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Deutschland

Kabarettist: "Hätte nicht gedacht, dass ich Merkel mal so mag!"

Angela Merkel hatte nie einen guten Stand bei Kabarettisten. Das hat sich geändert. Richard Rogler, der auf der Bühne mit Politikern hart umspringt, sieht die deutsche Kanzlerin inzwischen in ganz anderem Licht.

DW: Angela Merkel überrascht uns alle mit ihrer Flüchtlingspolitik. So sehr, dass wir uns fragen: Wie tickt sie eigentlich? Können Sie uns helfen?

Richard Rogler: Möglicherweise. Frau Merkel ist die wirklich einzig legitime Nachfolgerin von Konrad Adenauer und Helmut Kohl. Konrad Adenauer hat die Versöhnung der Weltgemeinschaft mit dem Nazivolk herbeigeführt. Helmut Kohl hat - was man auch immer gegen den Mann haben könnte: Spendenaffäre und so weiter -, die deutsche Einigung durchgesetzt.

Jetzt haben wir eine Frau, die eine Haltung hat und das finde ich hervorragend. Und ich möchte mich auch einmal ein bisschen fremdschämen für meine Berufskollegen, die sie immer wegen ihres Aussehens kritisiert haben. Erstens darf man keinen Menschen wegen seines Aussehens kritisieren und der Vorwurf, sie mache nichts, ist eine Gemeinheit. Sie hat sehr viel gemacht.

Zehn Jahre kannten wir Angela Merkel als kühlen Verstandesmenschen, jetzt zeigt sie auch noch Herz. Entdeckt sie sich selbst gerade?

Nein, sie hat immer ein Herz gehabt. Jeder Mensch hat ein Herz, auch Hitler hatte ein Herz. Der hat seiner Mama rührende Muttertagsgedichte geschrieben und hat Millionen von Müttern und Kindern und deren Väter umgebracht. Herz hat jeder, aber das Herz ist bei ihr entscheidend. Sie bringt es ein auch aufgrund einer Übersicht über die Weltlage.

Und sie hat immer noch Recht: Wenn Menschen zu uns kommen, dann nehmen wir die auf. Das ist eine urchristliche Haltung. Sie entfernt sich auch von der protestantischen Haltung, die keine gute Geschichte hat. Ich erinnere nur daran, dass die Evangelischen in der Hitlerzeit ja als erstes ihre Gemeinden judenfrei gesprochen haben. Die religiöse Zugehörigkeit ist keine Garantie, dass man ein guter Mensch wird, aber sie ist sozusagen "Staatspräsidentin" von Weltformat und erinnert sich wahrscheinlich aufgrund der Zugehörigkeit zu einer christlichen Gemeinschaft an ihre humanitäre Einstellung.

Merkel erinnert in ihrer Flüchtlingspolitik an Luther. "Hier stehe ich, ich kann nicht anders", hatte der Reformator in Worms vor seinen Anklägern gesagt. Erklärt das ihr unbedingtes Festhalten am Kurs ihrer Flüchtlingspolitik?

Das könnte der Fall sein. Ich glaube, dass sie das weiß, wie er in Worms da stand und mit dem Tode bedroht war. Aber ich bitte Sie, diese Frau nicht zu sehr zu psychologisieren. Wir reden über die Bundeskanzlerin. Wir reden nicht über einen Vorstandsvorsitzenden, der woanders hin wechselt, oder einen Fußballpräsidenten. Wir reden über die verantwortliche Person für ein ganzes, starkes Land und da verbietet sich jede kleine Kritik, auch aus Bayern.

Richard Rogler hält sich den Zeigefinger an die Stirn (Foto: imago/Eßling)

Kabarettist Richard Rogler: Muss mich fremdschämen für meine Berufskollegen

Merkels Kurs "Allein gegen alle" gefährdet der nicht gerade das, was ihr und uns Deutschen geradezu heilig ist: Europa, die EU?

Aber das macht sie ja: Sie hält im Grunde für Deutschland Europa aufrecht. Die Forderung, man müsste die Flüchtlinge europäisch verteilen, da ist sie doch die einzige Garantin, die dieses Jahrhundertprojekt noch aufrecht erhält. Sie weist immer wieder darauf hin: Da werden wir kämpfen müssen in Europa.

Im Moment ist es so: Der Wind dreht sich ein bisschen. Auch Herr Schäuble, der auf sie nicht gut zu sprechen ist, weil sie ihn mal als Bundespräsidenten verhindert hat, beginnt es langsam zu sagen: "Leute, wenn wir die Flüchtlingsfrage nicht lösen und innerdeutsche oder innereuropäische Grenzen da festmachen, dann bricht uns der Laden auseinander." Das ist es im Grunde.

Ich hätte auch nicht gedacht, dass ich diese Frau mal so mag, aber das ist im Moment die Leuchte in Europa.

Schafft Merkel am Ende vielleicht etwas ganz Großes: Die Grenzen weiterhin offen zu halten, die EU in die Pflicht zu nehmen und damit Europa zu retten?

Das wird so kommen, wahrscheinlich schon in zwei, drei Jahren werden die anderen merken, dass wir Deutschland mit dieser Frau brauchen.

Richard Rogler (67) gehört zu den bekanntesten deutschen Kabarettisten. Er ist Honorarprofessor an der Universität der Künste in Berlin.

Das Interview führte Volker Wagener.

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