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Kultur

Künstler, auf die Straße!

Bislang war sie verhalten, die Stimme der Künstler gegen die Pegida-Bewegung. Doch inzwischen positionieren sich immer mehr Kulturschaffende gegen Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit.

Schwarzer Anzug, weißes Hemd und schwarze Fliege - Für seinen Auftritt auf der Straße hatte sich der Düsseldorfer Cellist Thomas Beckmann fein gemacht wie für einen Konzertauftritt. "Mit meiner Musik wollte ich ein Zeichen setzen gegen Intoleranz und Hass", sagt er. Mitten unter den Demonstranten der Pegida-Bewegung, den sogenannten "Düsseldorfern gegen die Islamisierung des Abendlandes", saß Beckmann und spielte tapfer Bach, während die Protestanten versuchten, ihn mit dem Deutschlandlied niederzubrüllen .

Der Düsseldorfer Cellist Thomas Beckmann steht vor einem Werbeplakat für sein Konzert (Copyright: Beckmann)

Mit dem Cello gegen Fremdenhass: Musiker Thomas Beckmann

"Mit bangem Herzen habe ich mich in die Höhle des Löwen gewagt", erzählt er. "Doch gerade wir Künstler sollten uns nach den Terroranschlägen von Paris für Toleranz und unsere freiheitliche Grundordnung positionieren und den Islamgegnern nicht das Feld überlassen." Ausländerfeindlichkeit, so fügt er noch hinzu, sei "erbärmlich". Schon lange engagiert sich der Star-Cellist mit seiner Initiative

"Gemeinsam gegen Kälte"

für Obdachlose. Nun geht er gegen Fremdenfeindlichkeit auf die Straße.

Schockstarre der Dresdner Kulturszene

Immer mehr Musiker, Künstler und Schriftsteller marschieren inzwischen auf den Demonstrationen gegen die Pegida-Proteste mit. Sie spielen ihre Instrumente, halten Reden oder beteiligen sich an Aktionen für Humanität, Respekt und Vielfalt. Ende vergangenen Jahres sah das noch anders aus.

Michael Bittner

, Buchautor und Kolumnist der in Dresden erscheinenden "Sächsischen Zeitung", gehört zu den wenigen Kulturschaffenden, die sich schon seit Beginn der Pegida-Bewegung in Dresden kritisch dazu äußern.

Buchautor Michael Bittner setzt sich in einem Blog kritisch mit Pegida auseinander (Copyright: Bittner)

Buchautor Michael Bittner setzt sich in einem Blog kritisch mit Pegida auseinander

"Dresden ist in der Frage, wie man mit der Pegida-Bewegung umgehen soll, gespalten", meint er. "Und das betrifft auch die Kulturschaffenden." Viele Posten in der Dresdner Kulturszene seien mit konservativen Künstlern besetzt, die die Ängste der Pegida-Demonstranten vor einer starken Islamisierung zumindest verstehen könnten. Andere hätten Angst, mit eindeutigen Stellungnahmen ihre Fans zu verprellen - so wie Schlagersänger Roland Kaiser auf dem letzten Montagsmarsch. Er hatte sich auf der von der CDU organisierten Kundgebung vor 35.000 Dresdnern gegen die Anti-Islam-Bewegung ausgesprochen und war dafür von zahlreichen Pegida-Anhängern und Fans ausgebuht worden.

"Pegida hat uns kalt erwischt", gibt der ostdeutsche Opernsänger und Schauspieler Gunther Emmerlich selbstkritisch zu. "Wir haben nicht damit gerechnet, dass solche Proteste einen derartigen Zulauf haben." In den Medien rief er alle ostdeutschen Künstler auf, sich an den Kundgebungen gegen die Pegida-Bewegung zu beteiligen. Auch Schriftsteller Ingo Schulze meldete sich in dieser Woche öffentlich zu Wort, um von seinem ersten Besuch einer Pegida-Demonstration in Dresden zu berichten. "Ich wollte es mit eigenen Augen sehen, weil man dann ja doch etwas besser differenzen kann", sagte er im Deutschlandradio. "Im Prinzip weiß ich gar nicht, worum es denen geht."

Künstler als Individualisten

Protestforscher Dieter Rucht vermisst gemeinsame Aktionen von Künstlern (Foto: Kai Horstmann)

Protestforscher Dieter Rucht vermisst gemeinsame Aktionen von Künstlern

Vermutlich mag auch das ein Grund für die bisherige Zurückhaltung der Künstler sein. Der Berliner Protestforscher und Soziologe

Dieter Rucht

spricht von einem "diffusen Hintergrund" der Demonstranten. Es gehe nur vordergründig um die Angst vor einer Islamisierung, betont Rucht im Gespräch mit der Deutschen Welle. Die stärkere Triebkraft für die Pegida-Anhänger seien Abstiegsängste, die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, steigenden Mieten, sinkenden Renten. Große Teile der Demonstranten hätten kein Vertrauen mehr in die etablierte Politik.

"Viele Kulturschaffende haben gedacht, Pegida sei nur eine Eintagsfliege", beobachtet der Soziologe. Zwar gebe es mittlerweile immer mehr Künstler und auch Kulturinstitutionen, die sich an Aktionen gegen die Bewegung beteiligten, er vermisse allerdings Stellungnahmen der großen Kulturverbände. Ein Blick in die deutschen Protestbewegungen der Vergangenheit zeigt laut Rucht aber, dass sich Künstler eher selten in größeren Initiativen zusammenschließen. "Sie sind erstmal Individualisten."

Etablierte Musikerinitiative gegen Fremdenhass in Köln

Die Kölner Musikband De Höhner spielt schon lange gegen rechts (Foto:dpa)

Engagement gegen Ausländerfeindlichkeit ist Ehrensache: Die Kölner Musikband "De Höhner"

Ausnahmen gibt es inzwischen. Etwa in Düsseldorf, wo sich zwanzig Kulturinstitute und Vereine zum sogenannten "Düsseldorfer Appell" zusammengeschlossen haben. In Köln engagiert sich die Musiker-Initiative

"Arsch Huh"

(Arsch hoch) gegen Fremdenhass . "Wir sind die langlebigste Musikerinitiative", erklärt Sprecher Hermann Rheindorf stolz. Schon seit dem Brandanschlag auf türkische Familien in Mölln 1992 organisieren die Musiker, zu denen auch die bekannten Bands BAP und die "Höhner" gehören, Protestmärsche und Demonstrationen. Jetzt auch wieder.

"Ich finde, es ist eine Aufgabe der Künstler, sich mit gesellschaftlichen Strömungen auseinanderzusetzen und Position zu beziehen", meint Filmemacher Rheindorf. Köln, so betont er, sei allerdings auch eine besondere Stadt. "Wir haben hier seit Jahrzehnten ein gewachsenes Netzwerk von Menschen unterschiedlicher Nationen und Kulturen, die sich für ein friedliches Zusammenleben einsetzen."

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