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Kultur

Kamerun: Gefährliches Kino

Tabubruch in Kamerun: Der Film "Le Président" von Jean-Pierre Bekolo zeigt einen Greis, der an der Macht klebt wie Präsident Biya. Nicht mal das Institut Français wagt eine Aufführung vor Ort. In Berlin war er zu sehen.

Filmstills aus dem Film Le Président von Jean-Pierre Bekolo (c) weltfilm

"Le Président" von Jean-Pierre Bekolo Film

Jean-Pierre Bekolo gehört zu Afrikas bekanntesten Filmemachern. Der Regisseur, der in Kamerun, in Frankreich und den USA lebt, hat längst internationale Preise eingesammelt. Jetzt hat er einen Film gedreht, den in Kamerun niemand zeigt: "Le Président". Denn das Thema ist politisch brisant. Nun hat erst einmal das Berliner Kino Arsenal Bekolo und seiner Arbeit ein Forum gegeben. Ein Gespräch nach der Deutschland-Premiere.

DW: Herr Bekolo, Ihr Film handelt von einem greisen Präsidenten, der seit 42 Jahren an der Macht ist. Welche Parallelen ziehen Sie zum echten Präsidenten Kameruns, Paul Biya, immerhin auch seit drei Jahrzehnten im Amt?

Jean-Pierre Bekolo: Es ging nicht so sehr darum, Paul Biya abzubilden. Der Film zeigt einen alten Mann, der am Ende ist. Er durchschaut nicht mehr, was um ihn herum passiert, er hat nichts mehr zu bieten. Für mich ist klar, dass wir an genau so einem Punkt stehen. Aber vor allem wollte ich fragen, wie es sein kann, dass ein afrikanischer Präsident sich so lange an der Macht hält, und wie er sich schließlich entscheidet zu gehen. Diese Frage wird kaum gestellt, obwohl sie viele afrikanische Länder betrifft.

Der Präsident in Ihrem Film begegnet seiner verstorbenen Frau, die ihn für seine Politik kritisiert, ein junger Rapper sagt ihm die Wahrheit über sein Regime ins Gesicht. Haben Sie ein Tabu gebrochen?

Ja. Aber ich glaube, es sollte kein Tabu geben, wenn es um Entscheidungen geht, die die Zukunft von Millionen Menschen betreffen. Besonders schockierend finde ich, dass afrikanische Machthaber wie Biya über ihren Abtritt mit westlichen Ländern diskutieren, aber nicht mit den Kamerunern. Darin liegt eine unglaubliche Verachtung. Das heißt auch, jeder akzeptiert die Vorstellung, die Afrikaner wären nicht reif genug, um selbst einen Übergang, einen friedlichen Erneuerungsprozess zu organisieren.

Szene aus Le Président von Jean-Pierre Bekolo. Präsident und rapper vor einer Mauer mit Graffiti (c) weltfilm

Satirische Szene: Der Präsident hat inkognito seinen Palast verlassen und redet mit einem jungen Rapper

Sie kennen die Behörden in Ihrem Land. Hatten Sie erwartet, dass der Film in Kamerun gezeigt würde?

Ich hatte nicht wirklich geglaubt, dass er zensiert würde. Denn ein Gesetz von 1990 sagt, dass die Presse nicht mehr zensiert wird, auch nicht Radio und Fernsehen. Warum sollte man dann Kino zensieren? Kino ist populär. Ich glaube, Journalisten und Presse in Kamerun sind Teil des Systems. Aber wie man das Kino in den Griff kriegen soll, weiß man nicht richtig, da ist viel Unfähigkeit und Ignoranz. Und dann erhebt man das Schwert der Zensur.

Vor kurzem ist in Kamerun der junge Filmemacher Richard Djimili entführt, tagelang verhört und gefoltert worden. Er hatte einen Film über einen Präsidenten gedreht, der zu lange an der Macht war. Hatten Sie nach diesem Vorfall Angst?

Ich fand, dass wir uns für ihn einsetzen sollten. Man lässt so etwas viel zu oft geschehen. Ich finde, man müsste dafür sorgen, dass die Angst die Seiten wechselt: Wenn die Täter – Leute von der Regierung oder vom Geheimdienst – Angst hätten, kämen solche barbarischen Übergriffe seltener vor. Aber leider ist die Angst auf Seiten der Opfer, Studenten und Filmemacher. Als das passiert ist, habe ich im Radio gesagt, die Täter sollten wissen, dass man sie heutzutage juristisch belangt. Die Leute, die Richard Djimili entführt haben, kann man noch in 20 Jahren zur Rechenschaft ziehen. Man darf nicht die Vorstellung akzeptieren – auch im Westen nicht –, Afrika wäre ein Niemandsland, in dem man ungestraft alles machen kann.

