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Kultur

Kahlschlag bedroht Kulturhauptstadt

Neue Museen und große Projekte bieten Essen und das Ruhrgebiet in diesem Jahr. Doch viele Träume sind bereits geplatzt. Bankrotte Städte wie Bochum und Dortmund könnten zu Verlierern der Ruhr 2010 werden.

Dortmunder U-Hochhaus bei Nacht (Foto: dpa)

Licht aus für das neue Kreativzentrum im Dortmunder U?

Neue Museen für die Geschichte des Ruhrgebietes und die berühmte Kunstsammlung Folkwang, große Kunst- und Landschaftsprojekte, Theaterfestivals, eine gigantische Werkschau des Komponisten Hans-Werner Henze. Essen und das Ruhrgebiet werden Kulturhauptstadt 2010 und protzen mit einem riesigen Programm. Oder ist es doch vor allen Dingen Essen? Denn in den vergangenen Wochen häuften sich die Absagen und Verschiebungen von Projekten in anderen Kommunen.

Haushaltssperre in Dortmund

Stadtansicht von Dortmund (Foto: dpa)

Dortmund wollte eigentlich groß rauskommen 2010

In Dortmund hat sich ein Haushaltsloch von 100 Millionen Euro aufgetan. Plötzlich und unerwartet, direkt am Tag nach der Kommunalwahl. Die nun wiederholt werden muss, weil sich die Bürger der Stadt betrogen fühlen. Eine Haushaltssperre ist die Folge, die das Programm Dortmunds für die Kulturhauptstadt auf ein Minimum zurückfährt. Sogar das Kernprojekt, der Umbau des Dortmunder U, eines ehemaligen Gebäudes der Union-Brauerei, zu einem Kunstmuseum, ist in Gefahr. Im Mai wird erst mal nur ein Teil eröffnet, damit Dortmund überhaupt irgendetwas vorzuweisen hat.

Stopp für das Bochumer Konzerthaus

Ein Blick in die Nachbarstadt: In Bochum haben die Symphoniker, ein hervorragendes Orchester, 13 Millionen Euro für den Bau eines Konzerthauses gesammelt. Davon verspricht sich nicht nur die Geschäftsführerin Marina Grochowski einen künstlerischen wie wirtschaftlichen Anschub: "Weil wir dann endlich das Ambiente, die Akustik, auch das Drumherum bieten können, was das Publikum aus den Nachbarstädten inzwischen auch gewohnt ist. Da ist noch ein großes Potential an zusätzlichen Einnahmen, die wir aus zusätzlich verkauften Karten, aus mehr Veranstaltungen erwarten können." Aber auch in Bochum kreist der Rotstift über vielen Projekten. Das bedeutet: Alle Ausgaben müssen vom Regierungspräsidenten, der Aufsichtsbehörde, genehmigt werden. Und der sagt nein zum Konzerthaus. Auch weil Dortmund und Essen nebenan mit ihren Philharmonien schlechte Erfahrungen gemacht haben. Da wurden die Gründungsintendanten gefeuert, weil das Geld nicht reichte.

Bochums Misere

Das Deutsche Bergbau-Museum (DBM) in Bochum (Foto: dpa)

Ausbau des Deutschen Bergbaumuseums - verschoben auf den Sankt Nimmerleinstag

Auch ein großes Kunstprojekt, der "Platz des europäischen Versprechens", Mahnmal für ein friedliches Europa, das vor der Christuskirche nach und nach entstehen soll, steht auf der Kippe. Die Kosten sind gestiegen. Eine Sparversion will der Künstler Jochen Gerz nicht akzeptieren, aber Bochum hat kein Geld. "Das ist eine sehr schwierige Situation", sagt Kulturdezernent Michael Townsend. "Wir sind aufgrund der Zeitabläufe leider über Haushaltssperren und nicht genehmigte Haushalte und Haushaltsverfügungen der Bezirksregierung ein bisschen ins Hintertreffen geraten. Andere Städte haben Doppelhaushalte, die trifft das erst ab dem 31.12., dann allerdings mit derselben Heftigkeit wie uns."

Natürlich hat Bochum immer noch sein Schauspielhaus und die Jahrhunderthalle, den Hauptspielort der Ruhrtriennale. Ganz nackt steht die Stadt auch während der Kulturhauptstadt nicht da. Aber, so Townsend, "das ist nicht das, was wir wollten. Wir wollten ganz neue Impulse, große Investitionen, große inhaltliche Projekte, von der Akademie für interkulturelle Studien bis zu unserem Konzerthaus, vom Kammermusiksaal bis hin zum Ausbau des Deutschen Bergbaumuseums. Wir haben einiges geschafft aber bislang nicht alles. Und wir sind noch lange nicht am Ende der Diskussion."

Die Freien könnten profitieren

Jahrhunderthalle Bochum (Foto: Annette Jonak, Anne Lochmann)

Die Jahrhunderthalle Bochum lässt die Stadt nicht ganz nackt dastehen

Gewinner des Kulturhauptstadtjahres könnte die freie Kreativwirtschaft sein. Denn sie bekommt eine große Öffentlichkeit. Dass im Ruhrgebiet viele Entwickler von Computerspielen oder Street-Art-Künstler wohnen, war bisher kaum bekannt. Und der Mülheimer Ringlokschuppen, ein freies Theaterhaus, hofft, sich auch über 2010 hinaus als Zentrale für europäische Koproduktionen zu entwickeln. Programmchef Holger Bergmann sieht die Situation ganz nüchtern: "Wir müssen uns ganz pragmatisch der Situation stellen, dass leider das Geld für die Rettung von Banken oder das Kaufen von Autos eher da ist als das Geld für den Erhalt der Kultureinrichtungen. Und dann geht es natürlich um die Frage, wie erhalten wir denn die Auseinandersetzung mit der Kunst, auch mit der Theaterkunst? Wir wären ein solcher Ort, um das zu machen."

Ein Zentrum des Off-Theaters, wie es Hamburg mit Kampnagel und Berlin mit Hebbel am Ufer und den Sophiensälen hat, gibt es bisher im Ruhrgebiet nicht. Welche Träume und Albträume wahr werden, wissen wir in einem Jahr. Denn auch bei Ruhr 2010 gilt die Regel: Abgerechnet wird am Schluss.

Autor: Stefan Keim
Redaktion: Sabine Oelze

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