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Bücher

Kühnes Denken eint die Titel auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2017

Welcher deutschsprachige Text wird in diesem Jahr zum Roman des Jahres gekürt? Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat die Shortlist veröffentlicht. Sechs Titel, die nach Identitäten und Zugehörigkeiten fragen.

Seit 2005 wird alljährlich im September schon die Vorauswahl der sechs in Betracht kommenden Titel mit großer Spannung erwartet. Jetzt ist es so weit, der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat die Shortlist veröffentlicht. Eines dieser Bücher wird sich dann ab dem 9. Oktober, wenn am Vorabend der Frankfurter Buchmesse die letzte Juryentscheidung des Jahrgangs 2017 bekanntgegeben wird, mit dem Etikett "Roman des Jahres" schmücken dürfen.

Literarische Qualität vor Ausgewogenheit

Vier der sechs Titel, für die sich die Jury in diesem Jahr entschieden hat, liegen taufrisch in den Auslagen der Buchhändler. Zwei Autorinnen, vier Autoren stehen auf der Liste, aber erstaunlicherweise nur drei Verlage. Suhrkamp kann sich freuen, der Berliner Großverlag ist mit drei Titeln vertreten, Hanser und sein österreichischen Tochter-Verlag mt zwei: Die Jury hat offensichtlich den Gedanken der in solchen Verfahren üblichen Ausgewogenheit zugunsten von literarischen Kriterien hintenangestellt. Die populären Favoriten Sven Regner mit "Wiener Straße" und Ingo Schulz mit "Peter Holtz" haben es nicht auf die Liste geschafft. Auch Feridun Zaimoglus Luther-Roman "Evangelio" blieb unberücksichtigt. 

Kühnes Denken, das sei es, was die Texte der Shortlist miteinander verbindet, befand die Jury. Allen gemeinsam sei das Bewusstsein, dass ernsthaftes literarisches Tun immer auch ein Brechen mit herrschenden Ordnungen im Sprechen, Denken und Fühlen bedeute. Die Frage, wer wir seien und wer wir sein wollten und was in diesem Zusammenhang Europa bedeute, sei eine thematische Klammer um die Texte. "Und es besteht nach der Lektüre kein Zweifel: die Idee Europa, sie steht immer, im Besonderen gegenwärtig, auf dem Spiel, und es ist an uns Zeitgenossen, verantwortlich, und das heißt auch kühn, zu handeln", sagte Katja Gasser als Sprecherin der Jury.

Dies sind die Romane, denen allein schon die Nominierung auf der Shortlist viel Aufmerksamkeit sichern wird:

Gerhard Falkner: Romeo oder Julia

Gerhard Falkner (66) ist einer der bedeutendsten deutschsprachigen Lyriker und Übersetzer. Im vergangenem Jahr erzielte er mit seinem ersten Roman "Apollokalypse" einen beachtlichen Erfolg und kam damit zwar auf die Longlist, nicht aber in die engere Auswahl für den Deutschen Buchpreis. Jetzt steht er mit seinen schnell nachgeschobenen Kurzroman sogar auf der Shortlist.

Im Badezimmer eines Hotels in Innsbruck kleben schwarze Haare in der Wanne, für die es keine Erklärung gibt, ein Schlüsselbund und - Katastrophe - die Notizbücher sind verschwunden. Der Protagonist Kurt Prinzhorn, dessen Namen Falkner-Leser schon aus dem ersten Roman kennen, kehrt hier als Schriftsteller zurück. Der machohafte Frauenheld wird von einer ehemaligen Geliebten gestalkt. Romeo und Julia als wütende Feinde, wer bringt wen zur Strecke? Falkners Roman ist voller literarischer und cineastischer Anspielungen und dank seiner mit Gags gespickten Dialoge sehr unterhaltsam.

