1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Fokus Südosteuropa

"Künstler haben Verantwortung"

Ivan Fischer ist Gründer und Musikdirektor des Budapest Festival Orchestra und Chefdirigent beim National Symphony Orchestra in Washington. Zoran Arbutina sprach mit ihm über die Lage der Kulturschaffenden in Ungarn.

Ivan Fischer (r) in Bonn (mit Robert Schwartz und Paul Lendvai) (Foto: Arbutina/DW)

Ivan Fischer (r) in Bonn (mit Robert Schwartz und Paul Lendvai)

DW: Was heißt heute ein Kulturschaffender oder ein Künstler in Ungarn zu sein?

Ivan Fischer: Ich glaube, Ungarn hat gute Künstler. Es hat immer eine ziemlich gute Qualität herausgebracht: sehr gute Musiker, gute Komponisten, phantastische Maler und Architekten. Theater ist wunderbar in Ungarn. Im Allgemeinen hat die Kultur, hat die Kunst ein hohes Niveau. Wie das jetzt diese verschiedenen politischen Wellen und Turbulenzen überlebt, das ist die Frage. Ich glaube, es wird schon überleben. Die Kunst in Ungarn ist so stark, dass man vieles überlebt.

DW: Manchmal kann eine schwierige politische und gesellschaftliche Lage die Künstler beflügeln, kann sie inspirieren oder als Ansporn dienen. Ist das heute in Ungarn sichtbar?

Ivan Fischer: Ich glaube nicht, dass es Künstler gibt, die sich freuen würden, weil es so schwierig läuft, gesellschaftlich, oder die davon irgendwelche Inspirationen bekommen würden – das würde ich nicht sagen. Ich glaube schon, dass die Kunst gefährdet ist, vor allem, weil vieles von Subventionen abhängig ist und die Subvention ist in den Händen der Politiker oder Machthaber. Und hier muss man ziemlich genau die Grenzen ziehen. Ich glaube, ein Künstler muss und soll kritisch bleiben, weil ein Künstler die Wahrheit vertreten soll. Und ein Künstler darf nie opportunistisch werden, denn dann hat er seine Glaubwürdigkeit verloren. Also der Künstler muss kritisieren, das ist seine Hauptaufgabe, und der Politiker muss Kritik ertragen können. Politiker, die Kritik ertragen, sind die guten Politiker, weil sie auch manchmal Zweifel zugeben, weil sie nicht so fanatisch glauben, dass alles richtig ist, was sie machen. Und Politiker, die Kritik nicht ertragen können, sind die gefährlichen, weil sie so voll sind von ihren eigenen Ideen, dass sie lieber die Kritik zum Verstummen bringen möchten. Also ich glaube, man muss diese Spielregeln beibehalten: Kunst kritisiert – Politiker müssen das ertragen.

Paul Lendvai aus Österreicht und Dirigent Ivan Fischer aus Ungarn (Foto: Arbutina/DW)

Paul Lendvai (Publizist) und Ivan Fischer (Podiumsdiskussion in Bonn)

DW: Was bedeutet das für sie und für ihre Arbeit, insbesondere auch als Musikdirektor des Budapest Festival Orchestra?

Ivan Fischer: Wir arbeiten für die ungarische Kultur, wir spielen viele, viele Konzerte überall in der Welt und das ist ein Dienst für die ungarische Kultur. Wir glauben, wenn dieses Orchester subventioniert wird, dann ist das im Interesse des Volkes, des ganzen Landes und das kann man rechtfertigen. Wenn man diese Subvention davon abhängig machen würde, ob wir die eben aktuelle Regierung oder politischen Ideen kritisieren, wäre das eine absolut schlimme Vermischung von zwei Sachen, die nicht vermischt werden dürfen. Subvention ist für eine Dienstleistung und Kritik muss man ertragen! Die zwei Sachen haben nichts miteinander zu tun.

