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Kultur

Künstlerisch wertvoller Städtebau

Auf der diesjährigen documenta ist eine Disziplin besonders prominent vertreten, deren Präsenz auf einer Kunstausstellung manchen verwundern mag: "Architektur und Stadtplanung". Doch ganz so ungewöhnlich ist das nicht.

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Pläne für die Zukunftsstadt "New Babylon"

Architektur spielte schon bei früheren documenta-Ausstellungen eine wichtige Rolle. So entstand etwa 1982 als "documenta urbana" ein ganzes Wohngebiet am Rande Kassels, zehn Jahre später schuf der damalige künstlerische Leiter Jan Hoet mit "temporären Bauten" zusätzliche Ausstellungsfläche. "Wir haben das Thema nicht für uns erfunden", betont daher auch documenta-Sprecher Markus Müller. Wohl einmalig sei jedoch, wie weit gefasst bei der Documenta11 die Auseinandersetzung mit architektonischen Fragen sei.

Mit den Arbeiten des niederländischen Altmeisters Constant (mit bürgerlichem Namen Constant A. Nieuwenhuys), Mitbegründer der Künstlergruppe "Cobra" im Jahre 1948 und eigentlich eher als Maler bekannt, geht die Ausstellung zurück bis zu den Vorläufern heutiger Architektur-Utopien. Eine halbe Etage im Kulturbahnhof gehört den Bildern,

New Babylon ein Werk von Constant A. Nieuwenhuys

"New Babylon" ein Werk von Constant A. Nieuwenhuys

Modellen und Plänen, die der heute 82-Jährige zwischen 1956 und 1974 für seine Zukunftsstadt "New Babylon" entwickelte. Seine flexiblen Module für eine Stadt erstrecken sich über den ganzen Erdball und atmen den Fortschrittsgeist der 60er Jahre. In Constants Welt wird die Arbeit vollständig von Automaten übernommen.

Moskitonetz als Schutzschild

Ganz ähnlich konzipierte der in Paris lebende Ungar Yona Friedman (geboren 1923) zwischen 1958 und 1962 seine über bisherigen Stadtstrukturen schwebende "Raumstadt". Die Entwürfe sind in der Binding-Brauerei zu sehen - zusammen mit aktuellen Arbeiten, in denen er die in naiv-ironischen Comics erläuterten Ideen bis hin zu riesigen Moskitonetzen zum Schutz von Hochhäusern vor Attentaten weiterspinnt.

Bauruine als Herausforderung

Constant und Friedman fordern mit ihren futuristischen Gedankenspielen herkömmliche Stadt-Architektur heraus. Auf seine Weise will das auch der Kubaner Carlos Garaicoa. Als 35-Jähriger gehört er allerdings einer ganz anderen Generation an. Seine ebenfalls auf dem ehemaligen Brauerei-Gelände präsentierten Architektur-Fantasien gründen auf Bauruinen in der kubanischen Hauptstadt Havanna. Vor dem Hintergrund des Vergangenen zeigt er, was künftig möglich wäre - ob das nun ein Haus mit gläsernen Wänden oder eine Universität ist, die die Studenten zu klösterlicher Einsamkeit verdammt.

Neu Manhattan 3021

Schwingt bei Garaicoa immer noch ein Moment der Skepsis mit, herrscht bei Bodys Isek Kingelez aus dem Kongo (geboren 1948) die reine Fröhlichkeit. Etliche Quadratmeter im Kulturbahnhof füllen seine farbenfrohen Modelle der afrikanischen Fantasiestadt "Kimbeville" und von "Neu Manhattan 3021". Aus Klebstoff, Papier, Sperrholz und Verpackungskartons baut Kingelez aufwendige Stadtlandschaften. Mit ihren schreiend bunten Hochhäusern erinnern sie an Las Vegas, doch im Unterschied zum amerikanischen Glücksspieler-Mekka soll der Traum vom besseren Leben nicht nur Fassade sein.

Dieser emanzipatorische Anspruch treibt auch die Hamburger Gruppe "Park Fiction" um. Unter den stadtplanerischen Beiträgen zur documenta ist ihr Projekt zudem das einzige, das auch real umgesetzt werden soll. Seit 1995 kämpft das achtköpfige Kollektiv um die Filmemacherin Margit Czenki dafür, einen Park am letzten unbebauten Stück des Elbufers in St. Pauli zu errichten - und zwar genau so, wie sich die Anwohner das vorstellen. "Die Wünsche werden die Wohnung verlassen und auf die Straße gehen" lautet das Motto, unter dem sich "Park Fiction" in der documenta-Halle mit Dokumenten, Bildern, Filmen und Modellen vorstellt. dpa/(fro)

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