Gerhard Falkner: "Romeo oder Julia", Berlin Verlag, Berlin September 2017, 272 Seiten

Franzobel: Das Floss der Medusa

Franzobel gehört in Österreich zu den populärsten, aber auch polarisierendsten Schriftstellern. In seinem Roman schildert Franz Stefan Griebl, der sich als Autor hinter dem Künstlernamen Franzobel verbirgt, die historische Katastrophe der 1816 gesunkenen Fregatte "Medusa". Das französische Schiff war vor der Küste Senegals gestrandet, und 147 Passagiere hatten versucht, sich auf einem abenteuerlich zusammengezimmerten Floß zu retten. Nur 15 von ihnen überlebten die 14-tägige Irrfahrt. Franzobel (50) hat aus dem die Regeln der Zivilisation brechenden Überlebenskampf einen bis zu Stephen King und Disney weit ausgreifenden Roman konstruiert. Was bedeutet Moral und was Zivilisation, wenn es um nichts anderes geht als ums bloße Überleben?

Franzobel: "Das Floss der Medusa. Roman nach einer wahren Begebenheit", Zsolnay-Verlag, Wien Januar 2017, 591 Seiten

Thomas Lehr: Schlafende Sonne

Thomas Lehrs 600-seitiger Roman ist der erste Teil einer Trilogie, die sich der "deutsche Thomas Pynchon" (so Richard Kämmerling in der "Welt") vorgenommen hat. Er spielt an einem Sommertag des Jahres 2011 - und zugleich in einem ganzen Jahrhundert. Lehrs Protagonist, der Dokumentarfilmer Rudolf Zacharias reist nach Berlin, um die Vernissage seiner früheren Studentin Milena Sonntag besuchen. In ihrer Ausstellung zieht Milena nicht nur eine künstlerische Lebensbilanz, sondern die ihrer Zeit.

Der Autor kombiniert Fiktives, Wissenschaftliches und Historisches mit großem sprachlichen Anspruch. Er schafft ein Zeitpanorama des 20. Jahrhunderts, von den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs über die DDR bis ins heutige Berlin und Israel. Lehrs Roman ist vieles: ein Liebesroman voller erotischer Szenen, ein Wenderoman, eine Sozialstudie, eine Reflexion über Physik, ein Buch voller geistesgeschichtlicher Anspielungen und Figuren, geschrieben in einer präzisen und gleichzeitig poetischen Sprache.

Thomas Lehr: "Schlafende Sonne", Carl Hanser Verlag, München August 2017, 640 Seiten

Robert Menasse: Die Hauptstadt

Robert Menasse hat einen europäischen Roman geschrieben. Die Hauptstadt, das ist natürlich Brüssel. Eine hohe Beamtin der Europäischen Kommission bekommt die unangenehme Aufgabe, vor einem Jubiläum das Image der Behörde wieder aufzupolieren. Fenia Xenopoulou fordert von ihrer Abteilung im Kulturressort Ideen ein. Ihr Referent Martin Susman greift zu einem bewährten Rezept: Die Geschichte soll die Gegenwart rechtfertigen. Der Holocaustüberlebende David de Vriend soll den europäischen Einigungsprozess als erfolgreiche Überwindung der Vergangenheit bezeugen. Er dämmert in einem Altenheim gegenüber dem Brüsseler Friedhof seinem Tod entgegen.

Als der Plan bekannt wird, läuft die Bürokratie an. Nationale Partikularinteressen kommen sich ins Gehege, Thinktanks laufen heiß - doch in der Hauptstadt läuft unterdessen ein Schwein durch die Straßen. Heuchler und Karrieristen sehen ihre Chance gekommen: Brüssel sucht einen Namen für das Schwein. Pointenreich spannt der engagierte Europäer Menasse einen weiten Bogen zwischen den Zeiten, den Nationen, und der Ironie des Schicksals, zwischen kleinlicher Bürokratie und großen Gefühlen.

