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Europa

Kaleidoskop urbaner Religiosität

Als Europäische Kulturhauptstadt 2010 stellt Istanbul schon aufgrund seiner Größe und Geschichte die Partnertstädte Pécs und Essen in den Schatten. Und an Selbstvertrauen herrscht am Bosporus auch kein Mangel.

Ortakoy Moschee am Bosporus, Istanbul (Foto: AP)

Kultur gibt es zweifellos genug zu sehen, in der 13-Millionen-Metropole

"Wir haben stets zu den Städten gehört, die die Zivilisation und Kultur von Europa mit am stärksten beeinflusst haben", sagt Sekib Avdagiç bei der Verkündung des Programms zur Kulturhauptstadt am 11. Dezember im Hilton-Hotel Istanbul. Und er fährt fort: "Istanbul war und ist ja ohnehin Kulturhauptstadt Europas, jetzt ist sie es auch amtlich!"

Der Ingenieur Avdagiç ist Vorsitzender der Agentur, die per Gesetz in Ankara für das Event geschaffen wurde. Nach seinem Urteil verweist er auf die Einzigartigkeit Istanbuls, die seiner Meinung nach nicht nur Beethoven und Puccini, sondern auch Agatha Christie und James Bond nachhaltig inspiriert hat.

Hagia Sophia Museumund Blaue Moschee (Foto: dpa)

Die über 2000 Jahre alte Stadt am Bosporus wirbt mit dem Slogan: "Inspirierendste Metropole der Welt"


Versöhnung europäischer Kulturen

Korhan Gümüs ist Städteplaner und in derselben Agentur für den Bereich "Kunst im öffentlichen Raum" zuständig. Er sagt, mit dem Kulturhauptstadtprojekt habe die Stadt am Bosporus die Aufgabe geschultert, die Kulturen Europas und des Nahen Ostens, die sich fast wie als Fronten gegenüberstehen, zu versöhnen. "Welche Stadt könnte besser deutlich machen als Istanbul, dass der Frieden durch kulturellen Austausch und kulturelle Offenheit erhalten und gesichert werden kann?"

Schon die Ansprüche von Avdagiç und Gümüs lassen aufhorchen, doch Yusuf Kaplan geht noch weiter. Er ist Medienphilosoph, hat Theater- und Kommunikationswissenschaften studiert, einen Fernsehkanal geleitet und ist in der besagten Agentur für die Sparte Spiel- und Dokumentarfilme zuständig.

Schöpferische Zivilisation, osmanische Zivilisation

Für Kaplan ist Istanbul nicht einfach nur Brücke zwischen Ost und West, sondern "Zentrum und Basis einer neuen und schöpferischen Zivilisation, der Zivilisation der Osmanen."

Europa hatte einst fast alle Kontinente besetzt und kolonialisiert und keiner anderen Zivilisation ein Recht auf Leben zugestanden, sagt Yusuf Kaplan: "Doch die Osmanen haben – und das Symbol dafür ist Istanbul – eine historische Erfahrung darin, Gemeinden aller Sprachen und Religionen auf der Basis von Ästhetik, Gerechtigkeit und Ethik zu vereinen, ohne dass eine einzige ausgegrenzt oder als zweitrangig erklärt worden wäre."

Istanbul sei deshalb wie keine andere Stadt der Welt dazu prädestiniert, Europa und der Welt zu zeigen, dass es auch andere Perspektiven gibt, als den vom Orientalismus des Westens verzerrten Blick, der die kulturell Anderen nur zu Objekten des Interesses mache, so Kaplan.

Die Süleymanye Moschee in Istanbul (Foto: DallOrto)

Eine der schönsten: die Süleymanye Moschee in Istanbul


Doch wie schlägt sich dieser hohe multikulturelle, weltoffene Anspruch konkret im Programm von Istanbul 2010 nieder? Wie und wo tauchen in den Istanbuler Kulturevents auch andere Religionsgemeinschaften und Ethnien als die der türkisch-muslimischen Mehrheit auf? Worin bestehen nach Einschätzung der Macher nun genau die Stärken des Programms?

Berücksichtigung religiöser Minderheiten

Tatsächlich kommen die religiösen Minderheiten vor. Und mehr als das: Das offizielle Istanbul erinnert sich 2010 daran, dass seine Wurzeln tiefer liegen als die Eroberung Konstantinopels durch die Heere der Osmanen.

In unzähligen Filmen war Byzanz bisher nur das Symbol für Feindschaft und christliche Niedertracht, und noch immer erinnern alljährlich martialische Umzüge an die osmanischen Helden, welche die Stadt für den Islam erobert haben. 2010 gibt es zum ersten Mal seit Gründung der Türkischen Republik eine Ausstellung zu Byzanz.

Zum ersten Mal auch werden in Istanbul zwei frühere Sakralbauten von Christen und Juden aus öffentlichen Mitteln renoviert. Und zwei Ausstellungen erinnern an griechische und armenische Architekten, deren Handschrift in Form von Kirchen, Schulen und Palästen die Stadt nachhaltig prägt.

Dokumentarfilme fangen das religiöse Leben in Kirchen, Synagogen und Moscheen sowie in den Familien ein und ein nach Religionsgruppen gemischter Chor und sein Orchester bringen Lieder auf Armenisch und Griechisch, auf Sephardisch und Türkisch auf die Bühne. Erstmals wird die Kultur der Minderheiten als Teil der Istanbuler Kultur präsentiert.

Doch fast wie zur Rechtfertigung wird bei jedem Projekt betont, dass all das nur geschieht, um dem Ausland und den Touristen den Reichtum von Istanbul zu beweisen. Die Minderheiten selbst bleiben auch noch 2010 ohne eigene Stimme.

Autor: Günter Seufert

© Qantara.de 2009

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