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Kultur

Künstler als Vorreiter der Globalisierung

Transformation beschreibt in der Wissenschaft, in Politik und Kunst Umwandlungen der unterschiedlichsten Art. Dabei eine Identität zu bewahren, ist schwierig. Künstler gelten als Pioniere.

Wie bei einer Schmetterlingsraupe weiß man bei einer Umwandlung vorher oft nicht, was noch daraus wird

Wie bei einer Schmetterlingsraupe weiß man bei einer Umwandlung vorher oft nicht, was noch daraus wird

Gerd Meyer ist Professor am Institut für Politikwissenschaft an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Sein Arbeitsbereich umfasst Mittel- und Osteuropa, politische Kulturen und politische Psychologie.

DW-WORLD.DE: Sie haben als Politologe den Transformationsprozess in den Ländern Osteuropas untersucht, und dabei insbesondere die subjektive und kollektive Identitätssuche beleuchtet. Sie sprechen von Geduld, die nötig ist bei der Umformung einer autoritär geprägten in eine demokratische politische Kultur. Was ist so schwierig, dass es so viel Geduld bedarf?

Prof. Gerd Meyer, Politologe in Tübingen

Prof. Gerd Meyer, Politologe in Tübingen

Prof. Gerd Meyer: Die ererbten und mehr oder weniger verfestigen Mentalitäten, also die Wertorientierungen und Einstellungen, Denk- und Verhaltensmuster vor allem jener Generationen, die in der sozialistischen Zeit aufgewachsen sind, sind nicht kurzfristig veränderbar. Sie halten sich sehr viel hartnäckiger als Institutionen, Eliten oder wirtschaftliche Mechanismen, weil sie verinnerlicht wurden, selbstverständlich erschienen, oft auch nur wenig bewusst. "Old habits die hard" sagt man in England, alte Gewohnheiten sterben langsam. Dazu gehören insbesondere auch die Erwartungen an einen alles umfassenden Fürsorgestaat, fehlende Erfahrungen mit Demokratie, Pluralismus und weltoffener Toleranz.

In Russland haben derzeit die Nicht-Regierungsorganisationen (NGO) damit zu kämpfen, ihre Arbeit weiter machen zu können. Ist das ein Beispiel dafür, wo der Westen mehr Verständnis aufbringen sollte?

Nein, weil nicht zu sehen ist, in welcher Weise russische NGOs, selbst wenn sie stark aus dem Westen finanziert werden, die russische politische oder gesellschaftliche Ordnung in nicht-demokratische, illegaler oder illegitimer Weise gefährden könnten. Das Gegenteil ist der Fall: Gerade weil etliche NGOs für mehr Demokratie und Menschenrechte eintreten, sind sie dem zunehmend autoritärer werdenden Regime Wladimir Putins suspekt, unbequem als Kritiker und Träger einer politisch nicht aus dem Kreml zu steuernden Zivilgesellschaft, die immer schwächer wird. Putins Reden von der Stärkung der Zivilgesellschaft hat keine Entsprechung in der politischen Realität und bezieht sich nur auf regimetreue Vereinigungen. Stattdessen findet eine stille Kanalisierung und Disziplinierung aller kritisch-demokratischen Kräfte statt.

Im Kunstforum Ostdeutsche Galerie in Regensburg sind derzeit Arbeiten zeitgenössischer osteuropäischer Künstler ausgestellt, die als "Grenzgänger" bezeichnet werden. Sind die Werke dort politische Kunst?

Die Antwort hängt zunächst davon ab, was man unter politisch versteht. Ohne längere Begriffsdiskussion: nur relativ wenige Werke sind im engeren Sinne auf Themen bezogen, die als öffentliche Angelegenheiten auch politisch zu diskutieren und zu entscheiden wären. Sie zeigen jedoch in vieler Hinsicht, in welcher Weise gesellschaftlich-politische Veränderungen sich auf die Befindlichkeit von Individuen, auf ihre Gefühlslage und ihre Zukunftsvisionen auswirken. Und sie provozieren sicherlich auch dort Zuhause, wo Menschen bestimmte Sicht- und Darstellungsweisen nicht gewohnt sind und fordern damit zu Toleranz und Offenheit heraus.

Sie sprechen von einem negativen und von einem positiven Erbe des Sozialismus bei der Bewertung dieser Kunst. Was ist positiv und was kann der Westen von diesen Künstlern lernen?

