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Welt

Kairos Telekompapst und die Politik

Naguib Sawiris Wirtschaftsimperium umfasst Mobilfunkfirmen, TV-Kanäle und Zeitungen. Im April gründete er die liberale "Partei Freier Ägypter", mit der er bei der politischen Neuordnung seines Landes mitmischen will.

Naguib Sawiris (Foto: dpa)

Naguib Sawiris

Naguib Sawiris ist 57 Jahre alt, koptischer Christ und steinreich. Er war einer der ersten aus Ägyptens Wirtschaftselite, der sich im Februar 2011 aus der Deckung wagte und öffentlich Husni Mubarak zum Rücktritt aufforderte.

Und, anders als seine Brüder, die sich nie aktiv in die politische Debatte eingeschaltet haben, stürzte sich Naguib Sawiris nach dem Sturz Mubaraks mit vollem Elan in die ägyptische Politik. Zuvor war er eines der prominentesten Mitglieder im "Rat der Weisen", der in der hektischen Übergangsphase seit Ende Januar zwischen Regierung, Militärführung und Opposition vermittelte.

Seine "Partei Freier Ägypter", die nach eigenen Angaben 130.000 Mitglieder hat, gründete er im April. Anders als viele Neugründungen in der ägyptischen Parteienlandschaft haben die "Freien Ägypter" Geld - und zwar viel Geld. Denn Naguib Sawiris ist der milliardenschwere Großaktionär des Mobilfunkkonzerns Orascom Telecom.

Expansion mit dem Handy

Seine Kunden telefonieren nicht nur in Ägypten über seine Netze: Sawiris setzte bereits früh auf Internationalisierung und baute Mobilfunkfirmen unter anderem im Irak, in Pakistan und Bangladesch auf. In Nordafrika ist Orascom Telecom in Algerien und Tunesien engagiert. Über Beteiligungen ist das Unternehmen außerdem auf den Mobilfunkmärkten in Italien, Griechenland und Kanada aktiv. Jedes Mal, wenn einer seiner mehr als 100 Millionen Kunden mit dem Handy telefoniert oder eine SMS verschickt, verdient Sawiris mit.

UMTS-Handys von Orascom Telecom in einem Schaufenster in Pjöngjang (Foto: AP)

UMTS-Handys von Orascom Telecom in einem Schaufenster in Pjöngjang

Dass Sawiris weiter expandieren will, erlebt die Branche immer wieder. In diesem Jahr überraschte er mit seinem Einstieg ins Mobilfunkgeschäft in Nordkorea. Und seit Monaten halten sich hartnäckige Gerüchte, Naguib Sawiris plane zusammen mit dem österreichischen Geschäftsmann Ronny Pekic die feindliche Übernahme der Telekom Austria. Außerdem gilt er als einer der Hauptinteressenten beim Verkauf des Schweizer Mobilfunkers Orange.

Das Fundament des Familienimperiums wurde von seinem Vater Onsi Sawiris gelegt. 1960 wanderte der nach Libyen aus, nachdem unter General Nasser die Firmen der Sawiris verstaatlicht wurden. In Libyen wurde er als Bauunternehmer reich und kehrte erst zurück, nachdem Anwar al Sadat 1970 die Macht am Nil übernahm. Bei einer ganzen Reihe von Unternehmen, die unter Sadats Nachfolger Mubarak privatisiert wurden, stieg Sawiris ein und es ging mit dem Familienunternehmen steil aufwärts. In wenigen Jahren wurde aus dem Familienunternehmen am Nil der größte privatwirtschaftliche Arbeitgeber Ägyptens. Den Konzern teilte Onsi Sawiris schließlich unter seinen drei Söhnen auf.

Deutscher Bildungshintergrund

Unterricht an der Deutschen Evangelischen Oberschule in Kairo (Foto: DW)

Unterricht an der Deutschen Evangelischen Oberschule in Kairo

Sein ältester Sohn Naguib besuchte zunächst die Deutsche Evangelische Oberschule in Kairo und studierte später an der Schweizer Eliteuniversität ETH in Zürich. Außer seiner Muttersprache Arabisch spricht er Englisch, Deutsch und Französisch. In verschiedenen Stiftungen fördert Naguib den akademischen Nachwuchs.

Eine davon ist die "Sawiris Foundation for Social Development", die in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) Stipendien vergibt, mit denen junge Ägypter an deutschen Hochschulen studieren können. Sawiris Verbundenheit zu Deutschland unterstreicht er durch seine Tätigkeit als Präsident der Deutsch-Arabischen Industrie- und Handelskammer in Kairo. 2007 sagte er in einem Spiegel-Interview, das deutsche Studium habe ihn gelehrt, sein Denken zu disziplinieren und sich auf Pünktlichkeit, Genauigkeit und Hartnäckigkeit zu konzentrieren. Und mit dieser Hartnäckigkeit will er jetzt in der Übergangszeit Ägyptens dafür sorgen, dass die lahmende Wirtschaft wieder auf die Beine kommt.

