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Asien

Künstler im Visier der Extremisten

Wird Afghanistan nach dem Truppenabzug eine kulturelle Wüste, aus der Kino und Musik verbannt sind? Schon jetzt greifen Extremisten immer häufiger Schauspielerinnen an. Eine Künstlerin musste bereits sterben.

Es ist schon dunkel, als Sonia sich auf den Weg nach Hause macht. Noch in Gedanken bei dem Kunst-Festival in Kabul, wo die junge Schauspielerin am Montag (15.10.2012) einen ausgelassenen Abend verbracht hat, geht sie zu ihrem Auto. Da passiert das Schreckliche: Ein Mann schleudert ihr im Vorbeirennen ein Pulver ins Gesicht. Sonia sieht nichts mehr, sie spürt einen kaum erträglichen Schmerz, schreiend hält sie sich die Augen zu.

Sonia Sarwari, afghanische Schauspielerin aus Kabul (Foto: Afghan Eyes)

Sonia Sarwari vor dem auf sie verübten Attentat

Das Motiv des unbekannten Täters ist klar: Sonia Sarwari sollte für ihre angeblich "unislamische" Arbeit als Schauspielerin im Kino und Fernsehen bestraft werden. Frauen, die sich in die Öffentlichkeit wagen, werden von vielen Mullahs in Afghanistan als "unehrenhaft" diffamiert. Die 19-jährige geht zum Arzt, der stellt zum Glück "nur" eine Verletzung ihrer Bindehaut fest. Jetzt ist ihr Auge verbunden, sie trägt eine schwarze Brille. Ganz überraschend kam der Angriff nicht, wie Sonia berichtet: "Ich bekomme eigentlich jeden Tag Drohungen am Telefon, dass man mich erschießen will oder auf andere Weise töten, aber das hier hat mich wirklich tief verletzt."

Auf sich allein gestellt

Es ist nicht das erste Mal innerhalb von nur wenigen Monaten, dass eine junge Schauspielerin in Afghanistan attackiert wird. Ende August starb die 18-jährige Benafsha vor einer Kabuler Mosche an ihren Stichwunden. Sie war mit zwei Kolleginnen unterwegs, als sie von einer Gruppe Männer angegriffen wurden. Benafshas Berufskollegin und Freundin Sahar Parniyan bekommt seit dem schrecklichen Ereignis ebenfalls Todesdrohungen und lebt versteckt. Gegenüber DW.DE berichtet sie, sie habe den Polizeichef von Kabul angerufen und um Hilfe gebeten. Zu ihrer Familie könne sie nicht, weil sie auch Angst um sie habe. "Aber er hat sich nicht darum gekümmert und gesagt, es sei nicht seine Angelegenheit. Wenn sogar die Polizei nicht bereit ist, uns zu schützen, was soll ich dann noch in diesem Land", fragt sich Sahar Parniyan verbittert.

Porträt von Sahar Parniyan, Schauspielerin aus Afghanistan (Foto:privat)

Auch die Schauspielerin Sahar Parniyan erhält Todesdrohungen von den Extremisten

Noch bis in die 90er Jahre besaß Afghanistan eine lebendige Kinokultur und Musikszene. Gedichte und Literatur gehören zum Alltag, selbst bei Afghanen, die nicht lesen und schreiben können. Heute gelten Kinos als Treffpunkt für Drogenabhängige und bleiben leer, Schriftsteller üben Selbstzensur, Verlagshäuser gibt es keine. Die Kriegsjahre hätten Afghanistan kulturell verdorren lassen, sagt der Dichter Kawa Gibran. Er befürchtet, dass sich nach dem Abzug der internationalen Truppen im Jahr 2014 die Lage für Künstler weiter verschlechtern wird. "Es deutet alles darauf hin, dass es für uns schlecht aussieht. Die internationale Gemeinschaft hat den Krieg verloren. Die Taliban erstarken. Man sieht es an der derzeitigen Machtverteilung in der Regierung. Die Verfassung wird je nach Belieben ausgelegt", sagt Gibran.

Künstler von der Regierung enttäuscht

Nachdem unter den Taliban Musik und Fernsehen gänzlich verboten waren, habe es nach ihrem Sturz einen kulturellen Aufschwung gegeben, Filme wurden produziert und neue Lieder im Radio gespielt. Mit der schleichenden Rückeroberung der Macht durch die Extremisten seien jedoch auch die Restriktionen zurückgekehrt.

Musiker und Jugendliche protestieren gegen kunstfeindliche Fundamentalisten in Herat (Foto: DW)

Musiker und Jugendliche protestieren gegen kunstfeindliche Fundamentalisten in Herat

Viele Künstler und Intellektuelle haben das Land bereits verlassen, andere werden ihnen notgedrungen folgen. So auch der bekannte afghanische Musiker Ustad Gulzaman. Er beklagt, dass trotz der vielen Milliarden, die in den vergangenen Jahren ins Land geflossen seien, die intellektuelle und künstlerische Elite nicht unterstützt werde. "Ich liebe meine Heimat und meine Kunst, aber diese Regierung schert sich nicht um uns. Ich bin gezwungen zu fliehen, damit meine Kinder etwas zu essen haben", so das resignierte Fazit des Musikers.

Sonia Sarwari will derweil nicht aufgeben. "Ich bin eine Afghanin, ich stelle mich meinen Feinden", sagt sie trotzig. "Die werden mich nicht vom Schauspielen und vom Kino abhalten. Ich werde weiter meinen Weg gehen."