Robert Menasse: "Die Hauptstadt", Suhrkamp Verlag, Berlin September 2017, 459 Seiten

Marion Poschmann: Die Kieferninseln

Gilbert Silvester, Privatdozent und mäßig erfolgreicher Geisteswissenschaftler, folgt einem irrationalen Impuls. Der Bartforscher hat geträumt, dass seine Frau ihn betrügt, eine Vorstellung, die für ihn zur Wahrheit wird. Er verlässt sie und steigt ins erstbeste Flugzeug. Zufälligerweise bringt es ihn nach Japan, ein Land, das ihn mit seinem ritualisierten Alltag eher abstößt als anzieht.

Dort folgt er in einer merkwürdigen Pilgergemeinschaft mit dem suizidalen japanischen Studenten Yosa Tamagotchi den Spuren eines Klassikers der japanischen Reiseliteratur und begegnet dabei sich selbst, findet heraus aus seiner inneren Verknotung. Marion Poschmann (47) hat für ihren Roman um zwei skurrile Figuren eine sehr zarte, lyrische Sprache gefunden. In seinen Motiven lässt er Bezüge zur deutschen Romantik erkennen. Die japanischen Haiku-Lyrik findet sich schon im Titel wieder.

Marion Poschmann: "Die Kieferninseln", Suhrkamp Verlag, Berlin September 2017, 162 Seiten

Sasha Marianna Salzmann: Außer sich

Die Dramaturgin Sasha Marianna Salzmann (32) ist die jüngste der Autorinnen und Autoren auf der Liste. Sie wurde 1985 in Wolgograd geboren und lebte bis zu ihrem zehnten Lebensjahr in Moskau. Heute ist sie Hausautorin des Maxim Gorki Theater Berlin. Ihr Debütroman, der die Geschichte einer jüdischen Familie erzählt, die Moskau aufgrund antisemitischer Anfeindungen in den neunziger Jahren Richtung Deutschland verlässt, hat viel mit ihren eigenen Erlebnissen zu tun.

Die Geschichte der Zwillinge Alissa und Anton ist eine von Verwandlungen und Aufbrüchen. Szenisch erzählt und mit starken Dialogen, ist es ein junger, hochspannender Roman um Fragen der Zugehörig jenseits von Vaterland, Muttersprache oder Geschlecht.

Sasha Marianna Salzmann: "Außer sich", Suhrkamp Verlag, Berlin September 2017, 366 Seiten

Harte Konkurrenz um den wichtigsten Preis der deutschsprachigen Romanliteratur

200 Titel konkurrierten in diesem Jahr um die Auszeichnung. Die Verlage können sich mit bis zu zwei deutschsprachigen Romanen aus ihrem aktuellen Programm um die Auszeichnung bewerben. Die eingereichten Bücher müssen zwischen Oktober 2016 und September 2017 erschienen und spätestens bei Bekanntgabe der Shortlist im Handel erhältlich sein. Erst am Abend der Preisverleihung erfahren die sechs Autorinnen und Autoren, an wen von ihnen der Deutsche Buchpreis geht. Der Preisträger oder die Preisträgerin kann sich über ein Preisgeld von 25.000 Euro freuen, die fünf Finalisten erhalten jeweils 2.500 Euro.

Jury Deutscher Buchpreis 2017 (Christina Weiß)

Die Jury des Deutschen Buchpreises 2017: Tobias Lehmkuhl, Maria Gazetti, Katja Gasser, Lothar Schröder, Silke Behl, Mara Delius, Christian Dunker (v.l.n.r.)

Zur Jury gehören in diesem Jahr: Silke Behl (Radio Bremen), Mara Delius (Die Welt), Christian Dunker (autorenbuchhandlung berlin), Katja Gasser (Österreichischer Rundfunk), Maria Gazzetti (Casa di Goethe, Rom), Tobias Lehmkuhl (freier Kritiker, Berlin) und Lothar Schröder (Rheinische Post).

Der Deutsche Buchpreis wird von der Stiftung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels vergeben. Förderer des Deutschen Buchpreises ist die Deutsche-Bank-Stiftung, weitere Partner sind die Frankfurter Buchmesse und die Stadt Frankfurt am Main. Die Deutsche Welle unterstützt den Deutschen Buchpreis bei der Medienarbeit im In- und Ausland.

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