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Asien

Künstlerproteste in Peking

In der chinesischen Hauptstadt wehrt sich eine Gruppe von Künstlern gegen den Abriss ihrer Ateliers und die Vertreibung aus ihrer Kreativkolonie

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Ein Atelier. Auf dem weissen Banner steht sinngemäss: Wenn man sich zusammentut, ist man sofort stärker.

Aus der Ferne sieht es fast aus wie eine kleine Festung. In einer heruntergekommenen Siedlung am Stadtrand von Peking stehen doppelstöckige Bettgestelle rund um ein offenes Feuer. Abwechselnd halten ein halbes Dutzend Künstler in der Februarkälte Wache. Sie schützen ihre eigenen Ateliers und Wohnhäuser - wollen verhindern, dass sich wiederholt, was sie Montagnacht aufgeschreckt hatte.

Kuenstler Liu Yi mit Kopfverband

Der Künstler Liu Yi mit Kopfverband. Schlägertrupps hätten ihn zusammengeschlagen, sagt er.

"Wir hatten bis zwei Uhr morgens diskutiert, doch als wir auseinandergingen, kamen auf einmal über hundert Leute aus dem Mafia-Milieu in unsere Siedlung – alle mit weißen Masken vor dem Mund", erzählt Künstler Liu Yi. Dem 46jährigen steckt die Angst noch in den Knochen, als er erzählt, wie ein Schlägertrupp mitten in der Nacht in die Künstlerkolonie Zhengyang kam. Die Siedlung liegt im Osten Pekings, nicht weit entfernt von dem bekannten Künstlerviertel 798 oder dem neuen Atelierviertel Caochangdi, wo auch der international bekannte Künstler Ai Weiwei sein Atelier hat.

In Zhengyang sind Wohnungen und Arbeitsräume noch billig. Rund 50 Künstler hatten sich hier in den vergangenen Jahren angesiedelt, haben Miet- und Pachtverträge oft für Jahrzehnte abgeschlossen. Sie arbeiten und wohnen mit ihren Familien in einfachen, aber großen Backsteinhäusern.

Künstlersiedlung Zhengyang

Diese Truemmer grenzen an Zhengyang an. Auch die Ateliers sollen dem Erdboden gleichgemacht werden.

Aber dann kamen die Schlägertrupp in der Dunkelheit – und brachten gleich auch noch zwei Bagger mit. Mit dem schweren Geräet begannen sie, die ersten Häuser einfach abzureissen. Mehrere der aufgebrachten Kreativen wurden brutal zusammengeschlagen.

"Der Anführer hat mir das Handy weggenommen und dann vier oder fünf Leute angewiesen, mich mit Holzbrettern und Eisenstangen zu schlagen. Wie ich schließlich zu Boden ging, daran kann ich mich nicht mehr erinnern", erzählt Liu Yi. Die Polizei habe dem Treiben schließlich ein Ende bereitet, aber nur "äußerst widerwillig".

Am Tag danach kann Liu mit Mühe wieder laufen.Seine Kopfwunde, die mit 16 Stichen genäht wurde, ist unter einem großen weißen Verband versteckt. Seit Monaten ahnten die Künstler, dass ihre Zeit in Zhengyang sich dem Ende nähert: Wasser, Gas und Strom hatte man ihnen abgedreht; und die Gegend rund um ihre Kolonie gleicht bereits einem Trümmerhaufen. Hunderte von Gebäuden sind den Abrissbaggern schon zum Opfer gefallen. Sie sollen Platz machen für neue Hochhaussiedlungen, Bürotürme, Einkaufszentren. Genaues weiss keiner. Niemand hat den Künstlern offiziell mitgeteilt, wann oder warum sie ausziehen sollen. Vielleicht weiss die Regierung das selbst noch nicht, mutmassen die Künstler. Brachliegendes Land lasse sich halt besser verkaufen, als bewohnte Flächen, sagt Liu Yi. "Beamte und Geschäftsleute tun sich zusammen, es geht nur ums Geld. Sie setzen dann diese Mafiatypen für ihre Zwecke ein."

Künstlersiedlung Zhengyang

Eine Auto mit einer Überwachungskamera fährt nun durch Zhengyang. Es ist unklar, wofür genau sich die Sicherheitsleute interessieren.

Die Bezirksregierung vom Pekinger Chaoyang-Distrikt weist die Vorwürfe zurück. Sie habe mit der Nacht- und Nebelaktion nichts zu tun, hieß es. Am Dienstag wurde eine Videoüberwachung der Künstlerkolonie angeordnet, zum Schutz vor weiteren Überfällen, wie es hiess. Aber am Nachmittag war der Wagen mit der Überwachungskamera vor allem damit beschäftigt, ein paar ausländische Journalisten zu filmen.

In einem winzigen Atelier in dem nahegelegenen Galerienviertel 798 beraten die Künstler unterdessen ihr weiteres Vorgehen. Sie wissen, dass Zwangsräumungen in China gang und gäbe sind. Auch von Schlägertrupps hört man immer wieder, die mal von korrupten Beamten, mal von Immobilienunternehmen angeheuert werden, um "Entmietungen" zu beschleunigen. Die meisten Opfer trauen sich nicht, sich zu wehren, sagt Liu Yi. "Und dabei sind die Pekinger Künstler nicht einmal die schwächste Gruppe. Andere, etwa die Bauern, sind viel schlechter dran. Die kleinen Leute haben einfach keine Chance gehört zun werden."

Kuenstler in der Kuenstlerkolonie Zhengyang

Krisensitzung: Wie sind die Ateliers noch zu retten?

Doch Liu und seinen Kollegen wollen nicht klein beigeben. Noch am Montagnachmittag organisierten sie zusammen mit Ai Weiwei eine Demonstration mit rund 25 Teilnehmern ausgerechnet auf der Chang’an, der grossen Paradestrasse im Herzen Pekings. Die Polizei konfizierte zwar umgehend die Plakate mit Aufschriften wie "Bürgerrechte" und "Hauptstadt Peking, Brutale Abrissaktionen", aber sie liess die Demonstranten weitgehend unbehelligt. Das hat die Künstler erstaunt – und ermutigt. Weitere Aktionen sollen folgen, sagt Videokünstler Wu Yuren.

"Wir wollen jetzt bei der Pekinger Stadtregierung und bei der Sicherheitspolizei demonstrieren. Es geht um unsere Würde als Menschen. Wir gehen nicht als Künstler auf die Strasse. Jeder hat das Recht würdig zu leben, aber diese Würde hat man versucht, uns zu nehmen."

Autorin: Ruth Kirchner

Redaktion: Silke Ballweg