DW: Sie sind nicht nur in Ungarn sondern auch international sehr bekannt. Schützt Sie diese Bekanntheit vor den Angriffen in Ungarn?

Ivan Fischer: Das mag sein, dass kann ich schwer beurteilen. Ich habe Freunde in Ungarn, die sich ganz frei fühlen und frei sprechen und wenig internationale Bekanntheit haben. Es gibt auch Leute, die sehr bekannt sind, die Opportunisten sind und immer das sagen, wovon sie hoffen, dass die Machthaber das genießen. Vielleicht ist das eine kleine Verantwortlichkeit – so würde ich es nennen, nicht Schutz. Denn es ist so, dass Künstler in wichtigen Momenten eine Verantwortlichkeit haben, weil die Leute zuhören. Und ich finde z. B. hochwichtig, was Thomas Mann über die Nazis gesagt hat, was Furtwängler gesagt oder nicht gesagt hat, was Karajan gesagt oder nicht gesagt hat – das sind hochwichtige Dinge, weil die Leute zuhören. Wenn ein Künstler sehr bekannt ist, hat er eine große Verantwortung, die Wahrheit zu verteidigen und offen zu sagen.

Ivan Fischer (Foto: Arbutina/DW)

Ivan Fischer

DW: Welche Musik wird heute in Ungarn überwiegend subventioniert und dann auch gespielt – eher die klassischen Werke oder auch moderne Werke der Gegenwartskomponisten?

Ivan Fischer: Das Interesse des Publikums ist sehr vielfältig und es hat viele Schichten. Es stimmt, es gibt konservative Leute, die nur alte vertraute Musik hören möchten, und dann gibt es immer die Neugierigen, die das Neue suchen. Ich glaube, das lebt nebeneinander und hat immer so verschiedene Wellen. Also z.B. jetzt, im 21. Jahrhundert sehe ich, dass eine Neugierde wächst: was bringt dieses Jahrhundert in der Musik? Das 20. Jahrhundert war problematisch. Es war gesellschaftlich problematisch, die Weltkriege, Diktaturen usw. , und das ging zusammen mit dieser ganzen Atonalität in der Musik, was man so schwer hört. Jetzt kommen neue Strömungen, und ich glaube, es ist nicht unmöglich, ich bin noch nicht ganz sicher, aber ich finde es gut möglich, dass das 20. Jahrhundert als ein Problem-Jahrhundert in die Geschichte eingehen wird. Und jetzt stehen wir da mit diesem noch ziemlich jungen Jahrhundert: was kommt jetzt?

DW: Roma und Sinti sind ein wichtiger Teil der ungarischen Geschichte und Identität, ungarische Musik ist von der Roma-Musik stark beeinflusst. Wird das auch heute in Ungarn so anerkannt, da die politische Stimmung im Land national orientiert ist? Oder sucht man nach möglichst „reinen“ ungarischen Wurzeln?

Ivan Fischer: Ich habe sehr viele Roma-Freunde, Musiker, die haben sehr viel zur europäischen Kultur beigetragen. Johannes Brahms und Franz Liszt waren große Verehrer der Zigeunermusik. Das sind Kulturschätze Europas, und die Roma-Bevölkerung finde ich im Allgemeinen eine sehr schöne Sache in Ungarn, das bereichert das Land. Und die Leute, die gegen die Roma, Sinti oder Zigeuner Emotionen entwickeln – das ist einfach so ein primitiver Nachbarn-Hass oder Neid oder manchmal so schlechte und primitive Gedanken. Die Leute verstehen nicht, wie viel die Zigeuner zu Europa beigetragen haben. Ich finde das sehr wichtig, zum Beispiel wie ein Geiger aus diesen wunderbaren Zigeunerfamilien spielt, wo man eine phantastische Musikertradition weitergegeben hat – das ist das Schönste, was man sich vorstellen kann und das hat Ungarn schöner gemacht und das hat auch Europa schöner gemacht.

Autor: Zoran Arbutina

Redaktion: Robert Schwartz