Kühnert und Co: Die jungen Wilden bei den Parteien | Deutschland | DW | 19.01.2018
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Parteien

Kühnert und Co: Die jungen Wilden bei den Parteien

Die Jugendorganisationen der Parteien sind seit jeher nicht nur Talentschmieden für Nachwuchspolitiker. Oftmals übten die Jungen auch heftige Kritik an ihrer Partei - der Karriere hat es nicht geschadet. Im Gegenteil.

Deutschland Nachwuchspolitiker aktuell & historisch | Kevin Kühnert, SPD 2018 (Imago/R. Zensen)

Kevin Kühnert auf "No-GroKo"-Tour: Schon früh stellte sich der Juso-Vorsitzende gegen die Parteispitze

Kevin Kühnert war bis vor kurzem wohl für die meisten ein Unbekannter. Doch seitdem er die "No-Groko"-Kampagne innerhalb der SPD anführt, also gegen eine Neuauflage der Großen Koalition mit der Union kämpft, hat er seinen Bekanntheitsgrad enorm gesteigert. Mit seinen 28 Jahren bringt der Vorsitzende der Jungsozialisten (Jusos) den SPD-Vorsitzenden Martin Schulz in Bedrängnis. Kühnert ist kein Einzelfall: Jungpolitiker haben schon öfter die Alteingesessenen ins Schwitzen gebracht, besonders bei den Sozialdemokraten. Die DW liefert Beispiele aus der Vergangenheit: Über harte Forderungen - und spätere Karrieren.

Andrea Nahles

Seit September 2017 ist die 47-jährige Andrea Nahles Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion - und damit wohl die einflussreichste Frau, die es bei den Sozialdemokraten je gab. Ihre politische Karriere begann früh. Schon in der Abizeitung gab sie ihren Berufswunsch mit "Bundeskanzlerin" an und trat mit 18 Jahren in die SPD ein. 1995 wurde Nahles zur Bundesvorsitzenden der Jusos gewählt - und führte diesen Job bis 1999 aus. Sie galt als krawallig und links, kam auch gerne mal in Lederjacke und Jeans. Einer ihrer Förderer war Oskar Lafontaine, der sie als "Gottesgeschenk" an die Partei bezeichnete. Als Generalsekretärin und Bundesarbeitsministerin schlug sie moderatere Töne an. Doch ihr altes Juso-Image klebte noch lange an ihr. Mittlerweile ist sie zur Gegenspielerin der Jusos geworden - und versucht, ihnen die "GroKo" schmackhaft zu machen.

Gerhard Schröder

Er sei die "Abrissbirne der SPD-Programmatik", schimpfte Andrea Nahles 1998 als Juso-Vorsitzende über Gerhard Schröder. Dabei gehörte Schröder auch einmal zum linken Flügel der Partei, schwärmte vom Marxismus. 1978 wurde Schröder, der gerne auf seine Arbeiterherkunft verwies ("Wir waren die Asozialen"), für zwei Jahre Juso-Chef. Rund 20 Jahre später wurde er Bundeskanzler. Bei der Parteijugend sorgte er mit seiner Politik für heftige Kritik - allem voran mit dem von Rot-Grün beschlossenen Bundeswehreinsatz im Kosovo und seiner arbeitsmarktpolitischen "Agenda 2010". Als "Genosse der Bosse" bezeichnete ihn der damalige Juso-Vorsitzende Niels Annen - ein Begriff, der lange an Schröder haften blieb.

Klaus Uwe Benneter

Der ehemalige SPD-Generalsekretär Klaus Uwe Benneter ist 1977 als Juso-Vorsitzender wohl über das Ziel hinausgeschossen: Er forderte einen Schulterschluss mit dem Kommunismus und das Ende der sozialliberalen Regierung. Die CDU bezeichnete er als "Klassenfeind". Im gleichen Jahr wurde "Benni der Bürgerschreck" vom damaligen SPD-Bundesgeschäftsführer Egon Bahr aus der SPD und damit auch bei den Jusos rausgeworfen. Nachfolger wurde Gerhard Schröder, der Benneter 1983 auch wieder in die Partei zurückholte.

Heidemarie Wieczorek-Zeul

Auch die 75-jährige Heidemarie Wieczorek-Zeul gehörte einst zur Spitze der Jungsozialisten. Von 1974 bis 1977 war sie Bundesvorsitzende und damit die erste Frau in dieser Position. Der Spitzname der damals 31-jährigen Lehrerin lautete "Rote Heidi", eine Anspielung auf politische Haltung und Haarpracht. Sie selber bezeichnete sich als "Radikale im öffentlichen Dienst". Später wurde sie europapolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion, ab 1998 übernahm sie das Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Elf Jahre übte sie den Posten aus, die längste Dienstzeit für dieses Ressort.

Guido Westerwelle

Als aufmüpfig hätte man Guido Westerwelle auch bezeichnen können, als er als junger Jurastudent 1983 zum Bundesvorsitzenden der Jungen Liberalen (JuLis) gewählt wurde. Es sei höchste Zeit, sich dem linken Mainstream in den Weg zu stellen, befand er. Die JuLis hatten er und seine Mitstreiter erst wenige Jahre zuvor als klassisch liberale Gegenbewegung zu den eher linken Jungdemokraten (Judos) gegründet. 1982 erklärte die FDP die JuLis zu ihrer Jugendorganisation - und trennte sich von den Jungdemokraten. Westerwelle legte eine steile Karriere hin, wurde Generalsekretär, Bundesvorsitzender und Bundesaußenminister. 2016 starb er an Krebs.

Philipp Mißfelder

Junge Wilde gab es auch bei CDU: Von 2002 bis 2014 war Philipp Mißfelder Vorsitzender der Jungen Union - und brachte 2003 nicht nur die Senioren gegen sich auf. In einer Debatte um die Finanzierung des deutschen Gesundheitssystems sagte er: "Ich halte nichts davon, wenn 85-Jährige noch Hüftgelenke auf Kosten der Solidargemeinschaft bekommen." Später wurde Mißfelder außenpolitischer Sprecher seiner Fraktion, Mitglied des CDU-Präsidiums und Vorstandsmitglied des Transantlantik-Netzwerks Atlantik-Brücke. Doch seine Aussage von 2003 wurde er nie ganz los. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel erinnerte ihn 2014 daran, dass sein Start in der Union "unglücklich" gewesen sei.  2015 starb Mißfelder, der manchen als eines der größten Talente der CDU galt, im Alter von 35 Jahren an einer Lungenembolie.

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