Ich habe von positiven Momenten des sozialistischen Erbes nicht so sehr im Blick auf die hier gezeigten Kunstwerke gesprochen, sondern dies in einem allgemeinen Sinne gemeint. Ich habe hingewiesen auf bestimmte menschliche, humane Potentiale in diesen Gesellschaften, auf die positiven Erfahrungen mit menschlicher Kommunikation und praktischer Solidarität, von Nähe und Gleichheit, von Mut und Selbstbehauptung im Alltag, dann besonders in den friedlichen Revolutionen von 1989/90 von der Erfahrung der Macht der Ohnmächtigen und der Ohnmacht der Mächtigen. Sie sind ein großes humanes und kulturelles Potential, über das die alten liberalen Demokratien so nicht verfügen. Es sind gewiss Erfahrungen mit einem vergangenen, gescheiterten System. Aber sie verleihen den Menschen dort auch eine spezifische Stärke und Gelassenheit, Geduld und Nüchternheit, die Chancen der neuen Ordnungen wahrzunehmen wie die Schwierigkeiten und Lasten der Transformation zu ertragen.

Wie lange werden die Transformationsprozesse in Osteuropa Ihrer Meinung nach noch dauern?

Die Frage kann man nur im Blick auf bestimmte Teilprozesse und Länder beantworten, und dann muss man sehr differenzieren, insbesondere je nach dem, ob ein Land der EU angehört oder demnächst angehören wird oder nicht. Wenn ich mich auf die Dimension einer demokratischen politischen Kultur beschränke, dann sind dafür - günstige Bedingungen und anhaltende Bestrebungen der Machteliten vorausgesetzt - mindestens zwei Generationen zu veranschlagen. Das zeigen die Erfahrungen in fast allen post-autoritären Gesellschaften, einschließlich Westdeutschland nach 1945 bzw. 1949 und in Ostdeutschland nach 1989. Politische und wirtschaftliche Konsolidierungsprozesse sind sicher in kürzerer Frist möglich, insbesondere im Rahmen der EU.

In der Ausstellung heißt es, der Typus des Grenzgängers sei in der globalisierten Welt eine überlebenswichtige Existenzform geworden. Wird sich also auch unsere Vorstellung von Identität in dieser nahen Zukunft ändern? Und sind Künstler die Pioniere der Globalisierung?

Unsere Vorstellungen von "gelingender Identitätsbildung" müssen sich im Blick auf die Lebensbedingungen in den hoch entwickelten, "postmodernen" Gesellschaften mit liberal-kapitalistischen und global vernetzten Wirtschaftssystemen sicherlich verändern. Einerseits gibt es weiterhin das Bedürfnis, vielleicht auch die subjektive Notwendigkeit, sich mit etwas Positivem in seinem Leben, in dem was man erreicht, was in einer Gesellschaft als Wert angesehen wird zu identifizieren. Diese Suche nach festem Halt und Geborgenheit ist legitim. Andererseits ist es fraglich, ob es heute im Blick auf die Gegebenheiten der Postmoderne überhaupt noch stabile Identitäten geben kann, ganz grundsätzlich als Konstruktionsprinzip für Person, Gruppen, Gesellschaften, Nationen. Und noch radikaler ist zu fragen: In welcher Hinsicht brauchen wir sie noch? Sind sie nicht sogar gefährlich als Festschreibungen, Ausgrenzungen, die womöglich neuen Überheblichkeiten und Diskriminierungen Vorschub leisten? Sind sie nicht wesentlich vor allem das, was jeweils im Hier und Jetzt gelebt, erlebt, erschaffen und kommuniziert wird? Identität ist dann zu verstehen, zu realisieren als Geschehen, als Tun im Jetzt, als Präsenz dessen, worauf es ankommt. Und Identitätsbildung wäre dann ein offener, nie abgeschlossener Prozess, als stete Behauptung und Infragestellung des Überkommenen und Wünschenswerten. In diesem Prozess sind Künstler durchaus Pioniere der Globalisierung - zumal in Gesellschaften, die noch nicht als postmodern gelten können. Und das trifft auf die Gesellschaften in Ost(mittel)europa zu, vielleicht mit Ausnahme einiger Tendenzen in den Metropolen und für einige kleinere soziale Elite-Gruppen. Doch muss man jeweils genauer definieren und kritisch reflektieren, was die Inhalte der Globalisierung sind und wie sie jeweils bewertet werden, innerhalb und außerhalb bestimmter Gruppen und Gesellschaften.

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