Kalaschnikow schweigt über US-Sanktionen | Wirtschaft | DW | 28.12.2017
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Wirtschaft

Kalaschnikow schweigt über US-Sanktionen

Neue US-Sanktionen nehmen die russische Waffenindustrie ins Visier. Aber auf einer Pressereise in die Heimat des berühmt-berüchtigten AK-47 Sturmgewehrs wurde das Thema Sanktionen nicht thematisiert.

Die traditionellen, karierten Trachten der Udmurten, eine Blockhütte im Schnee und jede Menge Kartoffeln. Das war nicht gerade das, was ich auf der Pressereise des russischen Außenministeriums zur Kalaschnikow-Produktionsstätte erwartet hätte. Die Reise in die Industriestadt Ischewsk, Hauptstadt der Urdmurtischen Republik am Westrand des Urals, versprach vor allem einen seltenen Einblick in das Unternehmen, das weltweit wegen seiner AK 47 bekannt ist.

Doch als erstes bekam unsere Handvoll ausländischer Journalisten eine unerwartete Demonstration udmurtischer Kultur präsentiert - inklusive eines Auftritts der früheren russischen Eurovisions-Kandidaten Buratovskyie Babushki. In ihrem Repertoire: bekannte Popsongs auf udmurtisch, der Sprache der ethnischen Minderheit der Udmurten.

Im Rückblick könnte man ihre Version des Beatles-Klassikers "Let It Be" auch als Botschaft an die Journalisten verstehen, die mit gleichermaßen naiven wie hohen Erwartungen an die Auskunftsfreudigkeit russischer Waffenproduzenten gekommen waren.

Weitere westliche Sanktionen drohen

Am Ende stellte sich heraus, dass es statt des heiß ersehnten Besuchs der Kalaschnikow-Fabrik nur eine Führung durch das Firmen-Museum geben würde. In letzter Sekunde sei der Besuch der Fabrik nicht genehmigt worden, teilte man uns mit.

Trotzdem war noch immer die Hoffnung vorhanden, Antworten auf unsere Fragen zu bekommen, als wir im Museum eintrafen. Immerhin ist Kalaschnikow eines von 39 Unternehmen, das von der neuen US-Sanktionsrunde betroffen sein wird. Die Liste umfasst die meisten der großen Namen in der russischen Rüstungsindustrie. Nach Informationen der russischen Wirtschaftszeitung "Vedomosti" stehen diese Unternehmen für mehr als 90 Prozent der russischen Waffen-Exporte.

Tatsächlich war Kalaschnikow bereits von früheren Sanktionen betroffen - aber ab dem 29. Januar 2018 müssen Firmen oder Länder, die mit sanktionierten Unternehmen Geschäfte machen, selbst mit US-Sanktionen rechnen, was Verbündete der USA davon abhalten könnte, sich mit russischen Waffen einzudecken.

Nach dem, was der Führer im Kalaschnikow-Museum erklärte, ist es für den Waffenproduzenten in seiner 210-jährigen Firmen-Geschichte keine neue Erfahrung, dem Westen gegenüberzustehen. Im Gründungsjahr 1807 gab es noch zwei weitere Waffenproduzenten in Russland - aber nach einer Reihe von Kriegen gegen Frankreich entschied das russische Zarenreich, dass es "strategisch wichtig war, eine Waffenproduktion tief im russischen Hoheitsgebiet zu errichten", weit weg von der russischen Westgrenze. Trotzdem sind die neuen Sanktionen gegen das Unternehmen ein heikles Thema für den Kalaschnikow-Konzern.

 Michail T. Kalaschnikow (picture alliance/dpa/S.Thomas )

Bis zu 100 Millionen Exemplare der von Michail T. Kalaschnikow entwickelten AK 47 wurden seit 1947 produziert

"Kein Kommentar"

Im Museum führten Firmenvertreter die neuesten Gewehre vor, darunter das Nachfolgemodell der AK 47, die AK 204. Allerdings durften die Journalisten diese Firmenvertreter weder filmen noch interviewen. Lediglich Fragen an die Mitarbeiter der Presseabteilung wurden zugelassen, die versprachen, uns mit Hintergrundinformationen zu versorgen, lehnten es aber ab, interviewt oder zitiert zu werden.

Wie man uns erklärte, stellt das Unternehmen Kalaschnikow heute weit mehr als Automatikwaffen her. Mittlerweile gehören Motorboote und Drohnen zur Produktpalette und es wurde sogar die Motorradmarke "Izh" wiederbelebt. Diese Strategie entspricht den Vorgaben von Präsident Wladimir Putin, der im vergangenen Jahr gefordert hatte, dass die russische Rüstungsbranche bis zum Jahr 2020 zur Hälfte zivile Produkte herstellen soll.

Doch in unserem Gespräch mit der Kalaschnikow-Presseabteilung zeigten sich schon bald die Grenzen der in Aussicht gestellten "Hintergrundinformationen". Fragen über die Privatisierung oder Expansion des Unternehmens und seiner wichtigsten Märkte blieben unbeantwortet. Und über Sanktionen wurde erst gar nicht gesprochen.

Eine "globale" Region

Zu Zeiten der Sowjetunion war die Stadt Ischewsk, Hauptsitz des Kalaschnikow-Unternehmens, für Ausländer Sperrgebiet. Also war die Erwartungshaltung, dass Kalaschnikow seine Fabriktore für ausländische Journalisten und deren Fragen öffnen würde eigentlich von Anfang an zu gut, um wahr zu sein.

Das Oberhaupt der Republik Udmurtien, Alexander Brechalow, versicherte uns, dass er seine Region als "Teil einer globalen Welt" sieht. Und er hatte nichts dagegen, auf einer Pressekonferenz über Sanktionen zu sprechen.

Brechalow spielte die Auswirkungen der sich abzeichnenden Sanktionen für die Region herunter und wies stattdessen auf die wachsende Bedeutung des asiatischen Marktes hin. Der Politiker betonte außerdem, dass, obwohl Kalaschnikow eine weltweit bekannte Marke ist, der Waffenproduzent keine dominante Rolle in der Wirtschaft der Region spiele. "Kalaschnikow ist so wichtig wie etwa 25 andere Unternehmen, die große Arbeitgeber hier sind - und wichtige Steuerzahler. Aber das ist alles."

Als es um europäische und amerikanische Sanktionen ging, war die Haltung des Politikers genauso so unbeeindruckt. "Jede Krise ist auch eine Zeit neuer Möglichkeiten", sagte er mit Hinweis auf die positiven Effekte russischer Gegen-Sanktionen auf die lokale und nationale Wirtschaft. Und mit einem leichten Grinsen fügte er hinzu: "Unternehmer haben bereits gesagt: 'Hätte es keine Sanktionen gegeben, hätte jemand sie erfinden müssen.' ". Eine Aussage, die wohl doch eher an udmurtische Folklore erinnert.

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