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Amerika

Kaffee von der Mosel

1895 gründete Theodor Jordan die Kaffeefarm "La Mosela" im peruanischen Bergurwald und wurde bald zum Millionär. Doch Wirtschaftskrisen und Terrorismus richteten den Großbetrieb zugrunde - Jordans Urenkel blieb trotzdem.

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Die Kaffeefarm "La Mosela" liegt in der Provinz Chanchamayo, etwa sieben Autostunden von Lima entfernt. Die Farm ist nur über eine holprige Schotterpiste zu erreichen, ein Kleinbus fährt die Strecke zwischen La Mosela und dem nahegelegenen San Ramón zweimal täglich ab. Strom und Handyempfang gibt es hier nicht, nachts wird mit Kerzen und Petroleumlampen beleuchtet. In dieser Abgeschiedenheit lebt der heute 55-jährige "Peruaner mit deutschen Wurzeln", Carlos Jordan. Als Jordan noch ein Kind war, blickte er in eine rosige Zukunft - denn nach dem Zweiten Weltkrieg stand eine Zeit des Aufschwungs in Peru bevor.

"In den 50er Jahren gab es sehr gute Kaffeepreise auf dem internationalen Markt und die politische Situation im Land war stabil. Also konnten wir endlich wieder neue Kaffeeplantagen anlegen und die alten Maschinen modernisieren", sagt Jordan. Bis zu 600 Arbeiter waren zur Erntezeit auf der Farm beschäftigt, die Jahresproduktion lag bei 5000 bis 6000 Zentnern Kaffee. Die Jordans waren damals Millionäre – ein Volkswagen kostete etwa 20 Zentner Kaffee, ein kleines Flugzeug 250 Zentner.

Militärregierung und Enteignung

La Mosela

Den Schotterweg zur Kaffeefarm haben Jordans Vorfahren selbst angelegt - er muss häufig von Erdrutschen befreit werden.

Doch die Jahre des wirtschaftlichen Aufschwungs dauerten nicht an. 1968 putschte sich General Juan Velasco Alvarado an die Macht und veränderte damit die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Die linksorientierte Militärregierung verstaatlichte die gesamte Industrie Perus, darunter viele Großbetriebe, Bergbauunternehmen und die Eisenbahn. Die Folge dieser Politik war eine massive Geldentwertung. Auch "La Mosela" wurde in Mitleidenschaft gezogen – die Kaffeeproduktion lag brach.

"Es wurde nicht mehr gedüngt und viele Arbeiter zogen in die Stadt, um dort Geld zu verdienen. Die Plantagen konnten also nicht mehr richtig bearbeitet werden und das Gelände verwandelte sich wieder in Urwald", erzählt Jordan. Wegen der unsicheren politischen Situation kam es auf "La Mosela" zu mehreren Jahren des Stillstands. Es wurden keine Investitionen mehr getätigt, da die Jordans die Enteignung durch die Militärregierung fürchteten. Und da es kaum noch Arbeiter auf dem Land gab, verwilderten große Teile der Kaffeefarm. All das hatte schwerwiegende Folgen: Während der Velasco-Regierung produzierte "La Mosela" jährlich keine 6000 Zentner Kaffee mehr, sondern nur noch 60. Jordan studierte während dieser Zeit im fernen Deutschland, musste 1977 aber ohne Abschluss zurück nach Peru kommen, um den Familienbetrieb weiter zu führen.

Neuanfang und Terrorismus

La Mosela

Die meiste Zeit des Jahres verbringt Jordan alleine auf La Mosela. Besuchern erzählt er gerne Geschichten aus seinem Leben.

Der 22-jährige Jordan stand vor einer großen Herausforderung: "Das war nicht einfach für mich. All die vorangegangenen Jahre hatten meine Familie gesundheitlich zugrunde gerichtet, die konnten nicht mehr. Und da habe ich die Farm allein wieder aufgebaut. Allerdings nicht mehr zur vorherigen Grösse." Jordan setzte ab sofort nicht mehr nur auf den Kaffeeanbau. Er fing an, Obstbäume zu pflanzen und legte sich ein paar Milchkühe zu.

Doch Anfang der 80er Jahre keimte der Terrorismus in Peru auf. Die Terrororganisation "Sendero Luminoso" ("Leuchtender Pfad") sorgte mit gewaltsamen Anschlägen für Angst und Schrecken – zunächst nur im Süden des Landes, doch dann immer häufiger auch in der Provinz Chanchamayo. "Eines Tages kamen die Terroristen auch in unser Tal und ermordeten einige unserer Nachbarn auf bestialische Art und Weise", erzählt Jordan. "Und sie haben die Nachricht hinterlassen, sie kämen bald zurück, um die Hinterbliebenenen auch zu ermorden. In dem Moment habe ich meine Sachen gepackt und bin abgehauen."

Mit seinen zwei kleinen Söhnen und seiner Frau Ana María zog Jordan 1986 in das nahegelegene San Ramón. Hier schlug er sich als Gelegenheitsarbeiter durch: Er drechselte, machte Handarbeiten und stellte Wurst her. "Die Zeit in San Ramón war schrecklich," sagt Jordan. „Häufig wusste ich morgens nicht, wie ich meine Familie ernähren sollte. Außerdem war es laut und stickig in der Stadt. Und zurück auf die Farm konnten wir nicht – das war einfach zu gefährlich.“

Tourismus und vage Zukunft

La Mosela

Die Maschinen zur Kaffeeverarbeitung hat Jordan komplett selbst gebaut - sie funktionieren aber nur, wenn es Benzin für den Stromgenerator gibt.

Anfang der 90er Jahre wurden die Mitglieder des "Leuchtenden Pfades" entwaffnet, Jordan konnte wieder zurück zu seiner Kaffeefarm. Auf dem Gelände war jedoch wieder alles zugewachsen und Jordan musste erneut ganz von vorne anfangen. Doch von nun an produzierte er keinen Kaffee mehr für den Export, sondern nur noch für erlesene Verbraucher in der Hauptstadt Lima. Um sich selbst ernähren zu können, legte er Maisfelder an und pflanzte Bananenstauden. Ausserdem entschied sich Jordan, Gäste auf "La Mosela" aufzunehmen.

"Unser großes Holzhaus hier bietet sich doch an, Gäste zu beherbergen, die nicht ins Hotel wollen", erzählt Jordan. „Also habe ich hier ums Haus herum ein bisschen Kaffee angepflanzt, so dass meine Gäste sehen können, wie der Kaffee wächst, wie er geerntet und geröstet wird." Doch Touristengruppen finden ihren Weg in die Abgelegenheit des peruanischen Bergurwalds nur wenige Male im Jahr. Und so sitzt Jordan mit seinem zehnjährigen Boxerhund Niki in dem altehrwürdigen Holzhaus im peruanischen Bergurwald und hofft darauf, dass eines Tages einer seiner beiden Söhne die Geschicke von "La Mosela" in die Hand nehmen wird.

Autor: Yannick Jochum

Redaktion: Oliver Pieper