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Geschichte

Künstler blicken auf die Völkerschlacht

Die Stadt Leipzig beschäftigt sich derzeit auf vielfältige Weise mit der Völkerschlacht vor 200 Jahren. Gelegentlich geht man dabei zu harmlos zu Werke, finden einige Künstler. Sie setzen eigene Akzente.

Der Blick der Soldaten ist leer, sie wirken erschöpft. Kanonenkugeln liegen auf dem Boden, am Wegesrand der Planwagen einer Marketenderin. Leipzig, Oktober 2013. Die Völkerschlacht, dieses grausige Gemetzel vor den Toren der sächsischen Handelsstadt, jährt sich zum 200. Mal. Daran erinnert man nun auf unterschiedlichste Weise und an verschiedensten Örtlichkeiten im Stadtraum. Das umfangreiche Programm füllt ein fünfzigseitiges Heft, unübersehbar werben bunte Plakate für eine Begegnung mit der Geschichte. Dass diese Begegnung durchaus familientauglich konzipiert ist und nicht weh tun muss, suggeriert bereits das eingangs beschriebene harmlose Arrangement aus lebensgroßen Soldaten, Kanonenkugeln und Planwagen in den Promenaden des Leipziger Hauptbahnhofs.

Erinnerung. Kunst. Kontroversen

Monica Sheets ist eine amerikanische Künstlerin, die seit einigen Jahren in Leipzig lebt. Sie arbeitet zumeist im öffentlichen Raum, interessiert sich für Denkmäler und Geschichte. Das gewaltige Völkerschlachtdenkmal, das längst eines der Wahrzeichen Leipzigs ist und in diesen Jubiläumstagen seinen 100. Geburtstag feiert, fasziniert sie seit der ersten Begegnung. Ob es aus dem Roman "Herr der Ringe" gefallen sei, fragte sie sich anfangs. Sympathisch ist ihr der mächtige Steinkoloss nicht, auch wenn er in den letzten Jahren aufwändig restauriert und von seiner schmierigen schwarzen Dreckhülle befreit wurde. Aber das mächtige Gebäude, das rund 300.000 Tonnen wiegt und sich 91 Meter in die Höhe reckt, hat sie als Künstlerin interessiert. Warum sieht es so aus, wie es aussieht? Welche Verbindungen haben die Bauherren zur Völkerschlacht gehabt? Und was sagt uns dieses Denkmal heute?

Völkerschlachtdenkmal in Leipzig (Foto: Jan Woitas/dpa)

Völkerschlachtdenkmal in Leipzig

Monica Sheets hat mit unterschiedlichsten Menschen zwischen Mitte 20 und 80 Jahren Interviews geführt. Sie hat gefragt, was es heute bedeutet, deutsch zu sein und was ihre Gesprächspartner mit den Begriffen Opferbereitschaft, Tapferkeit, Volkskraft und Glaubensstärke verbinden. Mit eben jenen Eigenschaften, die die rund neuneinhalb Meter hohen steinernen Figuren in der sogenannten Ruhmeshalle im Völkerschlachtdenkmal verkörpern. Die Antworten ihrer Gesprächspartner hat sie zu einem Skript verdichtet, zu einem Gespräch von vier Figuren, das in diesen Tagen als Audioschleife in der Ruhmeshalle eingespielt wird. Über den Zeitgeist debattieren diese vier Stimmen, über nationale Tugenden, überkommene Werte, über Schuld, Verantwortung, Nationalstolz, Selbstzweifel, Angst und Mitleid. Und darüber, dass sie - diese Figuren des Völkerschlachtdenkmals - ohnmächtig miterleben müssen, wie andere sie deuten.

Intervention als Programm

Anfang des Jahres hatte Monica Sheets eine Ausschreibung des Vereins engagierte Wissenschaft und des Leipziger Kreises gelesen. Die beiden Gruppen, die sich aus engagierten Künstlern und Wissenschaftlern zusammensetzen, reiben sich an dem offiziellen "Gedenkhuchhei", wie ihr Kurator Stefan Kausch das nennt. Und sie hätten verwundert zur Kenntnis genommen, dass es "so einfach geht, ein Kriegerdenkmal in ein Friedensdenkmal umzudeuten". Was das Stadtmarketing tatsächlich tut. Deshalb hat das Aktionsbündnis Künstler und Künstlerinnen aufgerufen, konstruktive und kontroverse Positionen zum Thema zu erarbeiten und einer breiten Öffentlichkeit zur Diskussion zu stellen. Beworben haben sich rund 20, acht wurden ausgewählt. Zu ihnen gehört Monica Sheets.

