Kairos-Preis für Teodor Currentzis: Wahlrusse und Ausnahmemusiker | Musik | DW | 08.04.2016
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Musik

Kairos-Preis für Teodor Currentzis: Wahlrusse und Ausnahmemusiker

Der Dirigent im Gotik-Look aus der Wahlheimat Russland erhielt am Freitag (08.04.)den renommierten KAIROS-Preis. Die Auszeichnung ist nicht nur eine Anerkennung, sondern auch ein Ansporn.

Benannt ist der KAIROS-Preis nach dem Gott des "rechten Augenblicks" der griechischen Mythologie. Mit ihm ehrt die Hamburger Alfred Toepfer Stiftung seit 2007 herausragende europäische Künstler und Wissenschaftler aus den Bereichen Kunst, Musik, Architektur, Design, Film, Fotografie, Literatur und Publizistik. Mit 75.000 Euro ist der Kairos-Preis einer der höchstdotierten Kulturpreise in Europa. Die diesjährige Preisverleihung findet an diesem Freitag (8.4.2016) im Hamburger Schauspielhaus statt.

Der Empfänger ist ein griechischstämmiger Dirigent, der ein eigenes Orchester in Sibirien gegründet und ein ernst zu nehmendes Opernhaus in der Stadt Perm etabliert hat. Die Jury würdigt Teodor Currentzis darüber hinaus als einen Musiker, "der mit unverwechselbarem Stil, Hingabe und Mut zum künstlerischen Risiko agiert". Die Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit" schrieb: "Von der Oper in Perm könnte die restliche Musikwelt so einiges lernen."

Dirigent Teodor Currentzis. Foto: Oper Perm

Durch ihn strahlt die Oper Perm weit über die Stadt hinaus

Abseits der Kulturmetropolen

Umso erstaunlicher ist, dass solche Impulse aus einer Stadt kommen, die während der Sowjetzeit auf der Landkarte versteckt war: Perm, das 1150 Kilometer nordöstlich von Moskau, am westlichen Rand des Uralgebirges und somit am östlichsten Rand Europas liegt, war damals als Zentrum der Rüstungsproduktion strategisch wichtig. Die Stadt mit knapp einer Millionen Einwohnern hat dennoch eine Kulturtradition: 1878 wurde hier ein Opernhaus gegründet, 1926 startete die erste Ballett-Saison auf der Bühne.

Dort genießt Teodor Currentzis jetzt Kultstatus. Seit 2011 ist er Musikdirektor am Opern- und Balletttheater in Perm. Der 1977 in Griechenland geborene Musiker studierte mit 15 Jahren Dirigieren in Athen, wechselte mit 22 Jahren an das St. Petersburger Konservatorium und ließ sich später als Russe einbürgern. In Russland wird er als eine Art Messias der geistigen Freiheit gefeiert - und das zu einer Zeit, da viele diese Freiheit bedroht sehen, etwa durch staatliche Kontrolle oder Kommerzialisierung. "Als ich geboren wurde," so Currentzis in einem Interview der DW, "war in Griechenland noch die Militärdiktatur an der Macht, die noch schlimmer als Pinochet oder das Stalinistische Gulag war. "

Komponist am Pult?

Der schlaksige Musiker mit langem, dunklem Haar und ausdrucksvollen Augen wirkt jünger als 44 Jahre. Er dirigiert mit ausfallender Gestik und ausdrucksstarker Mimik. Man hat den Eindruck, es gehe ihm stets ums Ganze. Ein geborener Maestro? "Ich hatte nie die Ambition, Dirigent zu werden. Vielmehr verstehe ich mich als Komponist, der gerade nur keine Musik schreibt, da er eben dirigieren muss. Aber das wird sich ändern".

Seine Interpretationen werden von der internationalen Kritik hoch gelobt - vor allem wenn er mit dem Originalklangensemble MusicAeterna auftritt, das er 2004 im sibirischen Nowosibirsk gründete. "Ein kreativer, wacher Geist weht durch die dürren Noten, bläst ihnen Leben ein," schrieb "Die Zeit". Currentzis nennt MusicAeterna ein "ideologisches Projekt, eine Mission - und auch eine Vision. So stelle ich mir Musizieren vor: kompromisslos, selbstlos, 1000 Prozent."

Currentzis lebt in Perm - aber wie lange noch?

Teodor Currentzis ist außerdem Erster Ständiger Gastdirigent des SWR-Sinfonieorchesters Baden Baden und Freiburg und gastiert auf vielen Bühnen Europas. Für eine Aufnahme von Mozarts "Die Hochzeit des Figaro" erhielt er den ECHO Klassik. Seine Deutung von Wagners "Das Rheingold" bei der Ruhrtriennale 2015 beschrieben Kritiker als "radikal neuartig".

Ruhrtrienale Das Rheingold

Die Inszenierung vom 'Rheingold' bei der Ruhrtriennale 2015

Ob Perm ihn noch lange halten kann? "Ich bin glücklich in dieser Stadt, die von der Sowjetunion für ihre Zarentreue bestraft wurde", sagte er. Dort genießt er ein größeres Maß an künstlerischer Unabhängigkeit als in Moskau oder St. Petersburg. In lokalen Kreisen heißt es, Currentzis habe jedes Jahr eine neue Liebe. Seine Partys genießen Kultstatus. Mit einem Hauch Exotik erklärte er im DW-Interview: "In Städten wie diesen spürt man die Unschuld des Unbekannten."

Auch zu den politischen Entwicklungen in seiner geistigen Heimat macht er sich Gedanken: "Natürlich ist es für mich sehr traurig, was da gerade läuft", sagte er. "Wir - die Menschen, die dieses Land in jeder Hinsicht lieben - versuchen, uns für die Freiheit und Gerechtigkeit in Russland stark zu machen. Aber wenn wir uns die politischen Spielchen anschauen, die hinter den Schaufenstern in der so genannten "zivilisierten" Welt gespielt werden: Die sind genau so grob und diktatorisch. Ob in der kyrillischen oder lateinischen Schrift geschrieben wird: Der Sinn ist doch der gleiche."

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