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Deutschland

"Kürzerer Zivildienst? Eine Katastrophe!"

Kaum ist der Zivi da, ist er auch schon wieder weg: Künftig soll der zivile Ersatzdienst nur noch sechs Monate dauern. Leidtragende könnten vor allem alte und kranke Menschen sein, die der ständige Wechsel überfordert.

Der Zivildienstleistende Sascha Klein (Foto: Brigitta Moll / DW)

Zivildienstleistender bei der Diakonie in Bonn: Sascha Klein

Jeder Handgriff sitzt. Das Körnerbrot legt er in den Kühlschrank, holt die Orangenmarmelade aus dem Regal und verstaut anschließend das Kaffeepulver wieder hinter der quietschenden Schranktür. Seit Anfang August ist Sascha Klein Zivildienstleistender der evangelischen Diakonie in Bonn. Knapp sechs Monate hat er noch vor sich – so viel, wie in Zukunft der gesamte Zivildienst dauern soll.

Heute macht er Frühstück für seinen ältesten Patienten, Walter Schmickler*, 101 Jahre alt. "Hilfe bei der Nahrungsaufnahme" heißt das im Pflege-Deutsch. Viel wichtiger sind aber die Gespräche, sagt Klein: "Man merkt, dass es den Leuten gut tut, dass wir uns mit ihnen unterhalten und nicht direkt wieder abhauen. Pfleger haben ja nicht die Zeit dazu."

Allerdings: Walter Schmickler ist dement, vergisst Dinge, Namen und was eben passiert ist. Ob er morgen noch weiß, dass Klein ihm jeden Tag das Frühstück macht, ist fraglich. Mit wackeligen Schritten tappt er am Arm seines Zivis in die Küche. Die weißen Haare sind kurz geschnitten, der weinrote Pulli sitzt gut, die Pantoffeln schlappen über den Boden.

Man muss immer wieder von vorne anfangen

Allzu viel Zeit hat Sascha Klein heute nicht. Der 22-Jährige trägt noch schnell sein Kürzel in die Betreuungs-Tabellen ein, klickt "Maßnahme beendet" auf dem Handcomputer und fährt dann im blauen Kleinwagen quer durch die Stadt. Am Ziel begrüßt ihn Hannelore Milkereit im rosafarbenen Bademantel und mit einem strahlenden Lächeln. Heute steht Einkaufen auf dem Programm. "Mobilisieren" heißt das im Pflege-Deutsch. Für die 84-Jährige bedeutet es: raus kommen, Menschen treffen, erzählen.

Zivi Sascha Klein fährt im Diakonie-Kleinwagen quer durch die Stadt (Foto: Brigitta Moll / DW)

Zivi Sascha Klein fährt im Diakonie-Kleinwagen quer durch die Stadt

Bei einem Pfleger läuft im Hintergrund immer die Uhr mit. Krankenkassen veranschlagen fürs Einkaufen rund 20 Minuten – da hat sich Hannelore Milkereit gerade mal den Mantel angezogen. Klein hilft ihr in die Schuhe, packt Pfandflaschen und leere Marmeladengläser ein. Die alten Zeitungen räumt er zur Seite, holt die Einkaufstasche. Viele kleine Handgriffe, die auch bei einem verkürzten Zivildienst möglich sind.

Aber für die alte Dame ist das Problem ein anderes: "Wenn es nur noch ein halbes Jahr ist, dann wird das schwierig, weil man muss sich ja immer auf einen anderen Menschen einstellen. Und wenn man über 80 ist, dann geht das nicht mehr so einfach." Mit jedem neuen Zivi heißt es: Wieder alles auf Anfang.

Eine Beziehung wie Oma und Enkel

Sascha Klein kommt zweimal wöchentlich. Hannelore Milkereit nennt ihn "Junge"; und er könnte tatsächlich ihr Enkel sein, wenn sie einen hätte. Während der Fahrt zum Supermarkt plaudern die Seniorin und ihr Zivi vergnügt vor sich hin. Hannelore Milkereit gibt Anweisungen – hier lang, dort lang, das tun und jenes. Die schwarze Mütze rutscht ihr dabei immer wieder in die Stirn.

"Der Sascha und ich, wir sind ein gutes Team", sagt die Rentnerin und summt vergnügt vor sich hin. Auch Klein freut sich immer, wenn er bei ihr ist: "Ich sehe sie wahrscheinlich öfter als meine eigenen Großeltern. Klar, dass man da eine Beziehung aufbaut. Und wenn man gut mit den Leuten klar kommt, weil sie halt ultranett sind, dann ist das schon schade, wenn man dann aufhört und die auf einmal gar nicht mehr sieht."

Der junge Mann weiß inzwischen, was bei seiner Patientin in den Kühl- und Küchenschrank gehört, was sie braucht und was nicht. Im Supermarkt landen verschiedene Joghurts im Einkaufswagen, Kekse, Apfelmus, Wurst. Wenn andere Einkäufer drängeln, warnt Klein lächelnd: "Hinter Ihnen ist Stau, Frau Milkereit."

Alleine wäre der Einkauf in fünf Minuten erledigt. Zu zweit brauchen sie fast eine halbe Stunde: Ein Schritt, die rollende Gehhilfe ein Stück vorschieben, nächster Schritt. So viel Zeit haben nur die Zivis. "Es ist auf jeden Fall wichtig, dass es uns gibt", sagt Klein, "weil manche Sachen relativ lange dauern: Arztbesuche oder so. Wenn man das noch auf die Pfleger schiebt, dann würde, glaube ich, alles zusammenbrechen." Für ihn selbst wären aber auch sechs Monate lang genug, dann könnte er schneller wieder arbeiten gehen.

Der ständige Wechsel kann Demenz verschlimmern

Zu den Aufgaben von Sascha Klein gehört auch die Annahme von Telefonaten (Foto: Brigitta Moll / DW)

Zivi Sascha Klein erledigt Büroarbeit

Die Wohlfahrtsverbände kritisieren die geplante Verkürzung des Zivildienstes scharf. Sechs Monate seien zu kurz, um junge Männer zu Rettungssanitätern oder vernünftigen Betreuern auszubilden. Das sieht auch Katrin Spindeldreher so, die Chefin der Diakonie Bonn. Als Sascha Klein am Mittag zurück ins Büro kommt, hat sie neue Aufgaben für ihn: Medikamente abholen und zu Patienten bringen, Telefonate annehmen, Papier zerkleinern.

Von der Einarbeitung her, wäre die Verkürzung des Zivildienstes kein Problem. Das sei schnell erledigt, sagt Spindeldreher. Aber: "Es sind viele alte, kranke und auch demente Leute dabei, die diesen stetigen Wechsel einfach nicht verkraften und der Krankheiten wie Demenz manchmal auch verschlimmert." Wer ist heute gekommen? Wer kommt morgen? Unsicherheit schleicht sich ein. "Zwar kommen vom Prinzip her dann nur mehr Zivis in kürzeren Abständen, aber ich denke, es ist eine Katastrophe."

*Name des Patienten geändert

Autorin: Monika Griebeler
Redaktion: Martin Schrader