir Kaminer (geboren 1967 ) ist deutscher Schriftsteller russischer Herkunft. Seit 1990 lebt er in Berlin. In Deutschland sind seine Kurzgeschichten und Romane Bestseller. Er schreibt immer wieder mit Witz über seine Erfahrungen als eingewanderter Russe. Anfang März 2014 hat sich Kaminer auf Facebook zum Verhalten der russischen Regierung in der Ukraine geäußert ("Ich schäme mich für meine Heimat") und angekündigt, dass er in seiner längst legendären "Russendisko" in der Berliner Tanzwirtschaft "Kaffee Burger" am Samstag (08.04.2014) nur ukrainische Musik spielen wird.

Das Gespräch führte Klaudia Prevezanos.

Ukraine-Konflikt

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