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Kultur

Künstlerische Aufbauhilfe

Die Unberechenbarkeit der Natur ist schon lange ein Thema in den Werken von Leiko Ikemura. Doch von den Folgen des Tsunamis ist die japanische Künstlerin geschockt. In Troisdorf bei Bonn zeigt sie ihre Künstlerbücher.

Die japanische Künstlerin Leiko Ikemura Quelle: Museum Burg Wissem, Troisdorf

Künstlerbuch von Leiko Ikemura

"Welle" heißt ein Gemälde von Leiko Ikemura aus dem Jahr 2007. Es zeigt ein blondes Mädchen im weißen Kleidchen, das vor einer gigantischen dunklen Welle davonläuft. Der Himmel ist pechschwarz, die Szenerie wirkt bedrohlich. Dieses Gemälde bezieht sich zwar auf einen Holzschnitt des japanischen Künstlers Katsuhika Hokusai aus dem 18. Jahrhundert. Doch im Kontext der Katastrophe in Japan nimmt es eine andere Bedeutung an. Es scheint fast so, als hätte Leiko Ikemura die zerstörerische Wucht des Tsunamis vorausgesehen.

Die Kraft der Natur ist von jeher das große Thema der 59-jährigen Künstlerin. Das hat auch autobiographische Gründe. Ikemura, die einst mit ihrer Familie an der japanischen Küste gelebt hat, weiß, dass die Natur nicht beherrschbar ist. "Wir waren vom Wasser umrahmt, was schön ist, aber latent bestand immer die Gefahr eines Erdbebens. Ich selbst habe auch schon kleinere Taifune und Tsunamis erlebt." Dass sich die Natur nicht kontrollieren lässt, sei aber nicht nur negativ, sondern auch großartig. Man dürfe nur "nie den Respekt vor der Natur verlieren", sagt die Künstlerin, während sie durch ihre Ausstellung im Museum Burg Wissem in Troisdorf führt.

Künstlerin mit seismographischen Fähigkeiten

Leiko Ikemura

Leiko Ikemura in ihrer Ausstellung

Leiko Ikemura zählt zu den wichtigsten zeitgenössischen japanischen Künstlern. Vor mehr als 20 Jahren ist sie nach Deutschland umgesiedelt, mit einem Umweg über Spanien und die Schweiz. Jetzt lebt sie in Köln und Berlin. Dort lehrt sie an der Universität der Künste. Die Ereignisse in ihrem Heimatland beobachtet sie zwar aus sicherer Distanz, aber mit großer Sorge. Gemeinsam mit anderen japanischen Künstlerkollegen plant sie eine Benefizauktion zugunsten der Katastrophenopfer. Zum Zweck der Aufbauhilfe in Japan hat sie außerdem im Rahmen ihrer Ausstellung im Museum Burg Wissem in Troisdorf eine Edition von handcolorierten Drucken geschaffen, die über das Museum erworben werden können. Den Erlös von je 250,- Euro geht an die Tsunami-Opfer.

Für Leiko Ikemura hat der 11. März 2011 die Welt verändert. Es handele sich nicht nur um ein japanisches Problem, sondern um ein Problem, das alle Menschen betreffe, sagt sie und räumt ein, dass Japan ein besonders gebeuteltes Land sei. "Nach Hiroshima und Nagasaki wieder ein atomares Problem zu bekommen, ist überaus tragisch, aber wir müssen uns auch fragen, warum wir die Kernenergie überhaupt so angenommen haben."

Alles oder nichts

Gemälde Welle

"Welle" malte Leiko Ikemura 2007

In Leiko Ikemuras Kunst trifft japanische Tradition auf einen europäischen Bilderkosmos. Das zeigt sich auch in ihren Künstlerbüchern und Zeichnungen, die derzeit in Troisdorf zu sehen sind. "Wie bei einem Schwertkampf" habe sie die Zeichnungen aufs Papier gebracht: "noch bevor das Denken einsetzt". Ein ganzes Buch widmete sie in den 80er Jahren den "Wilden und den domestizierten Katzen". Die Katze ist für sie ein Symbol für das eigene Unterwegssein zwischen den Kulturen und Lebensphasen. Die Auseinandersetzung mit der Linie zieht sich wie ein roter Faden durch ihre Kunst, die in zahlreichen internationalen Museumssammlungen vertreten ist.

In ihrem neuesten Zyklus mit dem spanischen Titel "todo y nada", also alles oder nichts, zeigt sie erneut das Zerstörerische der Natur. Landschaften mit düsteren Wolken, die von einem starken Wind angetrieben werden, hat sie mit schnellen, gestischen Strichen gezeichnet. "Woher kommt diese gewaltige Energie, die sich in diesen Bildern entlädt", wundert sich Ikemura. "Vielleicht hatte ich, ohne es zu wissen, eine Vorahnung".

Japaner im Schockzustand

Zeichnungen und Fotografien in einem Künstlerbuch von Leiko Ikemura

Zeichnungen und Fotografien in einem Künstlerbuch von Leiko Ikemura

Leiko Ikemura ringt nach Worten, wenn sie über die Ereignisse in Japan spricht. Sie empfindet große Trauer, doch zugleich wundert sie sich auch, wie ruhig ihre Landsleute bleiben. Während in Deutschland die Menschen gegen Atomkraft demonstrieren, rührt sich in Japan noch wenig Widerstandsgeist. "Wahrscheinlich sind sie zu sehr mit dem reinen Überleben beschäftigt, um zu protestieren. Die Reflexion darüber, was wirklich passiert ist, setzt bestimmt später ein", hofft Ikemura.

Im August ist eine große Ausstellung ihrer Werke in Tokio geplant. Etwas mulmig ist ihr bei dem Gedanken schon zumute. Aber es geht auch darum, mitzuhelfen, das Land wieder aufzubauen. Dazu zählt auch ein funktionierendes Kulturleben. "Das Leben muss jetzt erst recht weitergehen", sagt sie. Deshalb hat sie vor, die Katastrophe in ihrer Ausstellung zum Thema zu machen. "Auch wenn wir Künstler nur wenig beitragen können, auch wenig ist mehr als nichts."

Autorin: Sabine Oelze

Redaktion: Jochen Kürten/Alexandra Scherle

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