Zwei Männer telefonieren in Kairo mit ihren Handys(Foto: AP)

Ägypter mit Mobiltelefonen

Die Chancen dafür stünden nicht schlecht, meint Davut Deletioglu vom Investmentunternehmen Charlemagne Capital, das Investmentfonds mit dem Schwerpunkt Naher und Mittlerer Osten anbietet und in ägyptische Aktien investiert. Er vergleicht Ägypten mit der Türkei vor 30 Jahren: "Damals war die türkische Wirtschaft auch stark von Familienunternehmen geprägt, die jeweils ganze Wirtschaftsbereiche wie den Bausektor oder die Stahlbranche dominierten. Ägypten hat das gleiche Potenzial wie die Türkei, wenn alles gut geht", sagt Deletioglu und meint damit stabile politische Verhältnisse und einen klaren Wirtschaftskurs der Regierung. In der Türkei lösten die Wirtschaftsreformen der regierenden AKP einen regelrechten Wirtschaftsboom aus, in dessen Verlauf sich das Pro-Kopf-Einkommen der Türken in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt hat.

In Interviews, etwa im US-Finanzfernsehsender Bloomberg TV, hat Sawiris wiederholt seine Begeisterung für das türkische Modell zum Ausdruck gebracht. Er könne gut mit einem zwar islamisch geprägten, aber trotzdem säkularen und demokratischen Staat wie dem in der Türkei leben.

Europäische Standbeine

Samih Sawiris mit Modell seines Luxus-Feriendorfes in Andermatt (Foto: Andermatt Swiss Alps AG)

Samih Sawiris vor einem Modell seines Luxus-Feriendorfes in Andermatt

In der Schweiz ist vor allem sein Bruder Samih bekannt, seit er angekündigte, in Andermatt ein gigantisches Immobilienprojekt inklusive Fünf-Sterne-Hotel aus dem Boden zu stampfen. 2008 verlegte er sogar den Hauptsitz seines Immobilien- und Touristikkonzerns Orascom Development in die Schweiz. Auch Samih und der jüngste der drei Brüder, Nassif, der die Baufirmen von Orascom Construction leitet, haben einen deutschen Bildungshintergrund: Auch sie waren Schüler der Deutschen Evangelischen Oberschule in Kairo. Samih ging nach dem Abitur nach Deutschland und machte seinen Abschluss als Wirtschaftsingenieur an der TU Berlin. Noch heute ist er von der deutschen Ingenieurausbildung begeistert.

Um auch junge Ägypter in den Genuss eines deutschen Hochschulstudiums kommen zu lassen, hat er mehr als 50 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Mit dem Geld entsteht zurzeit in der Stadt El Gouna am Roten Meer ein Auslands-Campus der TU Berlin. Dort sollen von 2012 an bis zu 180 angehende Ingenieure zu Experten in Wasserwirtschaft, Erneuerbare Energien oder Städtebau nach deutschem Standard ausgebildet werden.

Die Mitglieder des Shurarates vor dem Hauptquartier der Muslimbruderschaft in Kairo (Foto: AP)

Sawiris politische Hauptgegner: Die Führer der Muslimbruderschaft

Streit mit Islamisten

Während sich Samih und sein Bruder Nassef in der Öffentlichkeit politisch eher zurückhalten, ist Naguib Sawiris dafür bekannt, zu sagen, was er denkt - im konservativen, islamisch geprägten Ägypten nicht ungefährlich für einen Christen. Im Jahre 2007 sprach ein fundamentalistischer ägyptischer Scheich eine Fatwa gegen Naguib Sawiris aus, weil er während eines Abendessens mit Journalisten gesagt haben soll, er hätte zwar nichts gegen das Tragen von Kopftüchern, aber mittlerweile fühle er sich auf den Straßen von Kairo wie im Iran, nämlich wie ein Fremder.

Den Kampf gegen Konservative und Islamisten führt Naguib Sawiris auch mit seinen Fernsehkanälen wie der Sendergruppe OTV, die im September mit einem eigenen Nachrichtenkanal auf Sendung ging. Einen weiteren Nachrichtensender, so hat er angekündigt, will er in Katar, der Heimat von Al Dschasira, aufbauen. Außerdem ist er an der liberalen Kairoer Zeitung "Al Masry Al Youm" beteiligt.

Politisch fordert er immer wieder die Muslimbruderschaft und deren islamisch-konservatives Weltbild heraus. Etwa, indem er darauf beharrt, dass für das Präsidentenamt in Ägypten auch Frauen oder Christen in Frage kommen. Oder als er für heftige Reaktionen mit einer Karikatur sorgte, die Sawiris über den Kurzmitteilungsdienst Twitter verbreitet haben soll. Der Cartoon zeigte einen islamistischen bärtigen Micky und eine verschleierte Minnie-Maus.

Autor: Thomas Kohlmann
Redaktion: Hans Spross