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Wirtschaft

Kali im Kartellgestrüpp

Russland will ein weltweites Kartell zum Vertrieb des Mineraldüngers Kali platzen lassen - was die Preise und den Aktienkurs eines deutschen DAX-Unternehmens in den Keller schickt.

Dicht wuchert nahe Antonina im Bundesstaat Parana von Brasilien der atlantische Regenwald Mata Atlantica (Foto vom 18.12.2004). Der Regenwald erstreckte sich einst über 4000 Kilometer vom südlichen Espirito Santo bis nördlich von Rio de Janeiro. Foto: Ralf Hirschberger +++(c) dpa - Report+++

Brasilien Atlantischer Regenwald Mata Atlantica

Die K+S AG, ehemals Kali und Salz, war ein goldenes Kind der deutschen Börse. Eingereiht in die 30 Unternehmen, die im Deutschen Aktienindex DAX gelistet sind, macht es sein Geld mit dem Mineraldünger Kali. Mit einem Marktanteil von zehn Prozent steht der Konzern an dritter Stelle auf dem Weltmarkt, sagt Thorsten Strauß, Analyst der Nord LB im Gespräch mit der DW.

Doch seit kurzem schreibt die Firma negative Rekorde. Binnen weniger Tage verlor das Unternehmen rund 40 Prozent seines Wertes. So schnell ist noch kein DAX-Konzern abgestürzt. Ein Schaden in Milliardenhöhe, der vor allem der Abhängigkeit des deutschen Unternehmens von einem multinationalen Kartell geschuldet ist.

Ein Kartell wackelt

Bis zuletzt herrschte Einklang im Kali-Kartell. Das russisch-weißrussische Vertriebskartell BPC arbeitete eng mit dem kanadischen Verbündeten Canpotex zusammen und gemeinsam beherrschten sie den Markt. Der deutsche Produzent K+S AG kam direkt dahinter und stand als unabhängiger Kalianbieter zwischen den großen Zwei.

Die Grundlage für den anhaltenden Erfolg des Kartells war eine Abmachung: Drohen die Preise in den Keller zu gehen, werden Produktionskapazitäten gekürzt. Jetzt verkündete der Chef des weltweit größten Düngerherstellers Uralkali, Wladislaw Baumgertner, dass er BPC bis 2014 auflösen möchte, um nach eigenen Vorstellungen zu produzieren und die Verkaufsmengen selbst zu bestimmen.

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Kali-Markt im Umbruch

Drohung mit Konsequenzen

Durch Baumgertners Drohung rechnen Marktbeobachter mit einem Preissturz für den Dünger um bis zu 25 Prozent. Der Grund: Gibt es keine Absprachen über die Beschränkung von Produktionskapazitäten mehr, droht bald ein Überangebot die Preise zu drücken. Sollte Uralkali seine gesamten Produktionskapazitäten auf den Mark werfen, könnte der Preis so weit fallen, dass er kaum noch die Produktionskosten des deutschen Herstellers deckt. Das haben viele Anleger begriffen und den Kurs der K+S-Aktie in den Keller geschickt.

Brancheninsidern wie Thorsten Strauß ist das Vorgehen der Russen nicht ganz klar, denn Uralkali würde sich mit dieser Strategie selbst schaden. "Eine Möglichkeit ist, neue Wettbewerber davon abzuhalten, in den Kalimarkt einzutreten." Des weiteren könne auch eine Konsolidierung angestrebt werden, um die Zahl der Anbieter zu verringern. "Alles ist denkbar, aber da ist auch viel Spekulation dabei", so Strauß zur DW.

Einer für Alle?

Der Zustand des Kali-Kartells zeigt nur zu deutlich, wie fragil die Absprachen zwischen Unternehmen sein können. Denn der Zusammenhalt von Kartellen und die damit gewonnene Stabilität hängen vom Einzelnen ab. "Das Kartell ist ein privatrechtlicher Vertrag, bei dem die Mitglieder ihre Selbstständigkeit behalten", erklärt der Wirtschaftshistoriker Professor Werner Abelshauser im Gespräch mit der DW. Kartelle seien relativ schwache Zusammenschlüsse von Unternehmen, "weil ja die Außenseiterproblematik immer besteht. Also, wer nicht Mitglied im Kartell ist, der muss sich nicht an das Kartell halten", erklärt er.

Kartelle haben in Deutschland eine lange Tradition. "Ursprünglich wurden sie als Kinder der Not gegründet", erklärt der Historiker. Während der großen Depression in Deutschland zwischen 1873 bis 1896, sei der Wettbewerb sehr heftig gewesen. "In manchen Branchen ging es allen schlecht. Deshalb wollte man die Gewinnmargen wenigstens einigermaßen durch Kartelle sichern, sonst wären alle kaputt gegangen."

Land der Kartelle

So kam es, dass Deutschland eine Zeit lang als das Kartellparadies schlechthin galt. Im Jahr 1905 zählte das damalige Reichsamt des Inneren 385 Kartelle, die über 12.000 Betriebe umfassten. Nach dem Ersten Weltkrieg schwoll die Zahl dieser Absprachen sogar auf über 3500 an. Erst 1957 wurden sie im so genannten Kartellgesetz verboten - denn Kartelle sind ja nichts anderes als Preisabsprachen, die den Wettbewerb ausschalten und dadurch dem Kunden schaden. Auf internationaler Ebene, siehe Kali oder etwa die Organisation Erdölexportierender Länder (OPEC), gibt es keine vergleichbare Instanz, die Preis- und Mengenabsprachen verbieten könnte.

Der ehemalige Chef des Bundeskartellamtes, Ulf Böge, sieht die illegalen Preis- und Mengenabsprachen in Europa auf dem Rückzug. "Die Geldbußen sind inzwischen so hoch, dass sich Kartelle nicht lohnen. Das haben einige Unternehmen nur noch nicht begriffen", erklärt er. Allein die EU-Kommission verhängte zwischen 2008 und 2012 Strafen in Höhe von 7,7 Milliarden Euro. So liegt die Obergrenze für ein Bußgeld bei zehn Prozent des Konzernumsatzes.

Kronzeugen gegen Kartelle

Ein Weg vorbei an solch hohen Strafen und weiteren illegalen Absprachen ist das 2002 europaweit eingeführte Kronzeugenprogramm. Hier kommt das involvierte Unternehmen, welches als erstes ein Kartell zur Anzeige bringt, straffrei davon. Die Selbstanzeige schützt so vor Bußgeldern, sorgt aber auch für weitere Instabilität in der Kartellwirtschaft. "Die Regelung führt dazu, dass sich alle Beteiligten immer fragen müssen, ob nicht einer von ihnen auspackt“, erklärt der Kartellrechtsexperte Christian Kersting. Die Zukunft der Kartelle bleibt also instabil.

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