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Kultur

Künstlerisches Plädoyer für Europa

Freiheit und Demokratie – diese Werte schreibt sich Europa auf die Fahne. Künstler aus Ost und West setzen sich schon seit Jahrzehnten damit auseinander. Das zeigt jetzt eine Ausstellung im Deutschen Historischen Museum.

Es dauert nur ein paar Minuten und schon ist es geschehen. Schon zieht die Ausstellung den Besucher hinein - von Exponat zu Exponat, von Überraschung zu Erkenntnis, zu Erstaunen und Verwunderung. Und zeigt, wie vielstimmig sich die Kunst doch in die Diskussion um Menschenrechte und Freiheit einmischt.

Von der Abwesenheit der Vernunft

René Magrittes Gemälde "La memoire/Die Erinnerung" aus dem Jahr 1948 zeigt einen mit Blut besudelten, aber unbeschädigten Kopf einer weiblichen Skulptur. Er steht auf einer Mauer, hinter der ein träges Sommermeer unter blauem Wölkchenhimmel schwappt. Was all das zu bedeuten hat, verrät ein knapper beigefügter Text. Magritte, so erfährt man hier, liebte die französische Kultur und die Traditionen des Landes  von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Aber er sah sie durch die Barbarei des Nationalsozialismus gefährdet. Deshalb das Blut im Gesicht der Skulptur. Der Blick des Betrachters löst sich langsam von ihr, fällt auf den Himmel und so in eine Zukunft, in der alles möglich scheint. Alles? "Das Land der Aufklärung und der Vernunft ist abwesend, die Erinnerung daran aber darf sich nicht verlieren", mahnt der kleine Begleittext.

René Magrittes Bild La mémoire / Die Erinnerung von 1948. Öl auf Leinwand, 59 x 49 cm, Eigentum des Staates Belgien. © VG Bild-Kunst, Bonn 2012 (Foto: Vincent Everarts)

René Magritte: La mémoire / Die Erinnerung, 1948

Gegenüber von Magrittes Gemälde steht die 1973 entstandene Installation "Das Auge der Vernunft" des Ungarn Miklós Erdély. Als "Auge der Vernunft" verstanden sich die Repräsentanten des Sozialismus. Bei Erdély indes sehen sie gar nichts. Denn in das Innere seiner Installation fällt kein Licht. Die Linse sieht nur Dunkelheit. Ein bitterer Kommentar. Der Belgier Marcel hat wieder ein anderes Thema. Er ist davon überzeugt, dass die von der Aufklärung geprägte positivistische Wissenschaftsgläubigkeit der Industriemoderne den Garten Eden zu einer Wüste verkommen ließ. Deshalb zeigt er die Natur als Reproduktion, in einer Dia-Show, die den Reichtum vergangener Zeiten freilich nur andeutet.

Diese drei so unterschiedlichen Arbeiten begrüßen den Besucher der Ausstellung im ersten Raum, der mit "Gerichtshof der Vernunft" überschrieben ist und mit den Mitteln der Kunst unmissverständlich deutlich macht, dass Staaten von der Französischen Revolution bis heute im Namen der Vernunft Gewalt ausüben.

Freiheit der Künste

Überall in Europa, das zeigt die Schau im Deutschen Historischen Museum, haben sich Künstler in den letzten 65 Jahren mit der Frage der Freiheit auseinandergesetzt, in Ost und West, seit Kriegsende und bis heute. Dabei fragen sie nicht nur nach der Verantwortung von Politik und Staat, sondern kreisen auch um das Individuum. Wer trägt welche Verantwortung? Und warum? Wo beginnt individuelle Freiheit? Und wo endet sie? Macht Konsum frei, wie lähmt der Terror und warum entstehen Konflikte? Was ist ein menschenwürdiges Leben? Und warum glauben wir heute nicht mehr an das, was gestern galt?

Dass man mit dem Bild eines Brautkleids enttäuschte Hoffnungen illustrieren kann, erfährt man in der Ausstellung im Deutschen Historischen Museum. Und auch, dass Russen die Farbe rot lieben, obwohl sie von Staat und Partei missbraucht wurde. Wolf Vostell forderte die Amerikaner 1968 mit einem Bild auf, Vietnam statt mit Bomben mit Konsumgütern zu bombardieren; Armado malt Landschaften, die schuldig geworden sind, weil sie Zeuge eines Gefechts waren. Christian Boltanski gibt den Opfern des Holocaust ein Gesicht, und Damien Hirst setzt mit einer Installation aus Kippen den Verlierern auf dem Arbeitsmarkt ein Denkmal: lauter letzter Zigaretten – geraucht, bevor es dann an der Zeit war, endgültig zu gehen. 

Armandos Werk Schuldige Landschaft von 1987. Öl auf Leinwand, 198 x 396 cm. Leihgabe des Künstlers an das Amersfoort / Armando Museum, Niederlande. © Armando (Foto: Hock Khoe) © VG Bild-Kunst, Bonn 2012, Foto: Vincent Everarts

Armando: Schuldige Landschaft, 1987

Kunstwerke von 113 Künstlern aus 28 Ländern, frei schwebend sortiert in 12 Kapitel, die allesamt um das Thema Freiheit kreisen, hat das Deutsche Historische Museum zusammengetragen. Die Besucher der Ausstellung begegnen außerordentlichen Arbeiten von etablierten Künstlern wie Jean Tinguely, Yves Klein, Mario Merz oder Mona Hatoum. Aber sie können auch jede Menge interessante Entdeckungen machen und sich dabei munter zum Denken anstiften lassen. Denn genau das gelingt dieser Schau, die auf Erkenntnis aus ist und sie mit Genuss befördert.

Aus Europa – für Europa

Die Anregung zu dieser Schau gab der Europarat. Mittlerweile ist "Verführung Freiheit. Kunst in Europa seit 1945" Kernstück einer weitangelegten internationalen Zusammenarbeit, an der neben dem Deutschen Historischen Museum in Berlin Galerien, Forschungs- und Kulturinstitute und weitere Museen in Deutschland, Italien, Estland, Polen, Ungarn, Griechenland und der Tschechischen Republik beteiligt sind. Die Ausstellung selbst soll auch in Mailand, Tallinn und Krakau gezeigt werden. Verstehen wird man sie überall, man wird über sie reden. Und man kann sie wunderbar gebrauchen, um junge Menschen für Kunst, Geschichte und Philosophie zu begeistern.

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