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Kultur

Künstlermagnet Berlin

Berlin saugt junge internationale Künstler förmlich an. Die Hauptstadt ist für sie Spielwiese, Experimentierfeld und Sprungbrett. Denn hier finden sie, was sie brauchen: Raum, Publikum, Ideen - weil Berlin unfertig ist.

Fernsehturm blau erleuchtet (Foto: dpa)

Stadt als Kunst: Die Kugel des Fernsehturms ist hinter der Kuppel des Doms

Halb fertig bemalte Leinwände, skurrile Objekte, ein ausrangierter Einkaufswagen – das Atelier von Mitya Churikov bedient alle Klischees. Und der strenge Geruch nach Lackfarben und Terpentin im Flur der Universität der Künste (UdK) tut sein Übriges dazu. Der Ukrainer Mitya studiert hier im siebten Semester, er ist gerade aus Kiew zurück, wo er in einem riesigen Waffenarsenal aus den Zeiten Peters des Großen ausgestellt hat. Entdeckt hat ihn die Galeristin bei einem Rundgang in der UdK. Noch weiß der 24-Jährige nicht, ob und wie viele seiner 52 Bilder verkauft wurden. Ein türkises Ufo, gemalt auf eine riesige Holzplatte, musste in Berlin bleiben. Es war einfach zu schwer für den Transport.

Auch wenn der Mythos bröckelt

Der ukrainische Künstler Mitya Churikov in Berlin (Foto: DW)

Berlin ist für Mitya Churikov nicht mehr die Märchenstadt, sondern sein Zuhause

Seit dreieinhalb Jahren lebt Mitya in Berlin, der Stadt, von der er träumte, seit er mit neun Jahren von Kiew aus einen Ausflug dorthin machte. Mit der Malschule. Das Bild, das er von da an hatte, war das eines "freien Staates, wo ganz viel passiert, wo jeder Zweite ein kreativer Mensch ist und irgendwas Interessantes macht". Heute ist er einer von ihnen – auch wenn er das mit den Künstlern heute kritischer sieht. "Wenn jeder Zweite sagt: Ich bin ein Künstler oder ich bin ein Musiker, dann denkt man sich doch: Ey, ich bin auch ein Musiker, ich kenne auch ein paar Griffe." Berlin mag er trotzdem. Die Stadt habe seine Bilder erzählerischer gemacht, wahrscheinlich, weil er am Anfang so wenig sprechen konnte.

Das Unfertige schreit nach Kunst

2-Kanal Video-Installation der Deutsch-Brasilianerin Silvia Marzall, Decken-Projektion, Spiegel, 2 Video-Loops mit Ton, jeweils drei Minuten (Foto: Silvia Marzall)

Ausschnitte aus Silvia Marzalls Videoinstallation "moment : raised, 2007"

Was junge Künstler wie Mitya nach Berlin lockt, sind die günstigen Mieten, das Unfertige dieser ehemals geteilten Stadt, die schier überquellenden Angebote an Ausstellungs- und Produktionsstätten. Die Infrastruktur sei hier einfach einmalig, erklärt die Brasilianerin Silvia Marzall. Trotzdem habe die Stadt ihre Ecken und Kanten behalten. "Und das ist reizvoll, weil man noch etwas hinzufügen kann", sagt sie und lässt den Blick durch ihren Atelierraum schweifen, den sie in ihrer Wohnung eingerichtet hat.

Raum nach Lust und Laune

moment : raised, 2007 (Foto: Silvia Marzall)

Das Dazwischen als Thema

Der Quadratmeterpreis für Mietwohnungen liegt in angesagten Berliner Bezirken wie Neukölln oder Kreuzberg oft noch unter fünf Euro. Und so ist es ein Leichtes, sich eine Wohnung zu nehmen, in der noch genug Platz für ein Atelier ist. Genug Wohnraum gibt es, dazu riesige leer stehende Fabriketagen, Hallen, Häuser, die förmlich nach Zwischennutzung schreien. Der perfekte Ort zum Ausprobieren.

Der Flickenteppich Berlin als Fundgrube

Die deutsch-brasilianische Künstlerin Silvia Marzall in Berlin (Foto: DW)

Manche Materialen bekommt sie nicht in Berlin und bringt sie von ihren Brasilienreisen mit

Nicht nur die äußeren Bedingungen stimmen. Auch inhaltlich ist Berlin inspirierend und prägend. Silvia Marzall wurde 1980 in Brasilia geboren, einer, wie sie sagt, "sehr speziellen Stadt". Danach ging sie auf die deutsche Schule in Rom, "noch mal etwas ganz Anderes und Berlin ist letztendlich noch mal ein Drittes, was auch historisch sehr dicht ist und wie geflickt ist, also, zusammengeflickt ist". Ihre Kunst setzt sich aus gestickten Bildern, Videos und Installationen zusammen, thematisch interessiert sie das Dazwischen. Das, was zwischen zwei Gegenständen oder Momenten geschieht. Und dafür ist Berlin eine perfekte Kulisse.

Zusammen woanders

Turnschuhe des ukrainischen Künstlers Mitya Churikov (Foto: DW) Die Rechte liegen wieder bei mir, Ricarda Otte, Festangestellte der Deustchen Welle. Eingestellt September 2009

Die Farbkleckse sind mehr als nur ein modisches Accessoire

Ab und zu stellt Silvia mit anderen Brasilianern aus, etwa in der Brasilianischen Botschaft in Berlin. Und ab und zu schließt sich Mitya auch mit anderen Ukrainern zusammen. Für beide ist dieser Rückzug eine zusätzliche Möglichkeit, ausstellen zu können und Kontakte zu knüpfen. Denn das Netzwerk muss stimmen in Berlin, sonst geht man leicht verloren in dem Meer aus jungen talentierten Künstlern, das von Tag zu Tag größer wird.

Autorin: Ricarda Otte

Redaktion: Conny Paul

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