Jean-Pierre Bekolo (c) weltfilm

International erfolgreich: Filmemacher Jean-Pierre Bekolo aus Kamerun

Das Institut Français in Yaoundé hat sich geweigert, ihren Film "Le Président" zu zeigen. Wurden Ihnen die Gründe mitgeteilt?

Ja. Der französische Botschafter sagt ganz klar, dass das ein politischer Film ist. Und weil er politisch ist, würde man ihm vorwerfen, sich in die inneren Angelegenheiten Kameruns einzumischen. Ich wusste nicht, dass Kino eine Einmischung ist. Das ist, als ob Literatur eine Einmischung wäre, als ob sie die innere Angelegenheit eines Landes wäre. Für mich sind Kino, Literatur und andere geistige Werke auf keinen Fall innere Angelegenheiten eines Landes! Außerdem sehe ich in dieser Komplizenschaft zwischen den westlichen Ländern und Regimes wie dem in Kamerun ein Problem: Das ist eine Verachtung der Bevölkerung. Was machen die westlichen Länder bei uns, wenn sie Systeme stützen, die Menschen unterdrücken? Geht es um ihre eigenen Interessen? Ich finde das offensichtlich!

Andererseits kommt aus diesen Ländern auch Geld für afrikanische Filme.

Finanzieren heißt auch auswählen! Sie sortieren alles aus, was ihren Beziehungen mit diesen Ländern schaden könnte. Ich finde amüsant, dass die EU Mittel für den Kampf gegen die Armut lockermacht und zugleich afrikanisches Kino finanziert. Aber das sind total inhaltsleere Filme. Es gibt zwar Projekte zu Filmen über Mobutu oder Lumumba, aber die EU lehnt ihre Finanzierung ab - so wie bei meinem Film "Le Président". Solange das so ist, kann ich nur sagen: Die EU ist dazu da, die Afrikaner ruhigzustellen. Wir glauben zwar heute, in Räumen der Freiheit zu agieren, aber wenn ein Film wie "Le Président" auf den Tisch kommt, gehen alle in Deckung!

Paul Biya in paris (30.1.2013) (PATRICK KOVARIK/AFP/Getty Images)

Seit 30 Jahren im Amt: Präsident Paul Biya

"Le Président" ist ein kamerunisch-deutscher Film, die Firma "Weltfilm" in Berlin hat die Postproduktion gemacht. Das Goethe-Institut in der Hauptstadt Yaoundé hat noch nicht abschließend entschieden, ob Ihr Film dort gezeigt wird oder nicht. Aber es hat die englische Untertitelung finanziert, auch Ihre Reise nach Berlin. Sind Sie damit zufrieden?

Auf jeden Fall waren die Deutschen bislang die Engagiertesten. Auch wenn der deutsche Botschafter in Kamerun entschieden hat, mit dem französischen solidarisch zu sein, aus Angst vor diplomatischen Verwicklungen. Es ist schwierig, von den Deutschen als Gruppe zu sprechen, aber das Goethe-Institut hat den Film bisher sehr unterstützt, auch die Koproduzentin in Berlin. Und dass er hier in Berlin gezeigt wird, stärkt uns – auch diejenigen, die an dem Film beteiligt waren und deshalb jetzt Angst haben. Ich habe in Kamerun schon viele Drohungen erhalten. Das ist ein schlimmes Klima.

In Kamerun gibt es bisher kaum jemanden, der Ihren Film gesehen hat. Was bedeutet es für Sie, dass er jetzt in Berlin gezeigt wurde?

Mit meinen anderen Filmen bin ich um die Welt gereist. Was mir wirklich gefehlt hat, war einen Film für die Kameruner zu machen. Leider ist es nun sein Schicksal, dass er im Ausland gezeigt wird. Trotzdem ist es mir wichtig, Unterstützung zu spüren. Denn wir können uns nun sagen, nicht wir sind die Verrückten, nicht wir sind im Unrecht. Die Präsentation in Berlin stärkt uns alle. Auch durch die Presse, die wir hier bekommen. Der Film hatte zwei Nationalitäten, die kamerunische und die deutsche. Die kamerunische hat man ihm fast weggenommen - es ist jetzt ein deutscher Film geworden.

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