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Wissen & Umwelt

Künstliche Spermien aus dem Reagenzglas

Vater werden ist nicht schwer! Wenn es nach englischen Stammzellforschern geht, braucht man(n) dazu in Zukunft nicht mal mehr gesunde Spermien. Wissenschaftsjournalist Michael Lange kann darüber nur den Kopf schütteln.

Künstliches Spermium unter dem Mikroskop (Foto: Newcastle University)

Künstliches Spermium unter dem Mikroskop

Um Spermien außerhalb eines Hodens herzustellen, braucht es nicht viel. Durch künstliche Befruchtung muss ein Embryo gezeugt werden. Aus dem gewinnen die Forscher embryonale Stammzellen. Dabei wird der Embryo zerstört. Deshalb ist diese Forschung in Deutschland verboten. Dann wachsen die Zellen in einer rosa Nährlösung heran. Durch Zugabe eines Cocktails genau abgestimmter Wachstumsfaktoren entwickeln sich einige der Stammzellen zu Spermien. Diese haben die englischen Forscher der University Newcastle dann durch Markierungsmethoden aus der Nährlösung herausgefischt. Die Spermien sehen gesund aus, versichert der leitende Wissenschaftler Karim Nayernia gegenüber Times Online: "Sie haben einen Kopf, einen Schwanz, und sie schwimmen." Dokumentiert hat er das unter anderem mit einem Video im Internet.

Prof. Karim Nayernia, Newcastle University (Foto: Newcastle University)

Prof. Karim Nayernia: "This work is not being done to make babies. The research is being done to investigate why some people are infertile"

Dennoch bleiben Zweifel, ob es sich wirklich um gesunde, vollwertige Spermien handelt. Weder das Video noch die Daten in der Fachzeitschrift "Stem Cells and Development" konnten den Spermienexperten Allen Pacey von der Universität Sheffield überzeugen.

Gegenüber dem britischen Guardian und der BBC erklärte der renommierte Androloge, er sei nicht überzeugt, dass die entwickelten Zellen tatsächlich als Spermien bezeichnet werden dürfen. Möglicherweise handele es sich nur um unreife Vorstufen von Spermien. Man müsse beweisen, dass die so genannten Spermien auch eine menschliche Eizelle befruchten können. Aber das ist sogar im biotechnologisch freizügigen Großbritannien verboten.

Auch die Forschung selbst ist eher unreif und definitiv nicht einsatzbereit. Sie diene ausschließlich der Erforschung männlicher Unfruchtbarkeit, beteuert Nayernia. Aber was soll ein derart künstliches Laborprodukt über die möglicherweise gestörte Spermienproduktion in einem Männerhoden aussagen? Wie naturfern solche künstlichen Spermien aus embryonalen Stammzellen sind, demonstrierten Mäuseversuche, die Nayernia selbst (damals noch an der Universität Göttingen) durchführte. Dort wurden Eizellen von Mäusen mit künstlichen Mäusespermien befruchtet. So entstanden Jungmäuse, von denen viele ungewöhnlich klein oder geradezu riesig waren. Die meisten starben innerhalb weniger Wochen.

Michael Lange, Wissenshaftsjournalist und Biologe (Foto: Michael Lange)

"Künstliche Spermien braucht kein Mensch!", findet Michael Lange, Wissenschaftsjournalist und Biologe

Beim Menschen wäre der Einsatz künstlicher Spermien also nicht nur ethisch fragwürdig, sondern auch medizinisch nicht zu verantworten. Für unfruchtbare Männer ohne eigene Spermien kommt dieser Prozess ohnehin nicht in Frage. Denn zuerst muss ja ein Embryo für die Gewinnung embryonaler Stammzellen bereit stehen. Wenn natürliche Spermien fehen, müsste der durch Klontechnik entstehen. Trotz mehrerer Versuche, unter anderem an der Universität Newcastle, ist es bisher jedoch nicht gelungen, einen menschlichen Embryo aus Haut- oder anderen Körperzellen zu klonen. Dieser Zweig der Stammzellenforschung erweist sich mehr und mehr als Sackgasse. Es haben nur noch nicht alle gemerkt.

Autor: Michael Lange

Redaktion: Judith Hartl

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