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Kultur

Künstler-Zuzug: Berlins kreatives Potential

Berlin ist für seine zahlreichen Museen und Sammlungen berühmt. Und für aufregende Galerien und eine internationale Kunstszene. Denn in der Stadt an der Spree lässt es sich gut leben und arbeiten. Noch jedenfalls.

Das Atelier von Dario Puggioni Foto: Silke Bartlick (DW)

Ein Junge aus Gips sitzt da am Tisch, seine Beine baumeln in der Luft. Mit leicht geöffnetem Mund betrachtet er das Schiff vor sich. Es ist offensichtlich ins Trudeln gekommen und wird womöglich kentern. Der Gips-Junge sitzt in einem Gewächshaus, das verwunschen unter hohen Bäumen steht, im Vorgarten des Atelierhauses Milchhof und mitten im Berliner Szenebezirk Prenzlauer Berg.

Links und rechts dieser idyllischen Insel wird gebaut, moderne Architektur aus teuren Materialien - Quartiere für Betuchte. "Aber", sagt Manfred Fuchs zuversichtlich, "wir behaupten uns hier." Die Anwohner mögen den Milchhof, schauen gerne mal vorbei und kaufen gelegentlich auch etwas.

Kunst im Gewächshaus vor dem Milchhof Foto: Silke Bartlick (DW)

Kunst im Gewächshaus vor dem "Milchhof"

Fuchs ist seit 1992 Künstler in der Ateliergemeinschaft Milchhof, einem eingetragenen Verein. Er hat den Anfang miterlebt, die Besetzung und Instandhaltung eines alten Meiereigeländes, die Vereinsgründung, den Mietvertrag und schließlich der Umzug in eine ehemalige Schule ein paar Straßen weiter. Dort im Erdgeschoss, hinter hohen Fenstern, befindet sich auch das Atelier der Bildhauerin Anne Katrin Stork. Im Haus, erzählt sie, arbeiten 48 Vollmitglieder. Aber es gäbe auch diverse Untermieter. Und unter ihrem Atelier proben Bands. Eines sei sehr praktisch: "Wenn ich Material brauche oder jemanden zum Heben, was bei Bildhauern ja häufiger der Fall ist, dann klopfe ich bei meinen Nachbarn."

Aus aller Welt

Meistens arbeiten die Künstler - jeder für sich - konzentriert hinter verschlossenen Türen. Aber die Kaffeepause, sagt Anne Katrin Stork, die teilt man gerne mal mit anderen. Mit Nachbarn, die zeichnen, fotografieren oder drucken, Videos produzieren, malen oder riesige Plastiken und Skulpturen anfertigen.

Die Künstler kommen keineswegs nur aus Deutschland, sondern stammen auch aus Südamerika, Australien, Russland oder Polen. Maruska, eine Italienerin, ist Kunstmalerin und vor ein paar Jahren der Liebe wegen nach Berlin gekommen. So wie sie schwärmen viele Künstler von der Stadt, ihrer kreativen Atmosphäre und all den Inspirationen, die man hier erfahren kann. Und davon, dass das Leben in Berlin im Gegensatz zu dem in Madrid, Rom, London oder New York bezahlbar ist. Weshalb es immer mehr junge Kreative aus aller Welt hierher zieht.

Das Atelier von Sabine Bibow Foto: Silke Bartlick (DW)

Das Atelier von Sabine Bibow

Vielleicht ist das ein Sogeffekt, meint Anne Katrin Stork. "Ich merke das immer, wenn andere Künstler ganz frisch hier hin kommen, dass sie immer noch begeistert sind von den Bedingungen."

Wie viele Künstler in Berlin leben und arbeiten, weiß niemand genau. Ateliers gibt es jedenfalls ziemlich viele, zumeist in leer stehenden Fabrikgebäuden und ehemaligen Gewerbehöfen. Besonders beliebt sind Standorte in Kreuzberg, Friedrichshain und Prenzlauer Berg. Aber den Reiz dieser quirligen, zentral gelegen Stadtteile haben längst auch Investoren aus dem In- und Ausland erkannt. Die Preise für Wohn- und Gewerberäume sind rasant gestiegen, zum Leidwesen der Kreativen.

Verdrängung und steigende Mieten

Im Milchhof kosten die Ateliers weiterhin unter 200 Euro, Strom und Heizung inklusive. Und die Künstler haben das Haus langfristig gemietet. Fluktuation, sagt Manfred Fuchs, gäbe es hier kaum. Leute, die jetzt ein Atelier suchen, müssen zunehmend in Randbezirke ausweichen - nach Pankow beispielsweise oder nach Weissensee.

Sabine Bibow, eine Künstlerin mit Schwerpunkt Betonplastiken, ist vor fünf Jahren aus Hamburg weggegangen, weil Ateliers dort unbezahlbar geworden sind. Seitdem arbeitet sie im sogenannten "European Creative Center Weissensee", kurz ECC.

Hof des European Creative Center in Berlin-Weissensee Foto: Silke Bartlick (DW)

Hof des European Creative Center in Berlin-Weissensee

Dieser neue Kreativstandort macht bislang allerdings weniger her als der Name verspricht. Die Gegend ist unwirtlich, von Verfall geprägt. Das langgestreckte Gebäude aus dem Jahre 1939 wirkt nicht einladend. Kommandantur der Sowjetunion war es einmal, Sitz der DDR-Staatssicherheit und Finanzamt. Dann stand es zehn Jahre leer. Heute arbeiten hier mehr als 300 internationale Künstler und Künstlerinnen. "Ich brauch einen nutzbaren Raum und dafür zahle ich Miete. Wo der nun genau ist und was da einmal war, das ist für mich nicht entscheidend", sagt Sabine Bibow.

Ja, das ECC sei ein bisschen abgelegen, räumt Dario Puggioni ein. Aber das sei kein Problem. Hauptsache, er könne arbeiten. Und der Preis für das Atelier stimmt einigermaßen. Viel Geld verdient der junge italienische Maler mit seinen Bildern bislang nämlich nicht. Deshalb jobbt er nebenbei, wie viele in Berlin lebende Kreative. Ein Glück, dass der Markt für Nebentätigkeiten weniger angespannt als der für bezahlbare Ateliers.

Autorin: Silke Bartlick

Redaktion: Arnd Riekmann

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