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Kultur

Kühe auf der Bühne!

Bei der Eröffnung der europäischen Theaterbiennale in Wiesbaden erweitert der lettische Starregisseur Alvis Hermanis das Theater um eine weitere Dimension: die tierische.

Theaterstück Schwarze Milch von Alvis Hermanis (14.06.2012 im Staatstheater Wiesbaden); Copyright: Martin Kaufhold***ACHTUNG: Das Bild darf ausschließlich im Rahmen einer Berichterstattung (über dieses Theaterstück) genutzt werden***

Theaterbiennale in Wiesbaden

Ihr Schweif schlägt auf ihre Nachbarin. Die Kuh prustet einen Apfel aus, reibt die Hörner am Rücken der anderen. Hintern raus, starrer Blick, nach vorne gebeugter Oberkörper: So staksen die zierlichen Schauspielerinnen über die Bühne und verwandeln sich vor den Augen des Publikums in klobige Vierbeiner. Es sind Tiere mit Charakter, die von ihren Bauern verwöhnt werden, die heiraten, Kinder kriegen und sterben.

Alvis Hermanis "Schwarze Milch" ist das Eröffnungsstück der Theaterbiennale in Wiesbaden. In diesem Jahr hat sie ihr 20-jähriges Jubiläum. 30 Produktionen aus 25 Ländern werden unter dem Titel "Neue Stücke aus Europa" bis zum 24. Juni aufgeführt. Dabei ist keines der Stücke älter als zwei Jahre. Gespielt wird in der Originalsprache, die Zuschauer hören über einen Kopfhörer auf einem Ohr die deutsche Übersetzung.

Requiem auf die lettische Kultur

"Schwarze Milch" dreht sich um Landidylle in Lettland und die Symbiose zwischen Mensch und Kuh: "Früher rannten wir barfuß über die Weide. Wurde uns kalt, suchten wir einen frischen Kuhflaschen und stellten uns rein, bis uns wieder warm war", beschreibt der Bauer im Stück die Vergangenheit. Teils überzogen und mit ironischem Unterton zeigt Regisseur Hermanis, wie sehr die lettische Landbevölkerung an den Kühen hängt. "Eine Frau liebt ihre Kuh mehr als ihren Mann", sagt die Bäuerin im Stück zu ihrem Ehegatten.

Doch die Idylle verschwindet. Viele Menschen verkaufen ihre Kühe, ziehen vom Land in die Stadt. Wenn sie dann erst einmal Städter sind, unterscheiden sie sich kaum von anderen Europäern. "Wenn die letzte lettische Großmutter ihre letzte lettische Kuh abgibt, dann wird das authentische Lettland der Vergangenheit angehören", sagte Hermanis zuvor bei der Uraufführung. Er versteht sein Theaterstück deshalb als Requiem auf die lettische Kultur.

Erweiterung der theatralischen Möglichkeiten

Trotzdem die Milch verdirbt, die lettische Landwirtschaft zur Einöde wird und die Letten ihren Identifikationsmittelpunkt verlieren, bringt Hermanis die Zuschauer zum Lachen. Eine unglückliche Kuh versucht zu trampen: "Nach Indien, ins Land der heiligen Kühe", steht auf ihrem Schild. "Schau mal, die Milchstrasse" stupst die eine Kuh die andere an, als beide mit leuchtenden Hörnern ins Weltall schauen. Bei so viel augenzwinkerndem Erzählen bleibt die Frage, was Ironie und was Ernst ist.

Die Erzählung einer kulturellen Entwicklung anhand von Tieren sieht Festival-Mitgründer Tankred Dorst als einen "Versuch, die theatralischen Möglichkeiten um eine Dimension zu erweitern." Genau in der Darstellung der Tiere sieht seine Partnerin und Organisatorin Ursula Ehler die große Stärke des Regisseurs. "Herr Hermanis kann einfach sehr gut mit Menschen und ihren Körpern umgehen. Schauspieler Kühe darstellen zu lassen ist nicht so häufig in Europa."

Theater als Brücke

Eröffnung der 20. Theaterbiennale am 14.6.2012 im Staatstheater Wiesbaden; Copyright: DW/R. Krause

Gründer und Mitwirkende feiern das 20-jährige Jubiläum der Theaterbiennale

"Neue Stücke aus Europa" zeigt das Theaterfestival, das dieses Jahr das zwanzigste Jubiläum feiert. Doch was haben lettische Kühe nun mit Europa zu tun? Im echten Leben wohl viel, erschweren doch gerade die EU-Bestimmungen den Bauern die Landwirtschaft. Bei der diesjährigen Theaterbiennale sind solche gemeinschaftlichen europäischen Schnittpunkte aber nicht zu erkennen.

Das Festival versucht, keinen einheitlichen Themenschwerpunkt zu erstellen. "Das Ziel ist, die Unterschiede zu zeigen. Wir haben festgestellt, je lokaler etwas ist desto besser lässt es sich international transportieren. Im Moment kann man sich keine lokalere Produktion als die von Hermanis vorstellen" erklärt Manfred Beilharz, Intendant des Staatstheaters Wiesbaden. Die Eigenheiten der verschiedenen Länder darzustellen sei viel besser, als zu behaupten, dass die Kultur das einigende Band Europas sei; diese Vorstellung sei schlicht "Kitsch".

Gerade die Darstellung der lokalen Geschichten zeichnet ein vielschichtiges, spannendes Bild der europäischen Mikrokosmen: Das österreichische Stück "Immer noch Sturm" zeigt ein monumentales Selbstgespräch mit den eigenen Vorfahren, "Björn aus Öxl" ergründet den Mythos um den einzigen isländischen Massenmörder und das kosovarische Stück "Die Brücke" wagt eine Antwort auf die Frage, ob Versöhnung gelingen kann. In der Eröffnungsrede der Theaterbiennale wurde der "Vater Europas", Jean Monnet, zitiert: Man habe Europa nicht gegründet, um Länder zusammenzuführen, sondern die Menschen. Gerade durch die Vielseitigkeit bei der Theaterbiennale erhält der Zuschauer einen Einblick in verschiedene unbekannte und doch so nahe Welten – und genau dadurch kommen nicht nur Theater und Kultur, sondern die Menschen selbst zusammen.

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