Panometer Leipzig Leipzig 1813- In den Wirren der Völkerschlacht (Foto: Tom Schulze)

Die Ausschtsplattform zu Yadegar Asisis Panorama

Das Völkerschlachtdenkmal ist für Stefan Kausch nur schwer erträglich. Es solle der Opfer gedenken und verkläre in Wirklichkeit den Krieg. Die Arbeiten der von ihm kuratierten Künstler hingegen - so sein Wunsch - sollen die Menschen in Leipzig tatsächlich zum Nachdenken anregen. Über unsere Gedenkkultur und über die Vermittlung von Geschichte, die in Leipzig aktuell in vielbeachteten, aber durchaus kontrovers diskutierten Formen praktiziert wird.

Bereits seit Anfang August zeigt der Berliner Künstler Yadegar Asisi in einem ehemaligen Gasometer ein gewaltiges Rundbild, das die gedrängt vollen Straßen Leipzigs am Tag nach der Völkerschlacht zeigt. Mit Verwundeten und Sterbenden, mit Planwagen, flüchtenden Soldaten, brennenden Häusern und Rauchsäulen am Horizont. Hier stehen die Opfer der Völkerschlacht im Vordergrund, das begrüßt Stefan Kausch. Zugleich wird in dem Gasometer aber dramatische Musik gespielt, Kanonendonner und wiehernde Pferde sind zu hören. Mit diesem Eventcharakter kann Kausch widerum wenig anfangen. Der ist bei einer der zentralen Veranstaltungen dieses Jubiläumsreigens allerdings noch deutlich ausgeprägter.

Fragwürdige Geschichtsvermittlung

Am 20. Oktober werden vor den Toren Leipzigs rund 6000 Teilnehmer mit 300 Pferden und 100 Kanonen ausgewählte Szenen der Völkerschlacht möglichst originalgetreu nachstellen. Das hat Tradition, fällt anlässlich des Jubiläums der Schlacht nur größer als üblich aus und wird medial aufwändig begleitet. Die Veranstalter halten dieses sogenannte Reenactment für die beste, wenn nicht einzig mögliche Form der Geschichtsvermittlung. Zahllose Kritiker bestreiten eben das.

Plakat, auf dem für die nachgestelle Völkerschlacht geworben wird (Foto: DW, Silke Bartlick)

Werbung für die große Schlacht.

Sven Bergelt ist einer der Künstler um Stefan Kausch. Er hat 53 Leserkommentare, die im letzten Jahr nach einem Artikel über diese nachgestellte Schlacht bei der Leipziger Volkszeitung eingingen, zu einer Schlacht mit Worten verdichtet. In der Kalthalle des Fotomuseums, nahe des Austragungsortes des diesjährigen Spektakels, hat er Wolldecken auf dem Boden ausgebreitet. Was sowohl eine Lagersituation andeutet wie auch eine jener Picknickwiesen, auf denen es sich die Zuschauer des Reenactments wohl gehen lassen werden.

Zwischen den Decken stehen Lautsprecher, einzeln, in Gruppen, einer für jeden Sprecher. Was die zu Gehör bringen, ist bemerkenswert. Denn sie diskutieren in kluger Weise nicht nur das Reenactment als Form der Geschichtsdarstellung, sondern auch die Völkerschlacht selbst, die Funktion von Kriegen und unterschiedliche Methoden der Friedenserziehung. Sven Bergelt hofft nun, dass möglichst viele Teilnehmer und Besucher des Reenactments den Weg in die Kalthalle des Fotomuseums finden. Und dass ihnen dann vielleicht bewusst wird, was sie nicht gesehen haben: das unvorstellbare Leid, das die Völkerschlacht mit sich gebracht hat.

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